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Lesart / Archiv | Beitrag vom 05.03.2019

Büchervermittler Reinhold Joppich"Der kleine und mittlere Buchhandel hat wieder einen Aufschwung"

Reinhold Joppich im Gespräch mit Frank Meyer

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Eine Buchhandlung in Berlin. (picture alliance/dpa/Foto: Jens Kalaene)
Der Kunde bestellt ein Buch, am nächsten Tag ist das da – dafür ist der Zwischenbuchhandel da. (picture alliance/dpa/Foto: Jens Kalaene)

Es gebe eine "relative Krise", sagt Büchervermittler Reinhold Joppich – und er nennt die Krise beim Zwischenbuchhandel KNV aus Stuttgart. Zugleich wende sich der Buchleser von großen Internethändlern wie Amazon ab.

Frank Meyer: Unser Gast heute, das ist Reinhold Joppich, der kennt praktisch alle Winkel des Buchhandels. Er war unter anderem 30 Jahre lang beim Verlag Kiepenheuer & Witsch, er macht selbst landauf, landab Lesungen, heute arbeitet er für den Secession Verlag. Wie so ein ausgebuffter Fahrensmann wie Reinhold Joppich auf die Schwierigkeiten des Buchhandels guckt, auf die Schwierigkeiten der Verlage, auf die Rede von der Krise des Buchhandels, das wollen wir heute mit ihm besprechen.

Meyer: Aber zuerst wollen wir mal wissen, an diesem Karnevalsdienstag, wie feiern eigentlich die Kölner Büchermenschen so Karneval?

Joppich: Also vor allen Dingen in den Verlagen wird rauschend gefeiert, und das hat immer schwäbische Buchhändler zum Beispiel verwirrt, wenn ich denen erzählt habe, bei Kiepenheuer & Witsch gibt’s Karnevalsgeld. Als ich 1984 begann, bekamen wir da 10 Mark, und als die Bierpreise erhöht wurden, stieg dann der Karnevalspreis oder das Geld für Karneval auf 18 Euro zum Schluss – angepasst dem Bierpreis.

Und das fing immer an Weiberkarneval, um 11.11 Uhr feierten wir schon im Verlag und zogen dann in die Kneipen. Manchmal rief noch mich um 12 Uhr ein Buchhändler aus Stuttgart oder Tübingen an, da hab ich gesagt: Seid ihr wahnsinnig, wisst ihr nicht, was heute für ein Tag ist. Und so haben wir das immer großartig gefeiert, auch mit Lübbe und DuMont, Verlagsleute aus Frankfurt, von Fischer oder Rowohlt, kamen extra für den Weiberkarneval nach Köln.

Meyer: Da tut sich die Branche dann zusammen, ja?

Joppich: Ja, auf jeden Fall, und auch Buchhändlerinnen und Buchhändler kamen dazu, also immer großartig gefeiert. Freitags wieder gearbeitet, dann aber die restlichen Tage durchgefeiert, und am Mittwoch geht’s dann wieder weiter oder heute teilweise auch schon wieder.

Meyer: Aber dann durchgefeiert von Samstag bis Dienstag, also vier Tage?

Joppich: Wer die Kondition hatte, hat das gemacht. Einige haben sich zwischendurch ausgeruht und wieder weitergefeiert am nächsten Tag.

Meyer: Also zurzeit wird auch gefeiert. Sie haben sich mal ein bisschen Auszeit genommen …

Joppich: Diesmal hab ich auf Karneval verzichtet.

Meyer: Sehr schön, das ist doch für unser Gespräch vielleicht doch ganz gut.

Joppich: Ach, ich könnte es trotzdem.

"Das Erfreuliche ist, dass es eine Gegenbewegung gibt"

Meyer: Sonst ist ja nicht gerade so Partylaune im Buchgeschäft, im Gegenteil, es wird viel von Krise geredet, von Leserschwund, Konkurrenz der Fernsehserien ist ein Thema und so weiter. Andere wiederum sagen, Büchermenschen sind sowieso immer am Jammern, die kennen wir sowieso nicht anders. Aus Ihrer Sicht, Herr Joppich, ist denn das Buchgeschäft gerade in der Krise?

