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Kirsten Boie empfiehlt "Die verschwindende Hälfte"

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Das Cover des Buches "Die verschwindende Hälfte" auf einem Aquarell in Sandsturm-Optik.
Wichtiger Beitrag zum Rassismus, auch in Deutschland: "Die verschwindende Hälfte". © Rowohlt / Deutschlandradio
Von Kirsten Boie · 21.12.2020
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In einem Dorf versuchen Schwarze von Generation zu Generation, hellhäutiger zu werden. Dabei wird das Konzept von Rasse auf groteske Weise ad absurdum geführt. Kirsten Boie schenkt den Roman einer Freundin, mit der sie oft über Rassismus diskutiert.
Eigentlich habe ich mich in diesem Jahr endlich mal durch meinen Stapel ungelesener Bücher lesen wollen – wegen der großen Zahl ausgefallener Leseveranstaltungen und Reisen war dafür auf einmal ausreichend Zeit. Dass der Stapel trotzdem noch nicht abgearbeitet ist, liegt einfach daran, dass ich zwischendurch unbedingt auch immer wieder Neuerscheinungen lesen wollte, und dieser Roman hat mich ganz besonders beeindruckt. Es geht um ein Phänomen, mit dem ich mich vorher noch niemals beschäftigt hatte, das aber, wenn man erst mal dazu googelt, in der Realität wie in der Literatur gar nicht so selten ist: Es geht um Passing.

Mensch verleugnet ethnische Herkunft

Passing bedeutet, dass ein Mensch seine ethnische Herkunft verleugnet und eine neue Identität als Angehöriger einer anderen Ethnie annimmt, dass also Schwarze als Weiße leben oder – seltener – Weiße als Schwarze. Schon Philip Roths "Der menschliche Makel" dreht sich ja um dieses Thema.
In "Die verschwindende Hälfte" geht es um die Zwillinge Desiree und Stella aus Mallard, einem kleinen Ort, der nur von Schwarzen bewohnt wird; aber – und das ist das Besondere – von Schwarzen, die versuchen, von Generation zu Generation hellhäutiger zu werden. Es gibt blonde Menschen unter ihnen und rothaarige, trotzdem identifiziert man sich in Mallard als schwarz und distanziert sich von den Weißen, verachtet aber dunkelhäutigere Schwarze.

Verbindung zur Vergangenheit kappen

Auch Desiree und Stella sind so hell, dass sie problemlos als weiß durchgehen könnten. Als Stella – das Buch spielt in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts – die Chance auf einen Job hat, der nur Weißen offensteht, wechselt sie auf die andere Seite, heiratet ihren Vorgesetzten, lebt in einem wohlhabenden Viertel nur für Weiße, hat eine blonde Tochter. Aber sie muss alle Verbindungen zu ihrer Vergangenheit kappen, da Passing in den USA dieser Zeit ein Verbrechen war; und als schwarz galt eben, vollkommen unabhängig vom Aussehen, jeder, der irgendwo in seiner Ahnenreihe, egal wie weit zurück, schwarzes Blut hatte. Deshalb werden auch die Blonden, Blauäugigen in Mallard von den Weißen als Nigger bezeichnet, der Vater von Desiree und Stella wird gelyncht.
All das ist so grotesk und gleichzeitig so grausam und führt das Konzept der Rasse endgültig ad absurdum. – Und wenn man dann liest, wie Desirees wirklich schwarze Tochter von den anderen Kindern im Ort gemieden und gemobbt wird, wie sehr die Bewohner von Mallard, selbst Opfer des Rassismus, sich trotzdem rassistisch verhalten –, dann ist das oft unerträglich zu lesen.
Ich werde das Buch einer Freundin schenken, mit der ich in diesem Jahr viel über #BlackLivesMatter diskutiert habe, über die Frage, ob es Rassismus auch bei uns in Deutschland gibt und was genau denn nun überhaupt Rassismus ist, was wir darunter verstehen (nur bewussten oder auch ungewollten?). Ich bin sicher, das Buch wird die Grundlage für viele weitere Gespräche zwischen uns sein.

Brit Bennett: "Die verschwindende Hälfte"
Übersetzer: Isabel Bogdan und Robin Detje
Rowohlt Verlag, Hamburg 2020
416 Seiten, 22 Euro

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