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Lesart / Archiv | Beitrag vom 04.04.2015

Buenos Aires Sounds (5)Pablo Urondo, der schreibende Guerrillero

Von Dirk Fuhrig

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Blick über die Dächer von Buenos Aires, Argentinien, aufgenommen bei wolkigem Himmel am Montag (picture alliance / dpa / Arno Burgi)
Blick über die Dächer von Buenos Aires (picture alliance / dpa / Arno Burgi)

Der Originalton kommt diese Woche aus Buenos Aires. Dirk Fuhrig macht einen Stopp im Stadtteil Parque Chacabuco. In einem kleinen Restaurant gibt es hier Steak und gegrillte Gambas - gewürzt mit ganz besonderer junger Geschichte.

Das kleine Restaurant im Stadtteil Parque Chacabuco bereitet sich auf den Abend vor Klassiker der Küche von Buenos Aires gibt es hier, mit französischem Einschlag: Steak, gegrillte Gambas... und hausgemachter Flan zum Nachtisch steht auf der Karte. Javier, der Chef, richtet die Messer und Gabeln auf den weißgedeckten Tischen.

Javiers Vater war Francisco Urondo - Schriftsteller, Linker, Kämpfer gegen die Militärdiktatur. Seine Freunde nannten ihn nur Paco. Die ganze Familie Urondo wurde von den Generälen verfolgt. Als die die Macht übernahmen, war Javier 15. ... Heute will er an dieses Zeit aber nicht mehr so gern zurück denken. Er besteht er darauf, dass das hier aber einfach ein Restaurant ist... sonst nichts. 

Auf keinen Fall ein Erinnerungs-Ort an seinen Vater, das betont Javier immer wieder. Dass auf der Theke ein Foto von Paco, dem Schriftsteller, steht und daneben ein Zettel mit einem Gedicht eingerahmt ist... Zufall, sagt Javier. "Das hat ein Gast da hingestellt".

Aufrechter Kämpfer für die Meinungsfreiheit

Natürlich kommen manchmal Leute vorbei, sagt Javier, weil sie Paco Urondo gekannt haben, weil sie sich an den aufrechten Kämpfer für die Meinungsfreiheit erinnern wollen und an seine Literatur. Denen sagt sein Sohn Javier dann: Gut und schön, aber eigentlich sind wir hier, damit Sie was zu essen bekommen...

Paco Urondo war einer der kritischen Intellektuellen, die gleich zu Beginn der Diktatur 1976 aus dem Weg geräumt wurden. Urondo kämpfte nicht nur mit Worten, sondern auch mit der Waffe gegen die Diktatur. Das dachten damals viele, dass das nötig sei.

Francisco Paco Urondo war Literatur-Professor an der Universität von Buenos Aires. Berühmt wurde er aber durch einen Band mit Interviews zu einem der prägenden Ereignisse in der Geschichte Argentiniens: dem Massaker von Trelew, in Patagonien "La Patria fusilada" heißt dieses Buch, "Das ermordete Vaterland", das hingerichtete Vaterland.

Dass Paco Urondo einer der wichtigsten Intellektuellen Argentiniens war, der auch Drehbücher fürs Fernsehen geschrieben hat und Theaterstücke - in der Bar von Javier, dem Sohn, ist heute höchstens die Küche umstürzlerisch: ein Schweinesteak kommt hier jetzt auf den Teller – im Rinderland Argentinien eine seltene Delikatesse. Kochen statt Revolution – der Sohn will an die grausamen Zeiten nicht so gerne zurück denken. Seinen Vater hat er als Kind auch gar nicht oft gesehen, der war immer mit politischen Dingen beschäftigt.... Und Javier Urondo spricht ohnehin lieber über das Kochen und über das Restaurant als Politik und über den Schriftsteller, der sein Vater gewesen ist. "Lesen, das ist etwas für ein paar Leute. Aber essen, dass müssen alle, und zwar viermal am Tag".

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