Joppich: Es ist in einer relativen Krise, wollen wir das so ausdrücken. Sie haben vollkommen recht, es wird seit Jahrzehnten schon über die Krise des Buches gejammert, als immer mehr Fernsehsender auf den Plan traten, das wird das Buch verdrängen, was nicht eingetreten ist – im Gegenteil. In den letzten Jahren hat es einige Krisen gegeben, vor allen Dingen, weil die Filialisten übertrieben haben mit ihren großen Filialen – also Thalia, Mayersche, Hugendubel – und sind wieder zurückgefahren, kleinere Buchhandlungen daraus gemacht.

Aber das Erfreuliche ist, dass es eine Gegenbewegung gibt: Der inhabergeführte Buchhandel, der kleine und mittlere Buchhandel hat wieder einen regelrechten Aufschwung erlebt, besonders im letzten Jahr, das habe ich vielfach von Buchhändlerinnen und Buchhändlern gehört. Also das zeigt, dass der Buchkäufer, der Buchleser sich abwendet von dieser, wie ich immer sage, Verbrecherorganisation aus Amerika – Amazon, kann man ruhig beim Namen nennen – und wieder gerade in den individuellen Buchhandel geht, wo noch Beratung stattfindet. Und das ist das Erfreuliche.

Büchervermittler Reinhold Joppich (imago / Horst Galuschka)Büchervermittler Reinhold Joppich (imago / Horst Galuschka)
Meyer: Aktuell gehört zur Krise ja auch, dass einer der größten oder der größte Zwischenhändler in die Knie gegangen ist, der Buchgroßhändler KNV. Aus Ihrer Sicht, kann das Schwierigkeiten bewirken?

Joppich: Ja, das ist ein Alarmsignal. Also KNV, Koch, Neff & Oetinger aus Stuttgart, eines der herausragenden Unternehmen des Zwischenbuchhandels, einmalig in der Welt, überhaupt im deutschsprachigen Buchhandel, seit es den Zwischenbuchhandel gibt, was dem Käufer gar nicht so bewusst ist: Er bestellt ein Buch, am nächsten Tag ist das da, was eine Verlagsauslieferung nicht so schnell machen kann, dafür ist der Zwischenbuchhandel da, da beneiden uns alle ausländischen Buchhändler und Verlagskollegen drum.

Und wenn so einer zusammenbricht, weil er von Stuttgart aus nach Erfurt gegangen ist, übertrieben hat, die Logistik nicht gestimmt hat, dann läuten bei mir schon die Alarmglocken. Wenn der Zwischenbuchhandel wegbrechen würde, dann könnte der Kunde nicht mehr von heute auf morgen sein Buch abholen, und dann wird Amazon noch mächtiger werden. Und das ist was, was mich ein bisschen skeptisch stimmt und, Angst ist übertrieben, aber es sieht ganz gut aus, dass das Unternehmen gerettet werden kann.

Zusammenarbeit der Verlage und Buchhandlungen ist wichtig

Meyer: Was hat sich denn jetzt so aus Ihrer Sicht mit all Ihrer Erfahrung geändert tatsächlich in den letzten Jahren beim Vertrieb und beim Verkauf von Büchern? Sie haben über die Ketten schon gesprochen, gibt es andere große Änderungen?

Joppich: Ja, natürlich, die ganzen Medien, die dazugekommen sind und was den Menschen vom Buch ablenken könnte – ich meine jetzt nicht nur Fernsehen, sondern auch Internet und, und, und –, das hat natürlich schon … Gerade bei jüngeren Menschen hat das schon ein bisschen Kunden abgezogen vom Buchhandel, aber auf der anderen Seite wird es auch wieder aufgefangen. Wenn man sieht, dass gerade das Kinder- und Jugendbuch immer Umsatzzuwächse hat, lässt das natürlich hoffen.

Meyer: Was ja auf jeden Fall stimmt, es gibt heute einige Millionen Buchkäufer weniger als noch vor wenigen Jahren, sechseinhalb Millionen ungefähr ist die Zahl, um die ist die Zahl der Buchkäufer zurückgegangen zwischen 2013 und 2017. Was würden Sie denn den Verlagen empfehlen, wie man Leser wieder zurückgewinnen kann?

