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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.12.2013

Brust, Lippen, NaseRund eine Million Schönheits-OPs in Deutschland

Wunsch nach Perfektion: Trend geht zu Zweit- und Dritt-Operation

Es beginnt zum Beispiel mit der Nasenkorrektur, dann kommt die Brust dran und dann wiederum die Lippen. Immer mehr Menschen, die sich für die Schönheit unters Messer legen, geraten in eine "Endlos-Schleife", warnt die Psychoanalytikerin Benigna Gerisch. Oft gehe der übersteigerte Wunsch nach Perfektion mit Depressionen, Essstörungen oder "Burn-out"-Diagnosen einher.

Ute Welty: Das Maßband spricht auch hier eine eindeutige Sprache – die Nase könnte ein bisschen gerader sein, der Bauch weniger und die Brust fester. Der Wunsch nach dem Optimum macht jetzt gerade nach Weihnachten, nach Gans und Glühwein, nicht Halt vor den äußerlichen Merkmalen. Ganz im Gegenteil: Die Zahl der Schönheitsoperationen steigt jedes Jahr, und inzwischen ist auch die Schamlippenkorrektur in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Mit den Folgen dieser Entwicklung beschäftigt sich die Psychoanalytikerin Benigna Gerisch in einem dreijährigen Forschungsprojekt, an dem sich die Uni Hamburg, die Uni Jena und die IPU Berlin beteiligen. Guten Morgen, Frau Gerisch!

Benigna Gerisch: Guten Morgen!

Welty: Schließen Sie kategorisch aus, jemals irgendetwas in Ordnung bringen zu lassen bei sich?

Gerisch: Wenn Sie mich so persönlich fragen, dann würde ich jetzt natürlich im Sinne einer politisch korrekten Antwort sagen müssen, ich schließe das schon aus, wobei es hier im Schwerpunkt natürlich auch nicht um mich persönlich geht.

Welty: Es geht um das Forschungsprojekt …

Gerisch: Es geht um das Forschungsprojekt.

Welty: Wie kommen Sie da voran? Was sind die Gründe, die Sie da heraushören aus Ihren Befragungen, aus Ihren Interviews?

Gerisch: Ja, wir führen Interviews, beschäftigen uns mit der Umschlagstelle gewissermaßen, das heißt mit der Umschlagstelle derjenigen, die sich über lange Jahre mit Selbstoptimierung und Selbstperfektionierung befasst haben oder die auch praktiziert haben und bei denen es dann aber auf die eine oder andere Weise in etwas sehr Destruktives, Selbstzerstörerisches umgeschlagen ist oder die schlicht und ergreifend kollabiert sind.

Welty: Sie sprechen von Umschlagstelle. Gibt es tatsächlich dann diesen einen Punkt, wo es vom sozusagen "Kann man machen" sich ändert in ein "Darf man nicht mehr machen"?

An einem bestimmten Punkt wurde der Pefektionswunsch krankhaft

Gerisch: Wenn wir von der Umschlagstelle sprechen, dann sprechen wir zunächst auch von Menschen, die zum Beispiel an einer Depression erkrankt sind, die mit einer Burnout-Diagnose versehen worden sind, von Menschen mit Essstörungen, insbesondere der Bulimie, und mit Menschen, Männern und Frauen, die sich einer Schönheitsoperation unterzogen haben.

Und bei allen schauen wir in den Lebensgeschichten, die sie uns erzählen, nach der sogenannten Umschlagstelle – also was war das auslösende Moment, nach einer langen, langen Zeit des Versuches sozusagen, sich selbst zu optimieren, wann ist das umgeschlagen in Erkrankung beispielsweise, dass sie depressiv wurden, als Burn-out gelabelt wurden oder mit einer Essstörung reagiert haben und eben sich entschieden haben, hier und heute werde ich mich einer solchen OP unterziehen. Das bedeutet nicht, das ein einziger Auslöser maßgeblich ist, aber gleichwohl lässt sich der in aller Regel festmachen. Die Patienten oder die Probanden berichten dann "Ja, das war der Moment, als …".

Welty: Wo ist denn dann der Punkt, wo der Wunsch nach Optimierung umschlägt in einen krankhaften Zustand, oder ist es der umgekehrte Fall, ist der krankhafte Zustand die Ursache für einen übersteigerten Wunsch nach Optimierung?

