Seit 04:05 Uhr Tonart

Sonntag, 07.06.2020
 
Seit 04:05 Uhr Tonart

Lesart | Beitrag vom 09.03.2020

Bücher von SchriftstellerinnenLest mehr Frauen!

Wiebke Porombka im Gespräch mit Andrea Gerk

Beitrag hören Podcast abonnieren
Illustration einer Frau, die kopfüber in ein offenes Buch springt (Malte Müller für Deutschlandradio)
Welche Bücher von Frauen muss man gelesen haben? Unsere Redaktion hat 20 Favoriten zusammengetragen (Malte Müller für Deutschlandradio)

Der Literaturkanon ist immer noch von Männern dominiert, dabei gibt es so viele großartige Bücher von Schriftstellerinnen. 20 Lieblingstitel aus der Redaktion stellen wir vor – aber die Liste soll natürlich fortgesetzt werden.

Wir haben in der Redaktion nach den Lieblingsbüchern von Autorinnen gefragt. Alles war möglich: Sachbücher, Neuerscheinungen, Klassiker. Das sind die ersten 20 Bücher, die genannt wurden.

Angie Thomas: "The Hate U Give" (2017)

Was, wenn neben dir auf dem Autositz ein guter Freund getötet wird? Und was, wenn es nur passiert, weil du schwarz bist? Angie Thomas schreibt aus der Sicht des Mädchens Starr, die überlebt – und irgendwie weiterleben muss. Ein Buch über die hässlichsten Seiten des Rassismus, und den starken Glauben, ihn zu überwinden. Ein unbedingt notwendiges Buch.


Jenny Erpenbeck: "Heimsuchung" (2008)

Ein Haus am See spielt die Hauptrolle in diesem Roman, der das gesamte 20. Jahrhundert aufblättert. Es ist das Haus von Jenny Erpenbecks Großmutter, ein Haus, in dem die Autorin einen Großteil ihrer Kindheit verbracht hat und das die Familie verliert, weil es enteignet wurde. Wer hat es gebaut und was hat sich hier alles abgespielt? Eine gründliche Recherche, die Erinnerungen und Legenden korrigiert. Selten wird die Komplexität von Heimat so sichtbar wie in diesem Roman.


Jane Austen: "Stolz und Vorurteil" (1813)

Der berühmteste Roman der besten englischen Stilistin der Regency-Ära wird gerne als romantische "Frauenliteratur" in die minder ernste Ecke gestellt. Worin sich aber nichts anderes als die Absurdität der Kategorie "Frauenliteratur" zeigt. Denn einen kritischeren Blick auf Gesellschaft als Austens liebevoll-spöttischen muss man lange suchen.


Ginette Kolinka: "Rückkehr nach Birkenau" (2019)

Als Ginette Kolinka nach Auschwitz-Birkenau zurückkehrte, war Frühling und eine Joggerin lief über die Straße. Über eben die Straße, die von den Bahngleisen direkt ins Lager führte, 70 Jahre früher. Im Dialog mit uns Lesenden erinnert sie Gerüche und Grauen, Scham und Schmutz, die perversen Widersprüche des KZ-Lebens. Und verdeutlicht mit wenigen, eindringlichen Szenen den Alltag im KZ, der jeden leichtfertigen Umgang mit diesem Ort verbietet. Nach langem Schweigen meldet sich Ginette Kolinka als wichtige Zeugin des NS-Terrors.


Victoria Mas: "Die Tanzenden" (2020)

Die Hysterie ist eine Erfindung von Männern. Jahrzehntelang wurden in der Salpêtrière, dem berühmtesten Krankenhaus von Paris, Frauen beobachtet, fotografiert, vorgeführt – ihrer Freiheit beraubt. Kulturtechniken wie die Psychoanalyse aber auch Film und Fotografie wurden durch die Praktiken der Ärzte von damals beeinflusst. Victoria Mas erzählt ihren Roman "Die Tanzenden" aus der Perspektive der Insassinnen. Ein einfacher Kniff – und doch so wirkungsvoll. Endlich geht es um die Frauen!


