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Kalenderblatt | Beitrag vom 23.10.2018

Boris PasternakDer Nobelpreis, der nicht angenommen werden durfte

Von Christian Linder

Boris Pasternak mit einem hellen Hemd und Hosenträgern. Porträt. (picture alliance / Heritage Images / Fine Art Images)
Boris Pasternak blieb auch nach der Ablehnung des Literaturnobelpreises in seiner Heimat ein geächteter Autor. (picture alliance / Heritage Images / Fine Art Images)

Vor 60 Jahren bekam der Schriftsteller Boris Pasternak den Literaturnobelpreis zugesprochen. Wenig später lehnte er die Auszeichnung ab − eine Hetzkampagne in der UdSSR ließ ihn um sein Leben fürchten.

Die Eilmeldung, die die Agenturen am 23. Oktober 1958 aus Stockholm absetzten, löste ein politisches Erdbeben aus. Dabei war nichts anderes passiert, als dass der Sekretär der Königlich-Schwedischen Akademie den frisch gekürten Literatur-Nobelpreisträger bekannt gegeben hatte: "Boris Pasternak."

Der Geehrte, vorher durch ein Telegramm in seinem Wohnort, der nahe Moskau gelegenen Künstlerkolonie Peredelkino, von der Auszeichnung unterrichtet, telegrafierte überwältigt zurück:

"Unendlich dankbar, bewegt, stolz, überrascht, verwirrt."

Kurz darauf schlug das sowjetische Imperium zu. Zwar stand Pasternak schon seit acht Monaten unter Beschuss, weil sein die russische Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltender und vom Moskauer Machtapparat zum Druck abgelehnter Roman "Doktor Schiwago" im Dezember 1957 im Westen erschienen war – unter abenteuerlichen Umständen, in die auch der US-Geheimdienst CIA verwickelt war.

Doch die Vorwürfe aufgrund dieser Veröffentlichung – Pasternak sei ein "bourgeoiser Individualist" – klangen noch harmlos im Vergleich zu den Angriffen, die nach der Stockholmer Ehrung auf die Vernichtung des Autors zielten:

"Ein Schwein besudelt niemals den Ort, wo es frisst und schläft. Wenn man daher Pasternak mit einem Schwein vergleicht, so ist festzustellen, dass ein Schwein nicht getan hätte, was er tat."

"Er wusste nicht, wie gefährlich es werden würde"

Zu den Wenigen, die in diesen späten Oktobertagen 1958 Zugang zu Pasternak besaßen, gehörte der Moskauer ARD-Korrespondent Gerd Ruge:

"Pasternak hat von vornherein gesagt, dass er den Nobelpreis annehmen wollte. Er wusste nicht, wie gefährlich das werden würde."

Dass ein Leben kein "Gang durch ein freies Feld" ist, wusste der 1890 in Moskau geborene und dort in die deutsche Schule gegangene Boris Leonidowitsch Pasternak allerdings durchaus, denn er hatte diese Einsicht in einem Gedicht notiert. In dieser seit 1914 erschienenen Lyrik hatte er sich am Symbolismus, später am Futurismus orientiert, bis er, animiert auch von der Musik Alexander Scriabins, neue, unverbrauchte Sprachmelodien fand.

Ausgehend von diesem starken lyrischen Impuls versuchte er nach Ende des Zweiten Weltkriegs in dem Roman "Doktor Schiwago" eine Verschmelzung von Poesie und Prosa sowie der öffentlichen Geschichte mit seinem eigenen Leben, gemäß seiner Forderung:

"Erkenntnisse, Erkenntnisse – die möchte ich in der Kunst sehen, nicht Richtungen, nicht Richtungen, die ich schon erprobt habe und kenne - aber neue Inhalte – bis zu Ende gedacht."

Ein welthistorisches Schicksal

Ahnte Pasternak, welche Wirkung "Doktor Schiwago" auslösen würde? Während der zehnjährigen Arbeit schrieb er einem Freund:

"Ich habe bis heute nichts Besonderes vollbracht, und doch erwartet mich mein welthistorisches Schicksal. Dieses Schicksal bricht über mich herein, der unvorbereitet und mit leeren Händen dasteht."

Wie es in Pasternak angesichts der Verleumdungskampagne aussah, notierte er in einem Gedicht mit dem Titel "Der Nobelpreis":

"Bin am End, ein Tier im Netze.
Fern gibt’s Menschen, Freiheit, Licht.
Hinter mir der Lärm der Hetze,
Und nach draußen kann ich nicht."

Ablehnung des Nobelpreises

Vor die Wahl gestellt, den Preis abzulehnen oder ausgebürgert zu werden, teilte er in einer von Selbstmordgedanken geprägten Stimmung fünf Tage nach Bekanntgabe der Stockholmer Ehrung dem Nobelpreis-Komitee mit:

"Mit Rücksicht auf die Bedeutung, die dieser Auszeichnung in der Gesellschaft, der ich angehöre, beigemessen wird, muss ich auf den mir zugedachten unverdienten Preis verzichten."

Die Hetzkampagne wurde anschließend zwar eingestellt, gleichwohl blieb Boris Pasternak in seiner Heimat ein geächteter Autor - von seinem Tod knapp zwei Jahre später, am 30. Mai 1960, nahm das offizielle Moskau keine Notiz. In seinem Gedicht "Der Nobelpreis" hatte sich Pasternak gewünscht:

"Es kommt die Zeit –
Über Niedertracht und Schaden
Triumphiert der gute Geist."

Die Zeit war erst 30 Jahre nach der Nobelpreis-Auszeichnung gekommen, als der Roman "Doktor Schiwago" 1988 im Rahmen der Perestroika offiziell in der Sowjetunion erscheinen konnte, drei Jahre vor dem Zerfall des alten Imperiums.

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