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Lesart / Archiv | Beitrag vom 24.12.2014

Buchrestaurator"Wahnsinniger" in verrumpelter Werkstatt

Von Norbert Zeeb und Claas Christophersen

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Grafitti in Hamburg-Altona (picture alliance / dpa / Angelika Warmuth)
Grafitti in Hamburg-Altona - in diesem Viertel hat Michael Dietz seine Werkstatt (picture alliance / dpa / Angelika Warmuth)

Er rettet von Sonnenlicht, Bränden oder Feuchtigkeit zersetzte Bücher: "Werkstatt Papier“ heißt seine Werkstatt in Hamburg-Altona, in der Michael Dietz Bücher aus Deutschland und aus dem Ausland wieder in Form bringt. Wir haben den Buchrestaurator besucht.

"Das Geheimnis ist die Erfahrung, die man hat, im Kopf und in den Händen", so beschreibt Michael Dietz sein Restaurationshandwerk. Von Sonnenlicht, Bränden oder Feuchtigkeit zersetzte Bücher - er bekommt sie meist wieder hin.

"Die Kunst ist möglichst viel Original-Substanz zu erhalten. Und der zweite Teil der Kunst ist, dass sich meine Arbeit in die Geschichte und die Patina von so einem Buch, die wird ja nicht beseitigt, die bleibt voll erhalten, so gut wie möglich einfügt. Das heißt, man sieht, was ich gemacht habe, aber im Glücksfall sieht man es auf den zweiten Blick. Das ist so ein Konvolut von Protokollen aus Hamburg aus dem 18. Jahrhundert, zum Teil um 17, das ist für die Hamburger Staatsbibliothek, und da es ja benutzbar bleiben soll oder wieder benutzbar werden soll, muss ich es dann einmal komplett auseinander nehmen, war sehr zerstört."

Die "Werkstatt Papier" in Hamburg-Altona. Michael Dietz steckt mitten in einer aufwendigen Restauration.

"... und jetzt habe ich das Papier gewässert, um das zu säubern, und jetzt wird ..., mit Japan werden diese ganzen Einrisse geschlossen ..."

Über seinen Schreibtisch und eine Werkbank verteilt sich eine Menge Papier. Dietz hat die knapp 500 Seiten aus dem Buchblock der historischen Protokollsammlung des Hamburger Senats herausgelöst und das durch Sonnenlicht gebräunte Papier in einem Wasserbad gereinigt. Seite für Seite bearbeitet er nun kleinere Schädigungen, verschließt und verleimt Einrisse und Löcher mit speziellem "Japan-Papier".

"Das heißt so, weil es aus Japan kommt, und weil es spezielle Fasern, zum Beispiel vom Maulbeerbaum, Kozu-Fasern, sind. Das fügt sich in diese alten Papiere super ein. Das ist der Kleber, hier, das ist reine Stärke, und die lässt sich immer wieder durch Feuchtigkeit oder eine feuchte Kompresse lösen. Vielleicht weiß jemand in hundert Jahren eine bessere Lösung, dann könnte er das wieder auseinander nehmen. Jetzt presse ich das. Dann legt sich das wieder hin, und da da Filze dazwischen sind, presse ich das nicht so spiegelglatt, sondern ..., oder wenn da Stiche drinnen sind, die solche Kante haben, Druckkante, dann presse ich das nicht weg. Warum so 'ne Explosion im Kopf passiert, dass einen so was fasziniert wie Bücher, das kann man nicht begründen, das ist einfach so gekommen."

Wollte nur wissen, wie man Bücher bindet

Mitte der 80er-Jahre ist Dietz eigentlich fertig studierter Deutsch-, Politik- und Sportlehrer, dann aber trifft er auf Heinz Kiene, einen alten Hamburger Buchbinder-Meister ...

