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Lesart / Archiv | Beitrag vom 26.01.2017

Buch über IS-Rückkehrer in FrankreichTöten als Lebensprojekt

Jürgen König im Gespräch mit Joachim Scholl

Französische Polizisten, im Hintergrund ist der Eiffelturm zu sehen (picture alliance / dpa/ Philippe Pauchet)
Seit den Terroranschlägen vom November 2015 in Paris befindet sich Frankreich im Ausnahmezustand. Im Land gibt es noch viele gewaltbereite Dschihadisten, weiß der Autor David Thomson. (picture alliance / dpa/ Philippe Pauchet)

Als wären ihre Verbrechen in Syrien nur ein Kriegsabenteuer in den Ferien gewesen: So reden die französischen IS-Rückkehrer in David Thomsons Buch "Les revenants". Unser Korrespondent Jürgen König erklärt, warum das Buch in Frankreich ein Bestseller ist.

Sieben Syrien-Rückkehrer porträtiere David Thomson in seinem Buch ausführlich - und er habe seine Informationen aus erster Hand, sagt Jürgen König. Das sei Teil seines Erfolgs: Die Franzosen merkten, dass sich der Autor exzellent auskenne. Über Jahre habe er nach eigenen Angaben Kontakt zu etwa 100 Dschihadisten und Salafisten gehalten - seit er im Zuge des Arabischen Frühlings für Radio France International in Tunesien gearbeitet habe.

Thomson bezeichne sich selbst als Beobachter, der mit journalistischen Mitteln einem Phänomen näher komme wolle. So schildere Thomson unter anderem  "das Bizarre der Gespräche - Menschen, deren Lebensprojekt es ist zu töten, um getötet zu werden". Von den sieben IS-Rückkehrern zeige nur einer Bedauern über das Geschehene:

"Die anderen reden eher darüber, als sei das alles ein Spiel gewesen. Viele von ihnen waren 16, 17 Jahre alt, als sie nach Syrien gingen - und was sie erzählen, das klingt, als hätten da kleine Jungs in den Ferien Kriegsabenteuer gesucht und mit ihrer Kalaschnikow genüsslich rumgeballert." 

Überzeugte Islamisten, desolate Lebensverhältnisse

In Frankreich beobachtet König einen grundsätzlichen Streit über Ursache und Wirkung des Dschihadismus: Viele Franzosen sähen in den IS-Kämpfern "gestrandete Existenzen aus kaputten Einwandererfamilien", die sich nur "das Mäntelchen des kriminellen Dschihadismus umgelegt" hätten.

Thomson versuche mit seinem Buch aber eine andere Haltung zu belegen: dass der Terror sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun habe. Alle Befragten seien überzeugte Islamisten, die von konservativen Muslimen und Salafisten geprägt worden seien und sich dann zu Dschihadisten weiterentwickelt hätten.

Thomson verweise dabei auf den Hintergrund einer Politik, die die "Verwahrlosung ganzer Stadtviertel in Frankreich jahrzehntelang hingenommen und damit diese desolaten Lebensverhältnisse mit geschaffen hat, die junge Leute anfällig werden lassen für die Fanatiker".

David Thomson: "Les revenants: Ils étaient partis faire le jihad, ils sont de retour en France"
Verlag Seuil 
294 Seiten. 19,50 Euro

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