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Neue Musik | Beitrag vom 08.08.2019

Brian Ferneyhough über die Musik der ZukunftWir schwimmen in einem Meer von Zwitterdingen

Carolin Naujocks im Gespräch mit Brian Ferneyhough

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Portrait des Komponisten Brian Ferneyhough. (Colin Still)
Produktiv dissonant: der Komponist Brian Ferneyhough. (Colin Still)

Es gibt heute keine einheitliche Vorstellung von dem, was das Individuum ist. Das Individuum, sagt der Komponist Brian Ferneyhough, muss sich an den Medien, derer es sich bedient, von Moment zu Moment neu konstituieren.

Zur Jahrtausendwende hatten wir verschiedene Komponisten gebeten, eine Auswahl von Stücken zusammenzustellen und unter dem Stichwort "Musikalische Strategien für eine Musik des 21. Jahrhunderts" zu kommentieren.

Das Ziel war eine persönliche Bestandsaufnahme, die den Stand der Reflexion über das Komponieren in der Auseinandersetzung mit der Gegenwart spiegeln sollte.

Brian Ferneyhough hatte dazu fünf Komponisten der Schülergeneration ausgewählt, um anhand ihrer Musik auf die Besonderheiten und Unterschiede im Vergleich zu seiner eigenen Arbeit aufmerksam zu machen.

Hier geht es zur Playlist der Sendung

Der 1943 in Coventry geborene Brian Ferneyhough gehört als Komponist wie als Lehrer zu den international einflussreichsten Protagonisten neuer Musik.

In seinem Schaffen hat er die musikalische Erbschaft des Serialismus auf eine sehr individuelle Art und Weise angetreten. Dessen wichtigste Errungenschaft nämlich, die Emanzipation der Einzeleigenschaften der Töne, spielt für seine Musiksprache nur mittelbar eine Rolle. Dagegen geht es Ferneyhough vor allem um den Aspekt des Konstruktiven.

"Ich denke wahrscheinlich immer noch viel mehr in herkömmlichen, gängigen Begriffen der Musikstrukturierung und der Analyse", so Ferneyhough. "Das heißt, ich verstehe Polyphonie als die Explizierung des Vertikalen durch das Horizontale: dass sich senkrecht und waagerecht sozusagen dissonant zueinander verhalten - aber produktiv dissonant! Das heißt, durch die Dissonanz entsteht ein neues Verständnis für ihr Zusammensein."

Komplex statt kompliziert

"Komplexität" - dies ist das Schlüsselwort, mit dem Ferneyhoughs Arbeit oft beschrieben worden ist. Er selbst will die von ihm angenommene strukturelle Herausforderung von der in diesem Zusammenhang oft zitierten "Kompliziertheit" unterschieden wissen.
Für Ferneyhough stellt sich eine komplexe Musik als eine Musik dar, "deren verschiedene Elemente reich an Verbundsystemen sind".

Kompositorische Strategien für eine Musik des 21. Jahrhunderts
Brian Ferneyhough im Gespräch mit Carolin Naujocks

Mit Kompositionen von
Chaya Czernowin
Gerald Eckert
Lisa Lim
Mark Osborn
Brice Pauset

Produktion: DeutschlandRadio Berlin 1999

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