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Fazit / Archiv | Beitrag vom 10.04.2019

Büchners "Woyzeck" in WienDas große Gähnen

Von Christoph Leibold

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Falk Rockstroh und Steven Scharf in Woyzeck am Burgtheater Wien (Reinhard Werner/Burgtheater)
Die Demontage des Woyzecks: Falk Rockstroh und Steven Scharf am Burgtheater Wien. (Reinhard Werner/Burgtheater)

Am Burgtheater in Wien wird Büchners Woyzeck zu einer Zirkusnummer – leider nicht wirklich zu einer komischen, meint unser Kritiker Christoph Leibold: Die Inszenierung bietet ein großes Zirkuszelt und traurige Clowns, aber irgendwie kein Tempo.

Die Bühne des Wiener Akademietheaters ist zugehängt mit einer rot-weißen Zirkuszeltplane. Durch eine Öffnung sieht man den blutroten Sand einer Manege, die vom Halbrund einer Zuschauertribüne eingefasst wird.

Steven Scharf als Woyzeck tritt hindurch und zerrt bald die Plane herunter, demoliert dann einige Sitzreihen. Während er seinem zerstörerischen Werk nachgeht, beobachten ihn ein paar Gestalten, die an Clowns erinnern, weil sie pluderige Hosen und zu große Anzugjacken tragen. Es sind die übrigen Stückfiguren: Woyzecks Geliebte Marie, der Hauptmann, der Doktor, der Tambourmajor.

Woyzeck ist der komischste Kauz von allen

Das Zirkuszelt, unter dem sie leben und das Woyzeck mit ein paar gezielten Handgriffen demontiert, bietet so wenig Schutz wie das Himmelszelt, das sich ja nur scheinbar über der Erde wölbt, während sich dahinter tatsächlich ein unergründliches Universum ausbreitet, das alles Irdische unbedeutend und klein macht. Und die Menschen zu Witzfiguren. Zu lächerlichen Kreaturen, zu Clowns eben.

Und Woyzeck ist der komischste Kauz von allen. Regisseur Johann Simons interessiert sich weniger für Woyzeck als sozialen Außenseiter, sein Wiener Woyzeck ist labil, weil er an seinem Wissen um die Erbärmlichkeit der menschlichen Existenz angesichts der Unendlichkeit leidet.

Die erste halbe Stunde dieses Theaterabends ist voll von albernen, aber leider nicht wirklich komischen Zirkusnummern. Dann weicht die ausgestellte Komik einer ebenso ausgestellten Bedeutungsschwere und werden aus den circensischen Spaßmachern Existenzclowns aus dem Geiste Becketts. Nur kommen mit diesen traurigen Clowns nicht die Tränen, sondern eher das große Gähnen. Auch weil Simons seinen Hauptdarsteller das Tempo arg verschleppen lässt.

Starker innerer Druck 

Anfangs spuckt Steven Scharf nur Satzbrocken aus, man spürt den inneren Druck, unter dem dieser Woyzeck steht, ein Druck, der ihn zu zerreißen droht. Das ist großartig. Später dehnt Scharf die Worte immer stärker, zergliedert die Sätze, legt lange Pause ein, und es ist, als würde der Druck nun in kleinen Stößen entweichen. Das ist langatmig. So ist viel zu früh die Luft raus aus dieser Inszenierung und man fragt sie zunehmend: Wozu der ganze Zirkus?

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