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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 26.03.2015

Bodenreform-Pläne in SchottlandKampf mit den Gutsherren

Von Jens-Peter Marquardt

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Ein Weizenfeld wird in East Lothian in Schottland gegen die Sonne aufgenommen.   (imago / Westend61)
Ein Weizenfeld wird in East Lothian in Schottland gegen die Sonne aufgenommen. (imago / Westend61)

Zustände wie im Mittelalter: In Schottland gehört der Boden wenigen Großgrundbesitzern. Das will die Regierung mit einer Bodenreform ändern - die Lords sind darüber wenig amüsiert. Doch dort, wo der Boden bereits den Bewohnern selbst gehört, blüht die Insel auf.

Harris ist eine raue Schönheit vor Schottland: saftige Weiden, graue Hügel, tief eingeschnittene Buchten. Im Süden der Insel gehört der Boden einer englischen Familie namens Hitchcock.

"Ich habe den Grundbesitzer hier noch nie gesehen. Er schickt nur seinen Lakai, der dann einmal im Jahr die Pacht von den Farmern kassiert."

... sagt Donald Macleod, einer der 700 Bewohner, die im Süden der Hebriden-Insel wohnen. Früher haben hier viel mehr Menschen gelebt. Allein seit dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Zahl der Bewohner fast halbiert, doch der Exodus aus Harris hat schon im 19. Jahrhundert begonnen. Die Gutsherren vertrieben die Menschen von der Insel, um Platz für die Schafe zu machen. Mit ihrer Wolle und dem Harris Tweed ließ sich mehr Geld verdienen.

Die Menschen wollen ihr Schicksal in die Hände nehmen

Doch die Menschen, die geblieben sind, wollen ihr Schicksal jetzt in die eigenen Hände nehmen. John Maher steht im Süden der Insel vor einem der vielen alten verlassenen Häuser:

"Dieser Anblick ist das Gegenteil von dem, was wir wollen. Wir wünschen uns Aufschwung. Neue Häuser, damit Familien herziehen. Hier war auch mal jemand zu Hause, jetzt aber leider nicht mehr."

John verdient sein Geld mit einer Reparaturwerkstatt für Oldtimer-Motoren. Jetzt will er die Insel auf Touren bringen. Johns Gemeinde will das Land kaufen. Sie bietet den Hitchcocks einen einstelligen Millionenbetrag. Die Regierung in Edinburgh hilft bei der Finanzierung.

Die schottischen Nationalisten, die dort mit ihrer SNP die Regierung stellen, wollen im ganzen Land eine Bodenreform durchsetzen. Denn im Augenblick entschieden allein die Großgrundbesitzer, ob Bäume gefällt würden oder nach Gas gebohrt werde, nur sie strichen die Profite ein, kritisiert Gordon Ferry von der SNP:

"Ich habe ganz persönlich etwas dagegen, dass eine kleine Zahl von Leuten solche Ansprüche hat, so viel Kontrolle, so viel Macht über schottischen Boden."

Entschädigung und nicht Enteignung

Das Prinzip der Bodenreform ist Entschädigung, nicht Enteignung. Aber die Regierung will auch Höchstgrenzen für den Grundbesitz in Schottland festlegen und das Land auf mehrere Erben verteilen – noch sind es etwa 400 Großgrundbesitzer, denen Halb-Schottland gehört. Sie wollen ihren Besitz nicht kampflos hergeben. Lord David Johnstone, der Sprecher der schottischen Großgrundbesitzer:

"Nein, ich halte die Bodenreform für keine gute Idee. Sie trifft die Familiengüter. Wenn man drei Kinder hat, kann man das Land nicht durch drei teilen. Das wäre nicht wirtschaftlich. Am Ende bliebe nur, alles zu verkaufen."

Im Norden von Harris haben die Bewohner bereits Land kaufen können. Dort blüht die Insel jetzt auf. Ein privater Investor baut hier eine Whisky-Destillerie. Und in der Nachbarschaft hat eine neue Tweed-Weberei aufgemacht. Gordon Cummins betreibt das alte Handwerk:

"Der Aufkauf durch unsere Kommune hat für neue Motivation gesorgt. Er bringt die Menschen zusammen. Wenn die Leute jetzt zu unseren Gemeindeversammlungen kommen, haben sie das Gefühl, dass ihre Stimme zählt."

Der Süden der Insel ist noch nicht so weit. Da will John Maher mit seinen Mitstreitern den Druck auf die Hitchcocks verstärken – nach und nach sollen die Bewohner ganz Harris übernehmen.

Mehr zum Thema:

Agrarpolitik - Die offenen Fragen der DDR-Bodenreform
(Deutschlandradio Kultur, Länderreport, 09.01.2015)

Spätfolge der Bodenreform - Zurück in die Bürgerhaushalte
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 27.11.2014)

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Zum Bodenreform-Urteil
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