Friederike Mayröcker: "Die Abschiede" (1980)

Im Kopf gespeicherte Bilder, Gespräche, optische Wahrnehmungen und sprunghafte Gedanken verwebt Friederike Mayröcker zu einer sprachintensiven Prosa. Es wird schwer sein, ein anderes Buch zu finden, in dem das Motiv "Abschied" so vielfältig und prickelnd erzählt wird.


Julia Ebner: "Radikalisierungsmaschinen" (2019)

Sie sind wenige, aber sie wissen, wie man uns manipuliert. Ob Rechtsextreme, Islamisten, Anti-Feministinnen oder Verschwörungstheoretiker – sie alle nutzen neueste Technologien für ihren Kampf gegen eine moderne Welt. Julia Ebner hat sich in diese Netzwerke eingeschleust und zeigt von innen, wie deren Radikalisierungsmaschinen funktionieren. Ein spannendes, aufschlussreiches Buch.


Céline Minard: "Mit heiler Haut" (2013)

Cowboys im Badehaus, charmante Pferdediebe, ein Arzt, der helfen will und versehentlich die halbe Prärie entvölkert. Céline Minards Anti-Western ist eine lebenspralle Scharade über die Gründerzeit der USA – erbarmungslos, scharfsinnig und hinreißend komisch.


Barbara Yelin: "Irmina" (2014)

Eine herausragend gezeichnete, atmosphärisch dichte Graphic Novel, die zum großen Teil im nationalsozialistischen Deutschland spielt. Yelin erzählt die Geschichte einer ambitionierten Frau, die nicht den richtigen Weg findet. "Ich wollte doch etwas werden, jemand sein", sagt Irmina am Schluss.


Mely Kiyak: "Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an" (2019)

Ein Buch der Stunde. Über die Liebe der Tochter zum Vater, die in der Nähe des Todes umso inniger wird. Zugleich ein Buch über ein kaltes Land, das von dieser Liebe wenig wissen will.


Emily St. John Mandel: "Das Licht der letzten Tage" (2014)

Post-Apokalypse: Ein Virus hat die Menschheit dahingerafft. Die letzten Überlebenden sammeln sich. Eine Theatertruppe zieht durchs Land und spielt Shakespeare. In einem alten Flughafen entsteht derweil ein "Museum der Zivilisation". Ein Roman darüber, wie Kultur tröstet, auch wenn alles verloren ist.


Noah Sow: "Die Schwarze Madonna" (2019)

Die Antirassismusexpertin hat das Terrain gewechselt. Statt ein Sachbuch wie ihr Klassiker "Deutschland Schwarz weiß" ist ihr neues Buch ein "afrodeutscher Heimatkrimi", im Selbstverlag veröffentlicht. Und er ist exzellent: politisch, spannend, witzig, unterhaltsam und das, ohne Diskriminierung zu reproduzieren. Dieses Buch hat auf dem deutschen Markt gefehlt.


Virginia Woolf: "Orlando. Eine Biographie" (1928)

Orlando, Botschafter in Konstantinopel im 16. Jahrhundert, erwacht eines Morgens als Frau. Sie reist zurück nach England und durchlebt mit der Erfahrung beider Geschlechter mehrere Jahrhunderte und Identitäten. 1928 ist sie eine Dichterin und erst 36 Jahre alt. Ein genialer Coup und ein phantastisches Lesevergnügen.


Han Kang: "Die Vegetarierin" (2007)

Eine junge Ehefrau meint, sie verwandle sich in eine Pflanze. Ehemann, Schwager und Schwester erzählen, wie dadurch ihre Welt ins Wanken gerät. In Han Kangs posthumanistischer Novelle "Die Vegetarierin" stellt eine einfache, extrem konsequent durchgezogene Setzung alle Gewissheiten in Frage.


