Mittwoch, 17.07.2019
 

Zeitfragen | Beitrag vom 16.05.2019

BorrelioseKönnen Rinder gefährliche Zecken "desinfizieren"?

Von Tomma Schröder

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14.02.2019, Niedersachsen, Hannover: Eine tote Zecke liegt unter einem Mikroskop im niedersächsischen Landesgesundheitsamt. (picture alliance/Julian Stratenschulte/dpa)
Zecken-Risikogebiete in Niedersachsen (picture alliance/Julian Stratenschulte/dpa)

Beim Menschen können Zeckenbisse gefährliche Borreliosen auslösen. Kühe dagegen sind immun gegen die Krankheit. Und es gibt sogar Anzeichen dafür, dass Zecken, die Rinderblut aufgesogen haben, keine Borreliose mehr übertragen können.

"Die Rinder bewegen sich hier frei", sagt Biologe und Rinderwirt Gerd Kämmer. "Das sind 120 Hektar und das ist jetzt eine Herde von aktuell 19 Kühen."

Zu sehen sind die Kühe von Gerd Kämmer nirgends. Sie treiben sich irgendwo in dem riesigen Gebiet herum. Aber wir sind auch nicht wegen der großen Tiere hier in das Flensburger Naturschutzgebiet und extensive Weideland gekommen. Wir suchen an diesem kühlen Maivormittag ein ganz kleines Tierchen: den Gemeinen Holzbock, unsere heimische Zeckenart. Aber wie soll man in diesem unüberschaubaren Gebiet etwas finden, das vielleicht gerade einmal die Größe eines Stecknadelkopfes hat? Mit einem Baumwolltuch:

"Dazu nimmt man ein möglichst helles, nicht ganz weißes, damit man von der Sonne nicht zu doll geblendet wird, eine Fahne und dann streicht man einfach so rüber."

Gerd Kämmer nimmt ein helles, etwa ein Quadratmeter großes Baumwolltuch und zieht es einfach hinter sich über den Boden –  über Pflanzen und Sträucher hinweg. Er simuliert damit ein umherstreifendes Wirtstier der Zecken:

"Das ist ja die Strategie der Zecke", erklärt er. "Ich sage mal, die sitzen jetzt, wenn denn welche da sind, hier irgendwo an der Oberfläche. Ich vermute jetzt, dass es denen einfach zu kalt ist. Wir gucken gleich mal, ob wir welche erwischen."

Lyme-Borreliose schädigt verschiedene Organsysteme

Kämmer geht nur wenige Meter und breitet das Tuch dann vor sich auf dem Boden aus: "Wir testen das jetzt mal hier, ob wir auf dem kleinen Stück schon was haben. Ja, wie ich vermutet habe. Doch! Da ist eine! Eine haben wir da."

Es ist eine Nymphe, ein Zwischenstadium der Zecke. Erst wenn diese Nymphe Blut saugt, entwickelt sie ihre Geschlechtsmerkmale und wird zur erwachsenen Zecke. Bei dieser Blutmahlzeit kann sie ebenso wie erwachsene Zecken gefährliche Krankheiten übertragen. Im Falle des Menschen sind das vor allem das Virus FSME, gegen das man sich impfen lassen kann, und die Lyme-Borreliose. Wenn diese – oft erst Jahre später ausbrechende – Krankheit nicht rechtzeitig entdeckt und behandelt wird, kann sie verschiedene Organsysteme, insbesondere die Haut, das Nervensystem und die Gelenke schädigen.

Doch die Nymphe auf dem Finger von Gerd Kämmer wird nun nichts mehr anstellen können. Sie landet in dem Plastikröhrchen des Zeckensammlers. Für die Wissenschaft: 

"Die Zeckennymphen, die wir von Herrn Kämmer bekommen, die kommen ins Labor", sagt die Landschaftsökologin Dania Richter von der TU Braunschweig. "Wir öffnen sie und verdauen sie mit ein paar Chemikalien, sodass wir die DNA, also die Erbsubstanz, freilegen können. Und in der Erbsubstanz versuchen wir nach dem Erreger der Lyme-Borreliose zu schauen."

