Bosnisch-kroatische Grenze

    "Die Gewalt gegen Geflüchtete hat System"

    06:29 Minuten
    Zwei Flüchtlinge unter selbstgebauten Zeltplanen in einem verschneiten Wald
    Kälte und Perspektivlosigkeit: Viele Flüchtlinge sitzen in Bosnien fest. Im Grenzgebiet zu Kroatien sind sie Misshandlungen ausgesetzt, wie die Ärztin Kristina Hilz beobachtet. © imago / Pixsell / Armin Durgut
    Kristina Hilz im Gespräch mit Stephan Karkowsky · 15.02.2021
    Audio herunterladen
    Wenn Geflüchtete die Grenze von Bosnien zum EU-Staat Kroatien überwinden, müssen sie mit Misshandlungen und Pushbacks rechnen. Die Ärztin Kristina Hilz berichtet von schweren Verletzungen bis hin zu Gesichtsfrakturen.
    Bis zu 12.000 Flüchtlinge sollen sich derzeit in Bosnien-Herzegowina aufhalten. Sie leben dort größtenteils unter erbärmlichen Bedingungen, bei winterlicher Kälte in provisorischen Camps oder im Wald. Sie wollen weiter in die Europäische Union, um Asylanträge zu stellen. Doch die Grenze zum benachbarten EU-Land Kroatien ist geschlossen. Der bosnische Staat ist überfordert; Hilfe kommt von Freiwilligenorganisationen.
    Auch die aus Greifswald stammende Ärztin Kristina Hilz versucht zu helfen: Im bosnisch-kroatischen Grenzgebiet behandelt sie die Menschen wegen Zahnschmerzen, Erkältungen, Krätze. Aber regelmäßig auch wegen gravierender Verletzungen, die ihnen von kroatischen Grenzpolizisten zugefügt wurden, wie sie es schildert: "Ich habe kaum Menschen getroffen, die das nicht erlebt haben."

    Schläge und Tritte ins Gesicht

    Demnach werden Flüchtlinge mit Fäusten oder Gewehren geschlagen oder sie werden getreten:
    "Die Gewalt, die wir sehen, hat absolut auch System dahinter. Ich habe das Gefühl, dass gerade Männer in den Oberkörper, in die Kopfregion und viel auf die linke Thoraxhälfte geschlagen werden. Ich habe viele gebrochene Rippen gesehen und teilweise Gesichtsfrakturen, die Beine werden praktischerweise immer ausgespart."
    Auch Frauen und Kinder seien von Gewalt betroffen: Zuletzt habe ein vier Monate altes Baby Tränengas in die Augen bekommen. Dazu komme, dass die Grenzpolizisten die Menschen mit dem Tode bedrohen und ihnen Handys, Geld und Dokumente stehlen.

    Stille Zustimmung der EU

    Hilz kennt Berichte von mehr als 40 Pushbacks pro Person und zweifelt nicht an deren Wahrheitsgehalt, zumal die Verletzungsmuster "eindeutig zuordenbar" seien. Als Pushbacks wird ein Vorgehen bezeichnet, bei dem aufgegriffene Geflüchtete umgehend wieder zurück über die Grenze gebracht werden. Dies gilt als illegal, denn den Schutzsuchenden wird damit das Recht verwehrt, einen Asylantrag zu stellen.
    Bei der EU erkennt die Medizinerin eine "stille Zustimmung" zu den Zuständen. Es gebe nicht nur zahlreiche Zeugenberichte, sondern auch einige Klagen. Hilz fordert "klare Worte" und die Aufnahme der Flüchtlinge, "die in diesen schrecklichen Umständen leben müssen".
    (bth)
    Mehr zum Thema