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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.05.2016

Boualem Sansal: "2084. Das Ende der Welt" Vision einer planetaren Glaubensdiktatur

Von Sigrid Brinkmann

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Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal wurde 2011 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Jetzt hat er einen neuen Roman herausgebracht. "2084" ist ein Zukunftsroman der düsteren Sorte - in Frankreich ist er für acht Literaturpreise nominiert.

"Das Fehlen von Freiheit", sagte Boualem Sansal 2011 anlässlich der Auszeichnung mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, "ist ein Schmerz, der einen auf Dauer verrückt macht". Sansal hört nicht auf, die autoritäre Staatsführung Algeriens, die einen Pakt mit den Islamisten geschlossen hat, zu kritisieren, doch das Land zu verlassen, schließt er kategorisch aus. An einen sanftmütigen Islam zu glauben, hält der 66-jährige Autor für einen "naiven und gefährlichen Intellektuellentraum", denn als "Religion der Totalität" strebe der Islam nun einmal nach weltumspannender Herrschaft.

In "2084. Das Ende der Welt" imaginiert Sansal das Leben in einer planetaren Glaubensdiktatur. Er will die Dystopie nicht als Science Fiction verstanden wissen und erzählt im Präsens vom Leben im totalen Überwachungsstaat. Alles Wissen über Zivilisationen, die in einem mehrere Jahrzehnte dauernden "Großen Heiligen Krieg" vernichtet wurden, ist ausgelöscht. Das Datum 2084, auf "Gedenktafeln nahe den Überresten" stehend, weiß niemand zu deuten. "Hatte es einen Bezug zum Krieg? Vielleicht. Es war nicht klar, ob es dem Anfang oder dem Ende einer besonderen Epoche des Konflikts entsprach." Die Bewohner des fiktiven Reiches Abistan sind in eine dumpfe, freudlose Existenz gezwungen worden. Die kruden Wächter der "Gerechten Brüderlichkeit" lassen jeden exekutieren, der im Zweifel steht, vom Glaubenspfad abzuweichen.

Schnell wird man müde, Kürzel und Namen der Kontrollinstanzen im Reiche "Yölahs und seines Entsandten Abi" zu memorieren und ausgefeilte Abstufungen im Strafsystem zu deuten. Auch die in Diktaturen perfektionierte Taktik der Herabsetzung durch erzwungene Selbstanklage fehlt nicht. Die Konstruktion des Buches ist enttäuschend schlicht, der Bezug zu Orwells Zukunftsroman augenfällig, wenngleich irrelevant. Boualem Sansal tritt als Kassandra auf. 2084 ist für ihn Gegenwart und der Krieg gegen todesbesessene Djihadisten nicht zu gewinnen. Seine "alarmistische" Grundhaltung verdient allen Respekt, doch warum nennt er seine einsinnige Gedankenprosa Roman?

Ein politischer Beitrag, aber keine Literatur

Zwei "rebellische Mutanten" hat er erfunden, doch wirkliches Entwicklungspotential gesteht er ihnen nicht zu. Das Innenleben seiner Zweifler, die begreifen, dass sie zu gläubigen Sklaven abgerichtet wurden, bleibt farblos. Ihre Ratlosigkeit wirkt unglaubwürdig, denn der Autor begnügt sich damit, Fragen bloß aneinanderzureihen: "Was kommt zuerst, die Religion oder die Sprache? Was macht den Gläubigen aus: Das Wort der Religion oder die Musik der Sprache? Ist es die Religion, die sich eine besondere Sprache aus dem Bedürfnis nach mentaler Künstelei und Manipulierung schafft, oder ist es die Sprache, die ein hohes Niveau an Perfektion erreicht und sich deshalb ein ideales Universum erfindet, das sich unvermeidlich zu einem heiligen macht?"

Boualem Sansals Buch ist in Frankreich - anders als Michel Houellebecqs im Jahr 2022 spielende Farce "Unterwerfung" - für acht Literaturpreise nominiert und mit dem Preis der Académie Française ausgezeichnet worden. Das Weltuntergangsstatement trifft den Nerv der Franzosen, die seit den Anschlägen im Januar und November 2015 im Ausnahmezustand leben und sehr wohl ahnen, dass der Terror islamistischer Netzwerke den an multikulturelles Miteinander glaubenden Menschen noch viel Leid zufügen wird.

Schreibt Boualem Sansal für die Franzosen, wie algerische Kritiker mutmaßen? Der Überlegung liegt zweifellos die Absicht zugrunde, den allen algerischen Institutionen - auch Verlagen - misstrauenden Autor zu diskreditieren. Sansals Fiktionen finden Leser in 20 Sprachen, nicht so auf Arabisch. In Algerien tritt er, der die seit mehr als 20 Jahren forcierte Arabisierung der Kultur immer angeprangert hat, nie öffentlich auf. Die Interessenlage ist kompliziert. "2084. Das Ende der Welt" ist eine Einladung zur Diskussion über globale, menschenverachtende Frömmelei und Strategien der Selbstbewahrung - ein politischer Beitrag, aber keine Literatur.

Boualem Sansal: "2084. Das Ende der Welt"
Aus dem Französischen von Vincent von Wroblewsky
Merlin Verlag, Gifkendorf 2016
288 Seiten, 24,00 Euro

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