"Keine einzige Zecke war Borreliose-positiv"

Dania Richter war bereits 2008 in dem Flensburger Naturschutzgebiet. Damals war die Fläche noch nicht beweidet, und von den eingesammelten und untersuchten Zecken trug fast jede dritte den Erreger der Lyme-Borreliose in sich. Wenige Zeit später brachte Kämmer seine Rinder auf die Naturschutzflächen. Wenn diese sich anschließend Zecken eingefangen hatten, wurden sie abgesammelt und ins Labor geschickt. Dort stellten Richter und ihre Kollegen fest,

"dass Zecken, wenn sie an Rindern gesogen haben, zu 100 Prozent Borreliose-negativ sind", betont Kämmer. "Das heißt, sie nehmen etwas aus dem Blut der Rinder auf, was dann einen vorhandenen Erreger abtötet. Wir hatten damals dann 755 Zecken von den Rindern abgesammelt, und da war keine einzige Borreliose-positiv."

Weidende Kühe an einem Bachlauf (dpa / Tass Smirnov Vladimir)Von 755 gesammelten Zecken waren 100 Prozent Borreliose-negativ. (dpa / Tass Smirnov Vladimir)

Ein Effekt, der vorher bereits bei wild lebenden Wiederkäuern entdeckt und nun für domestizierte Kühe bestätigt wurde. In Flensburg will Dania Richter nun aber noch etwas anderes überprüfen: Weil man genau weiß, dass hier vor der Beweidung mit Wiederkäuern 30 Prozent der Zecken mit Borrelien infiziert war, will sie nun erneut die Infektionsrate der Zecken ermitteln:

"Jetzt sind einige Jahre vergangen, und wir haben uns gefragt, inwieweit auf dieser Weide die Infektionsrate in den Zecken zurückgegangen ist. Nachdem die Rinder dort über Jahre geweidet haben, denken wir, dass das jetzt einen Effekt haben müsste."

Die ersten Zecken für diese erneute Untersuchung hat Gerd Kämmer heute trotz des kühlen Wetters innerhalb weniger Minuten gesammelt: "14 Stück immerhin. Gar nicht so schlecht die Ausbeute."

Ein Argument für Weidehaltung?

Es ist das erste Mal, dass Forscher Zecken auf ein und derselben Fläche vor und nach der Beweidung mit Kühen untersuchen. Was sie bereits wissen: Vergleicht man verschiedene beweidete und unbeweidete Flächen, haben die Flächen ohne Rinder nicht nur eine höhere Anzahl an Zecken. Sie haben auch einen höheren Anteil an infizierten Zecken.

Es wäre ein weiterer guter Grund, weniger Stall- und mehr extensive Tierhaltung zu betreiben, sagt Dania Richter: "Ich glaube, dass das einen Einfluss auf die öffentliche Gesundheit haben kann, indem sie die Wahrscheinlichkeit, dass man einer infizierten Zecke begegnet, etwas vermindert."

Volker Fingerle vom Nationalen Referenzzentrum für Borrelien sieht hier höchstens minimale Effekte. Er hält die Studien zur Beweidung zwar für sinnvoll, würde im Kampf gegen die Borreliose aber eher auf eine bessere Aufklärung der Bevölkerung eine Verbesserung der immer noch sehr unsicheren Diagnostik und der Therapie setzen. Und letztlich, so Fingerle, dürfe das Risiko, das von Zecken ausgehe, auch nicht übertrieben werden. Die Wahrscheinlichkeit, durch einen Zeckenstich wirklich ernsthaft krank zu werden, sei winzig klein, so der Mediziner. Den Spaziergang in der Natur - zu der eben auch die Zecken gehörten - solle man sich dadurch nicht vermiesen lassen.

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