"... ein Wahnsinniger im Besten Sinne, völlig verrumpelte Werkstatt beim Landwehr-Bahnhof. Und ich war so Mitte 30 und dann hat mich das einfach so interessiert, und als ich anfing, wusste ich überhaupt nicht, dass ich Restaurator werde, sondern ich wollte wissen, wie Bücher binden geht."

Dietz begann als ungelernte Kraft in der Werkstatt des alten Buchbinders auszuhelfen und entdeckte das Spezialgebiet der Restauration. Heute ist der 63-Jährige längst ein gefragter Experte, wenn es etwa darum geht, einzigartige mittelalterliche Handschriften oder Inkunabeln, die ersten gedruckten Bücher aus dem 15. Jahrhundert, wieder benutzbar zu machen.

Doch das kann Dietz manchmal den letzten Nerv kosten ...

"Manchmal hat man auch die Schnauze voll, weil es immer sehr zerstört ist, und man muss es wieder aufarbeiten. Zum Schluss, wenn man es gemacht hat, ist es ein gutes Gefühl, zwischendurch denkt man: furchtbar."

Auf dem Schreibtisch liegt der verschlissene Papp-Einband der Hamburger Protokollsammlung, der aussieht, als habe er lange Jahre in einer Pfütze gelegen. Manchmal, sagt Dietz, brauchen Restauratoren unbedingt Auszeit für andere Dinge.

"Das sind so die Briefmarken. Also man benutzt auch meistens so alte Vorlagen, was man im Computer findet, was man mal einscannt ..."

Schon lange entwirft Dietz eigene skurrile Briefmarken. Abgedruckt sind sie in einem von ihm selbst hergestellten Sammelband. Zu sehen ist etwa das "schwarze Quadrat" des Malers Malewitsch.

"Das ist zum Beispiel meine Malewitsch-Seite: "Ich male gern schwarz", das ist jetzt nur noch ein Geschenkartikel, wenn man so will ..."

Geheimnisse? Gibt es nicht!

Auf einer anderen Marke ist ein alter Stich abgebildet. Ein Mann schwimmt einen schmalen Fluss entlang, im Hintergrund ist eine kleine Ortschaft zu sehen. Dazu der Text: "Mao schwimmt an Passau vorbei."

"... war immer eine beliebte Marke ..."

Eine ganze Weile konnte man mit den Fantasie-Marken auch wunderbar Briefe verschicken, erzählt Dietz, aber seit ein paar Jahren sei die Post humorloser geworden. Eine Marke zeigt Rodins Skulptur "Der Denker".

"Rodin: Hätte ich einen Pariser nehmen sollen?", manche Leute finden es gut, manche Leute sagen, was soll das denn? Tja."

Zurück an die Arbeit.

Per Knopfdruck fährt Dietz seinen Arbeitstisch auf die richtige Höhe. Er hat noch einiges zu schaffen. Während die angefeuchteten Papiere des Hamburger Protokolls in der Presse trocknen, widmet er sich einem alten jüdischen Kinderbuch, das ihm aus Israel gesandt wurde.

Der lederne Buchrücken ist nur noch in Teilen vorhanden. Um diese zu retten, hat der Restaurator einen neuen Lederrücken gebaut, den er nun vorsichtig mit einem Schleifgerät bearbeitet, so dass die noch vorhandenen Originalteile aufgesetzt und eingefügt werden können.

"Wie beim Zahnarzt!"

Sonnenlicht, Kriege, Brände oder Feuchtigkeit haben die Bücher manchmal über Jahrhunderte hinweg übel zugerichtet. Den Originalzustand können Restauratoren mit vielen unterschiedlichen Techniken und Methoden meist wiederherstellen. Doch ein Geheimrezept hat Michael Dietz nicht. Und selbst wenn er es hätte – er würde es wahrscheinlich verraten.

"Beim Restaurieren gibt es keine Geheimnisse oder 'ich zeig es Dir nicht' und so, das gibt es alles nicht. Das Geheimnis ist die Erfahrung, die man hat, im Kopf und in den Händen."

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