Clarice Lispector: "Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau" (2019)

Lispector wurde 1920 in der Ukraine geboren. Kurz nach ihrer Geburt musste die Familie nach Brasilien fliehen. Das Trauma ihrer von russischen Soldaten vergewaltigten, früh verstorbenen Mutter grundierte Lispectors Leben. Und ihr Schreiben. Wie sie in diesen Erzählungen Gefühls- und Wahrnehmungswelten aufschließt und sinnlich werden lässt, wie sie das Surreale ins Alltägliche einfließen lässt, ist ebenso berückend wie fesselnd.


Wednesday Martin: "Untrue" (2019)

"Untrue" räumt mit sämtlichen moralinsauren Klischees in Sachen weiblicher Untreue auf. Mit dem Pflug, so die Amerikanerin, kam das Patriarchat. Frauen und Lasttiere sind seitdem Schicksalsgenossen – als Schmuck- und Luxusstück des Mannes. Also mussten Frauen sittsam sein, um die Erbfolge zu sichern. Das, so Martin, ist immer noch tief in uns Frauen verankert: Wir alle wollen Bauerntöchter sein. Und das ist nur ein Beispiel in diesem klugen, frechen und umfassend vielseitigen Buch.


Ayelet Gundar-Goshen: "Löwen wecken" (2015)

Ein Chirurg in Israel überfährt nachts einen Einwanderer und begeht Fahrerflucht. Die Frau des Getöteten, Zeugin des Unfalls, zwingt ihn, in einer Garage illegale Flüchtlinge zu behandeln. Seine Ehefrau, die von nichts weiß, wird als Kriminalbeamtin auf den Fall angesetzt. Sein ganzes Leben gerät ins Schlingern. Eine psychologisch sehr fein gewebte Geschichte.


Emily Dickinson, Sämtliche Gedichte (Mitte des 19. Jahrhunderts)

Viele Zeilen von Emily Dickinson schenken ein hüpfendes Herz und einen hüpfenden Gedanken: "Hab eine Schwester hier im Haus – / Und um die Hecke eine. / Es ist nur eine registriert – / Doch sind sie beide meine." Ein kleines Synkopenglück aus dem 19. Jahrhundert, flüchtig und rätselhaft eindrücklich.


Mariana Leky: "Was man von hier aus sehen kann" (2017)

Einer der wohl lustigsten und zugleich traurigsten Romane über den Tod. Und über die Liebe. Mariana Leky hat eine wundervolle Art, mit Sprache zu spielen, ein Talent, Komik und Tragik zu kombinieren – und schafft gleichzeitig einen "Schmöker", den man in einem Rutsch lesen kann.


Simone Borowiak: "Frau Rettich, die Czerny und ich. Eine Sommerverlobung" (1992)

Meine Damen! Dieses schlanke Prosawunder tut Kunde von der Garstigkeit, Spottlust und Gefallsucht gewisser Frauenzimmer. Aus purem Realismus sind die Männer hier Statisten, Wegwerfartikel oder mit Kosenamen verhöhnte falsche Märchenprinzen. Der Plot: Eine schöne Spanischlehrerin und zwei ihr ergebene, miteinander aber verfeindete Vasallinnen fahren von Frankfurt nach Barcelona. Erzählt wird die ganze Autofahrt, danach gibt es touristische Aktivitäten am Zielort. Ein Meilenstein deutscher Hochkomik.


Welche Bücher von Frauen muss man gelesen haben? Verraten Sie uns Ihre Favoriten auf Facebook oder Instagram. Wir sind gespannt auf Ihre Empfehlungen!


Die besten Romane von Frauen aus dem Frühjahrsprogramm der Verlage hat Literaturredakteurin Dorothea Westphal zusammengestellt. Das Gespräch über die Bücher hören Sie hier:

Mehr zum Thema

Weibliches Schreiben - Ein Zimmer für sie allein
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 2.3.2020)

Literaturkritik - "Frauenliteratur" ist eine ganz gefährliche Schublade
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 26.9.2019)

Buchladen "The Second Shelf" in London - Hier stehen Autorinnen in der ersten Reihe
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 26.11.2019)

Lesart

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur