Doppelrezension: „Links – Deutsch / Deutsch – Links“ und „Rechts – Deutsch / Deutsch – Rechts“
Zwei neue polemische Wörterbücher streiten um die richtige politische Sprache – Wirklich verstehen will dabei aber niemand etwas. © Imago / fStop Images / Malte Mueller
Polemik im Wörterbuchformat
07:33 Minuten

Zwei neue polemische Wörterbücher verhöhnen die politische Sprache des jeweils anderen Lagers. Die NIUS-Chefs Pauline Voss und Julian Reichelt verspotten das linke Vokabular. Ein anonymer Autor macht sich über rechte Sprache her.
Man könnte meinen, der deutsche Leser sehne sich nach Jahren der Polarisierung danach, den politischen Gegner besser zu verstehen. Auf den ersten Blick scheint der Spiegel-Bestseller „Links – Deutsch / Deutsch – Links“ genau das anzubieten. Schließlich tritt er als Wörterbuch auf.
Doch erläutert oder übersetzt wird hier nichts. Wer die Einträge zu Begriffen wie „Brandmauer“, „Geschlechtsidentität“ oder „LGBTQIA+“ aufschlägt, findet kurze Polemiken aus der NIUS-Redaktion. Sie greifen einen linksliberalen Topos heraus und geben ihn der Lächerlichkeit preis.
Themen der Lächerlichkeit preisgeben
Über den Begriff „Femizid“ etwa erfährt man, er sei „das Steckenpferd radikaler Aktivisten, die behaupten, Frauen würden täglich von der toxischen Männlichkeit systematisch ausgelöscht, während sie Statistiken im Kontext von Zuwanderung ignorieren und stattdessen den Zeitgeist mit Opfer-Narrativen fluten.“
Tatsächlich ist „Femizid“ ein in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen gebräuchlicher Begriff für die Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind.
Beim Stichwort „Gemeinwohl“ lernt der Leser dann, dass der Begriff von linksradikalen Aktivisten gekapert worden sei. In Wahrheit schaffe das Profitstreben privater Akteure das meiste Gemeinwohl. Die kurzen Texte, die sich vor allem um Gender, Meinungsfreiheit und Israel drehen, gelingen mal mehr und mal weniger.
Einige Autorinnen und Autoren, darunter Mitherausgeberin Pauline Voss, schaffen es tatsächlich, mit klugen Beobachtungen auf Leerstellen des linksliberalen Diskurses hinzuweisen. Etwa beim Stichwort „Prüfen“.
Voss kritisiert, dass das viel diskutierte Verfahren zur Prüfung eines AfD-Verbots den politischen Prozess an ein Expertengremium auslagere: „Denn eigentlich wird in einer Demokratie ohnehin alle vier Jahre geprüft, und zwar durch das Volk. […] Die Prüf-Bewegung zielt also nicht vornehmlich darauf ab, zu prüfen, sie will bloß den Richter auswechseln: Statt des Volkes soll das oberste Gericht entscheiden, wer die Wahl gewinnen und wer gar nicht erst antreten darf.“
Manche Texte scheitern schon an den Fakten
Andere Autoren scheitern dagegen schon an einfachen Fakten. Im Eintrag zu „Genozid“ etwa heißt es, der Begriff sei nach dem Zweiten Weltkrieg von dem Juristen Raphael Lemkin geprägt worden. Tatsächlich tat Lemkin das schon 1944, also noch während des Kriegs.
Solche Schlampigkeiten ziehen sich durchs Buch: Meldungen der Deutschen Welle werden mehrfach dem Deutschlandfunk zugeschrieben, Zahlen sind ungenau, Behauptungen werden nicht belegt.
Ein Buch als Teil einer größeren Agenda
Dass die Autoren mit dem Buch eine größere Agenda verfolgen, macht Mitherausgeber Julian Reichelt im Vorwort deutlich. Schon im ersten Satz heißt es, nichts sei mächtiger als Sprache. Aller gesellschaftliche Wandel beginne mit ihr. Deshalb sei das Buch ein "leidenschaftlicher Ausbruchsversuch aus dem Gefängnis linker Sprache".

Cover "Links - Deutsch / Deutsch - Links" von Julian Reichelt und Pauline Voss (Hsg.)© Westend Verlag / picture alliance / Hartmut Schmidt / Combo: Deutschlandradio
Was zu diesem Ausbruch dazugehört, sind also keine Angriffe auf die verrücktesten Auswüchse der radikalen Linken, sondern schlicht auf alles, was nicht in die verquere Sicht der Autoren von Rechtsaußen passt.
Großer Fokus auf Israel
Etwas verwunderlich ist der Fokus, den der Band auf die Verteidigung Israels legt. Sie wird mit einer propagandistischen Härte betrieben, bei der sich selbst das Weiße Haus oder die israelische Botschaft noch etwas abgucken könnten.
Der Krieg gegen den Iran sei eine „US-Initiative zur Befriedung der Region“, Israel habe das Atomprogramm des Iran im Jahr 2025 „pulverisiert“, die Gefahr eines Flächenbrands sei reine Panikmache. Der Eintrag zum Stichwort „Palästina“ beginnt mit der Behauptung, Palästinenser habe es historisch „nie gegeben“.
Wenn es darum geht, ihre rechten Positionen vertreten zu dürfen, verteidigt die NIUS-Fraktion die Meinungsfreiheit. Wer aber Israel kritisiert oder gar das Existenzrecht des Staates leugnet, gegen den soll der Staat gerne mit aller Härte vorgehen.
Pauline Voss, Julian Reichelt (Hg.): "Links – Deutsch / Deutsch – Links"
Westend Verlag 2026
192 Seiten, 20 Euro
Eine Replik in identischer Aufmachung
Inzwischen gibt es auf den Band eine Replik aus dem linken Lager, sie heißt „Rechts – Deutsch / Deutsch – Rechts“ und kommt in fast identischer Aufmachung mit etwas schlechterer Papierqualität daher. Aber während das NIUS-Buch zum Bestseller wurde, ist diese Replik kaum mehr als ein Kuriosum geblieben.
Schon der Autorenname ist erfunden: „Matthias Kurt“ ist ein Pseudonym. Die Texte selbst legen nahe, dass eine Künstliche Intelligenz mitgeschrieben haben könnte. Die Stoßrichtung ist aber die gleiche, nur unter umgedrehten Vorzeichen: Alles, was die politische Rechte behauptet, sei falsch.
Es gebe keine Einschränkung der Meinungsfreiheit, Migration sei gut, man solle Experten und Wissenschaft vertrauen. Wenn der Staat jemanden verfolge oder einsperre, dann habe das seine Richtigkeit.
Jeder Eintrag folgt dabei demselben Aufbau: Was die Rechten „meinen“, was sie „sagen“ und „was sie verschweigen“. Anschließend gibt es eine „Übersetzungshilfe“, die noch einmal zusammenfasst, warum die Rechten sich angeblich lächerlich machen.
Reale Einschränkungen werden unterschlagen
So heißt es etwa unter dem Stichwort „Meinungsfreiheit“, die Klage „Man darf ja nichts mehr sagen“ bedeute eigentlich: „Ich möchte meine Ressentiments verbreiten, ohne dass mir jemand widerspricht.“
Was die Rechten verschwiegen, sei, dass das Grundgesetz die Meinungsfreiheit tatsächlich schütze. Als Übersetzungshilfe wird angeboten: „Wer ‚Man darf ja nichts mehr sagen!‘ ruft, beweist im selben Moment, dass er es sehr wohl darf. Das Problem ist nicht fehlende Freiheit, sondern vorhandener Widerspruch.“

Cover des Buches "Rechts – Deutsch / Deutsch – Rechts" von Matthias Kurt© Yes Verlag / picture alliance / Hartmut Schmidt / Combo: Deutschlandradio
Das ist richtig beobachtet, einerseits. Andererseits verschweigt der Band geflissentlich, dass es in den letzten Jahren auch reale Einschränkungen der Meinungsfreiheit durch den Staat gegeben hat – etwa, dass seit 2021 Äußerungsdelikte gegen Politiker besonders scharf geahndet werden oder dass manche Äußerungen auf propalästinensischen Protesten nicht mehr erlaubt sind.
Dadurch, dass solche Einwände, die nicht nur von rechts formuliert werden, keinen Raum bekommen, entsteht ein unschönes Spiegelbild des NIUS-Bands. Denn das Ganze ist in seiner Selbstzufriedenheit so vorhersehbar, dass kaum vorstellbar ist, jemand mache sich tatsächlich die Mühe, die Einträge zu lesen.
Es geht nicht um politische Verständigung
In beiden Büchern geht es jedenfalls nicht darum, den politischen Gegner besser zu verstehen. Während die Rechte momentan allerdings ziemlich gut darin ist, ihn mithilfe scharfer Polemik bloßzustellen, wirkt die linke Replik seltsam blutleer. Denn wer ständig Demokratie und Rechtsstaat hochhält, dem stünde es eigentlich gut zu Gesicht, mit einer gewissen Gelassenheit auf die Bücher des politischen Gegners zu reagieren.
Wer dagegen polemisch zur Sache gehen will, der muss vielleicht den Anspruch, der bessere Demokrat zu sein, aufgeben. So fragt man sich jedenfalls, ob es nicht klüger gewesen wäre, das Wörterbuch unbeantwortet ein paar Wochen auf der Bestsellerliste stehen zu lassen.
Matthias Kurt: "Rechts – Deutsch / Deutsch – Rechts"
Was sie meinen. Was sie sagen. Was sie verschweigen. Eine entlarvende Erwiderung
Yes Verlag 2026
192 Seiten 16 Euro
