Joppich: Ja, einmal ist es ganz wichtig, dass Verlage und Buchhandlungen intensiv zusammenarbeiten. Dann finde ich die Unterstützung durch die Bundesregierung sehr wichtig, dass es zum Beispiel diese Sache gibt, dass jedes Jahr die Buchhandlung des Jahres mit dem Buchhandelspreis ausgezeichnet wird, ausgezeichnet von Frau Grütters. Das bringt den Buchhandel noch mal ins öffentliche Bewusstsein.

Und dann der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, was er in den letzten Jahren verstärkt gemacht hat, eine Außenwerbung zu betreiben. Wie wichtig es ist, dass es Buchhandlungen gibt, dass es die Vielfalt des Buchhandels gibt, dass es die Preisbindung gibt, was ja auch sehr, sehr wichtig ist, dass in einer kleinen Buchhandlung der Bestseller denselben Preis hat wie bei einem Filialisten oder wie bei Amazon. Und dann ist es wichtig, noch mal ins Bewusstsein zu bringen, was der Buchhandel, was die Verlage leisten – die Vielfalt der Literatur, des Sachbuchs, der politischen Diskussion, die durch Bücher angefacht wird, und das weiter noch verstärkt nach außen zu tragen.

Meyer: Wir haben heute Reinhold Joppich zu Gast in der "Lesart", ein höchst erfahrener Mann, was das Verkaufen von Büchern angeht. Wir haben eben über die Krise des Buchmarktes gesprochen, Herr Joppich, und Sie haben die Bundesregierung gelobt, unter anderem für die Initiative von Kulturstaatsministerin Grütters, besondere Buchhandlungen auszuzeichnen. Würden Sie sich so was eigentlich auch für Verlage wünschen, Auszeichnungen für Verlage vonseiten der Kulturstaatsministerin?

"Es gibt natürlich auch ein paar schwarze Schafe"

Joppich: Das wäre sehr wünschenswert. Da gibt’s eine bisschen Problematik, weil den Buchhandlungen werden ja auch die kleinen nur ausgezeichnet, also nicht die Filialisten, weil man will ja gerade die unabhängigen unterstützen. So könnte ich mir das auch vorstellen, dass das sinnvoll wäre, kleinere Verlage, die unabhängig sind, die Familienunternehmen sind, die noch Inhaber sind, wenn man die auch so in diese Richtung unterstützen würde.

Meyer: Was ist, gerade auch wenn wir noch mal auf die Buchhandlungen gucken, eigentlich der Vorteil von inhabergeführten Buchhandlungen, aus Ihrer Sicht, jetzt gegenüber den großen?

Joppich: Also wie ich die vielen, vielen Buchhandlungen kenne – es gibt natürlich da auch ein paar schwarze Schafe, die verschlafen sind –, aber in der Regel, die das gut machen, haben vor allen Dingen allen noch ausgebildete Buchhändlerinnen und Buchhändler. Und das ist für meine Begriffe das A und O – die also beraten können, die was zu Büchern erzählen können, die auch mal Bücher in den Vordergrund stellen können, die nicht auf den Bestsellerlisten sind. Während die großen Filialisten – ich mag sie alle, Hugendubel, Mayersche und Thalia, gute Kontakte immer, bis heute noch –, aber sie haben das Personal reduziert, und die sind meistens damit beschäftigt, Bücher in die Regale einzupacken, statt Kunden zu beraten.

Das ist der große Vorteil des kleinen und mittleren Sortiments, dass da noch ausgebildete Buchhändler sind, die da investieren in die Ausbildung und so entsprechende Beratung stattfinden kann, und das ist ein Vorteil. Für meine Begriffe müssten die Verlage ihre Werbegelder auch neu verteilen und mehr auf die kleinen und mittleren Buchhandlungen verteilen, statt den großen das zu geben.

"Man kann auch vieles schlechtreden"

Meyer: Wenn ich Sie richtig verstanden habe in der Vergangenheit, geht Ihnen aber auch das Gejammer mancher Büchermenschen auch ganz schön auf die Nerven, oder …

Joppich: Unbedingt.