Die Psychoanalytikerin Benigna Gerisch beim Interview im DKultur-Studio (Moritz Behrendt)Die Psychoanalytikerin Benigna Gerisch beim Interview im DKultur-Studio (Moritz Behrendt)Gerisch: Ja. Der übersteigerte Wunsch nach Optimierung findet sich bei allen vier Gruppen, die wir untersuchen, wobei man eben auch strikt trennen muss zwischen denen, die als krank gewissermaßen gelabelt wurden, diagnostiziert wurden und/oder sich so empfinden, während die vierte Gruppe streng genommen nicht eine ist, die wir als Krankheitsgruppe bezeichnen dürften, wenngleich natürlich, das zeigen auch Studien aus den USA, aber inzwischen auch aus Deutschland, sich natürlich auch bei diesen Probanden Menschen verbergen, die sich einer Schönheits-OP unterzogen haben, die gleichermaßen wie die anderen depressiv sind oder aber die in anderer Hinsicht sich durchaus als krank empfinden und nun die Hoffnung verbinden mit diesem schönheitschirurgischen Eingriff, dass danach doch zumindest signifikant im Leben etwas besser werden möge.

Welty: Wird etwas besser?

Gerisch: Da gibt es ganz unterschiedliche Untersuchungen. Interessant sind die jüngsten Studien, die uns vorliegen. Wir sprechen hier, salopp formuliert, von den sogenannten Wiederholungstätern, das heißt, das ist ein interessanter Befund, dass man im Moment nicht von einer Zunahme der schönheitschirurgischen Eingriffe sprechen kann. Wir pendeln uns ein bei einer Zahl von 800.000 bis eine Million allein in Deutschland. Interessant ist, dass nicht diese Zahl sozusagen steigt, wohl aber die, die sich einer zweiten oder gar dritten OP unterziehen. Und das lässt darauf schließen, und das zeigt sich auch in vielen Studien, die wir vorab gesichtet haben, dass das eine Endlosschleife werden kann. Dass sich also mit der Nasenkorrektur der Wunsch verknüpft, dann endlich mehr geliebt oder mehr gesehen oder mehr anerkannt zu sein, mehr begehrt zu sein. Und dieses Ergebnis oder diese Hoffnung stellt sich nicht ein, also entsteht der Wunsch, dann muss es auch noch die Brust sein, dann muss es auch noch die Lippenkorrektur sein und vieles anderes mehr.

Welty: Welche Rolle spielt dabei, dass nicht alles reparabel ist, dass der Zahn der Zeit an irgendeiner Körperstelle dann doch nagt?

Die Fähigkeit, mit Makeln fertig zu werden, rückt in die Ferne

Gerisch: Das ist das Interessante, das spielt eben keine Rolle. Das heißt, das, was wir auch in der Psychoanalyse als Integration bezeichnen würden, das heißt also, die Fähigkeit sozusagen auch, mit diesen Makeln fertig zu werden, sie zu integrieren, dazu gehört natürlich auch die Anerkennung des Alterns und all das, was das mit unserem Körper macht. Das ist bei vielen Menschen, die wir interviewt haben, ganz, ganz fern, in die Ferne gerückt. Das ist etwas, womit sie sich eben nicht abfinden mögen.

In Amerika, Nordamerika, aber auch in Südamerika ist diese Position ja weit radikaler. Dort ist es längst im Alltag angekommen, insbesondere auch bei den sehr, sehr jungen Menschen, also auch unter den unter Zehnjährigen. Da sind wir in Deutschland noch nicht, aber es ist eindrücklich, das habe ich auch in meiner klinischen Arbeit immer wieder feststellen können, dass viele der Probanden oder der Patienten sich nicht irgendwie mit Integration befassen wollen, sondern sie sagen, die Nase muss korrigiert werden, die Brust oder das Fett muss weg.

Welty: Gibt es im Umkehrschluss Tricks, die einem den Abschied vom Optimum leichter machen, die es leichter machen, den Körper so zu akzeptieren, wie er ist?

Gerisch: Also ich glaube, auch wenn ich jetzt nicht missionarisch daherkommen will, aber es kann durchaus in dem einen oder anderen Fall eine psychotherapeutische Behandlung dabei helfen, sich überhaupt mit Mängeln, mit Makeln, mit Scheitern, mit Konflikten auseinanderzusetzen. Das ist zumindest etwas, was ich in meiner Praxis sehr wohl erlebt habe, dass viele Menschen, die ursprünglich mit der Vorstellung kamen, das Symptom, welches auch immer, muss weg, oder die Nase muss korrigiert werden, die sich allmählich sozusagen beruhigen konnten und tatsächlich so etwas fertigbringen konnten auf einem langen und zum Teil auch schmerzlichen Weg. Dass sie eben das, was sie haben sozusagen an Körperlichkeit, integrieren können.

Welty: Schönheits-OPs und die Folgen. Dazu das Interview mit der Psychoanalytikerin Benigna Gerisch, das wir aufgezeichnet haben und für das ich danke.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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