Meyer: … würden Sie sagen, das ist auch mit Schuld daran, dass man immer von einer Krise redet?

Joppich: Ja, natürlich. Das finde ich ja auch gut, dass zum Beispiel der Vorsitzende des Buchhandels, der Heiner Riethmüller, der Vorsitzende des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, auch mal selbst gesagt hat, jetzt ist Schluss mit dem Gejammere über die Situation im Buchhandel, denn man kann auch vieles schlechtreden, was gar nicht so schlecht ist.

Meyer: Und was Sie auch öfter vermisst haben, Herr Joppich, ist so was wie Haltung bei Büchermachern und Bücherverkäufern. Was genau vermissen Sie da mit so einer Haltung?

Joppich: Ich finde, das war nun noch in den 80er-Jahren und auch teilweise noch in den 90er-Jahren, dass politische Bücher – nur mal ein Beispiel von politischen Büchern –, dass die manchmal boykottiert wurden vom Buchhandel, und dass wegen des Umsatzes, dass Buchhändler immer wieder auch Bücher verkauft haben, wo sie gar nicht dahinterstanden wegen des Umsatzes.

Ich kann mich noch erinnern, als das Buch von Herrn Sarrazin rauskam, und es gab sogar ehemalige linke Buchhändler, die hatten den noch als Stapeltitel da stehen, das Buch, die haben mit den Achseln gezuckt, wenn ich sie drauf angesprochen habe. Aber das ändert sich auch gerade wieder, da ist ein stärkeres Bewusstsein da, und damit kann man auch eine Stellung beziehen und das wird auch anerkannt.

"Buchhandel und die Verlage haben ja eine Wirkung"

Meyer: Aber da müssen Sie mir mal erklären, ich möchte eigentlich nicht, dass mir mein Buchhändler vorsortiert, was für eine politische Haltung ich haben sollte.

Joppich: Nein, das nicht, das sage ich ja nicht, aber er kann zum Ausdruck bringen, dass er zu bestimmten rassistischen Büchern zum Beispiel nicht steht und die auch nicht führt.

Meyer: Und vermissen Sie auch so …

Joppich: Das können Sie ja dann, wenn Sie wollen, können Sie es ja irgendwo anders bestellen. Ich möchte jetzt nicht sagen wo.

Meyer: Und vermissen Sie auch bei den Büchermachern, also wenn wir eben über die Bücherhändler gesprochen haben, bei den Büchermachern auch Haltung?

Joppich: Nee, das würde ich nicht unbedingt bestätigen. Ich will jetzt nicht meinen alten Verlag Kiepenheuer & Witsch besonders in den Vordergrund stellen, der immer besonders bekannt war für politische Bücher, sei es Heinrich Böll oder Günter Wallraff, bis in die heutige Zeit, Harbecke und so weiter, diese politischen Bücher, die die machen und richtungsweisend sind.

Und so gibt es eine Menge von Verlagen, die da Position beziehen und entsprechende Bücher auf den Markt bringen, gerade im Sachbuchbereich. Und das ist ja so, der Buchhandel und die Verlage haben ja eine Wirkung, eine politische Wirkung, eine Außenwirkung - sei es auf dem literarischen Bereich oder auf der literarischen Seite als auch im Sachbuchbereich.

Meyer: Wie ist das, Sie waren so lange Vertriebsleiter bei Kiepenheuer & Witsch - mit welchen Tricks haben Sie eigentlich so Ihre Abnehmer dazu bewogen, Ihre Bücher zu verkaufen? Sie können ja jetzt drüber reden, Sie sind ja da raus aus dem Geschäft.

Joppich: Ja, raus indirekt, nicht raus aus dem Geschäft, ich habe immer noch wunderbare Kontakte. Ich sag Ihnen ganz ehrlich, es waren keine Tricks, es waren Überzeugungssachen. Wenn man sich identifizierte mit den Büchern seines Verlages und die engen Freundschaften zu Autorinnen und Autoren, das konnte ich übertragen in den Buchhandel rein.

Ich weiß noch genau, Volker Weidermann, "Ostende 1936", da hab ich vor Weihnachten mich in den Verlag gesetzt und hab 50 Briefe – handgeschrieben – an ausgewählte Buchhändler geschickt, das Buch dazugelegt und hab gesagt, das ist ein großartiges Buch. Und die Reaktionen waren umwerfend, zum Beispiel die große Osiandersche Kette in Baden-Württemberg, die hat das zum Buch des Jahres gemacht. Das waren die Tricks, in Anführungszeichen. Da war eine Art Überzeugungstäterei.

"Die Mühe hab ich mir gern gemacht"

Meyer: Handgeschriebener Brief, würde ich sagen, ist schon ein interessanter …

Joppich: Das hat viel Arbeit gekostet, aber das war auffällig - wenn sonst nur Mails kamen, plötzlich ein Buch mit einem handgeschriebenen Brief und mit der individuellen Anrede. Also die Mühe hab ich mir gern gemacht, weil ich natürlich auch von dem Buch und von vielen anderen – ich könnte noch andere Beispiele aufzählen, wo das gelungen ist über die individuelle Überzeugungstat.

Das war ich ja nicht alleine, das war meine Abteilung im Vertrieb, das war die großartige Presseabteilung des Verlages Kiepenheuer & Witsch und natürlich auch der Verleger und das Lektorat des Hauses Kiepenheuer & Witsch, weil das sehr eng zusammenstand. Aber es gibt auch andere Verlage. Ich liebe den Wagenbach-Verlag in Berlin, dem es auch immer wieder gelingt, Bestseller zu platzieren.

Meyer: Herr Joppich, was ist denn für Sie ein Buch Ihres Lebens?

Joppich: Unabhängig davon, dass ich schon mit acht Jahren Karl May gelesen habe, lassen wir das jetzt mal weg. In der Vergangenheit Bücher von Böll, von Wallraff, von Uwe Timm, ich könnte Ihnen x aufzählen. Italienische Autoren wie Erri De Luca, Giorgio Bassani und, und, und - García Márquez nicht zu vergessen, alles großartige Bücher, die mein Leben geprägt haben.

"Ein Buch, was mich bis heute noch geprägt hat"

Meyer: Wenn Sie sich entscheiden müssten?

Joppich: Ja, das kann ich Ihnen sagen, das ist Ignazio Silone, "Wein und Brot" – dieser Schriftsteller, der Mitbegründer der kommunistischen Partei Italiens 1921 war und dann aus der Partei ausgetreten ist, im Exil in der Schweiz gelebt hat und dort seine Erfahrungen verarbeitet hat, aus den Abruzzen stammt. "Wein und Brot" ist ein sehr autobiografisches Buch, die Geschichte des Partisanen Pietro Spina, der dann vor den Schergen Mussolinis in die Abruzzenberge flieht, dort sich als Priester verkleidet, die Menschen von ihm Rat und Tat wollen, er ihnen aber eigentlich den Marxismus-Leninismus beibringen will, sie aber kein Verständnis dafür haben.

Und dann lernt er ihre wahren Bedürfnisse kennen, und in letzter Flucht, als sein Versteck entdeckt wird, gelingt ihm die Flucht in die Abruzzenberge, um den Schergen Mussolinis zu entfliehen. Das ist ein sehr, sehr eindrucksvolles Buch. Silone soll auf seinem Sterbelager 1978 gesagt haben: Ich bin ein Christ ohne Kirche und ein Sozialist ohne Partei. Und dieser ganze Widerspruch kommt in diesem Buch zutage. Das habe ich zum ersten Mal Ende 77 in Rom eben gelesen, und dann stellte ich fest, dass bei Kiepenheuer & Witsch die Rechte lagen, und habe dafür gesorgt, dass es wieder ins Programm kam. Ich habe auch viele Lesereisen zu Silone gemacht – sehr, sehr, sehr beeindruckt. Und das ist ein Buch, was mich bis heute noch geprägt hat.

Meyer: "Wein und Brot" von Ignazio Silone, ein Buch seines Lebens für Reinhold Joppich. Dann danke ich Ihnen sehr für diese dringende Empfehlung!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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