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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.04.2006

Blinder Antiheld

Max Frischs Roman "Mein Name sei Gantenbein" als Hörbuch

Rezensiert von Edelgard Abenstein

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Max Frisch, Schweizer Schriftsteller (AP Archiv)
Max Frisch, Schweizer Schriftsteller (AP Archiv)

Die männliche Hauptfigur in Max Frischs Buch "Mein Name sei Gantenbein" denkt über sein Leben nach und versucht aus seinem alten Leben zu fliehen. Dabei schlüpft sie in eine andere Identität, in die eines Blinden. Dem Schweizer Autor geht es in seinem dritten großen Werk um das Problem der menschlichen Identität. Der Roman ist nun 42 Jahre später - basierend auf einer Hörspielproduktion von 1967 - als Hörbuch erschienen.

Die Situation sieht ganz einfach aus: Ein Mann sitzt in seiner leeren Wohnung, die Frau, die er liebt, hat ihn verlassen. Deshalb denkt er über sich nach, über sein Leben und die verlorene Liebe. Aber nichts ist so klar, wie es scheint.

"Ich mache nicht auf. Der Herr meines Namens ist verreist."

Wie immer bei Max Frisch geht es um das Problem der menschlichen Identität. Nicht von Fakten, sondern von Möglichkeiten ist die Rede. Also gibt sich die Hauptfigur den Namen Gantenbein und stellt sich vor, blind zu sein, kauft sich eine Blindenbrille, ein Stöckchen und betrügt von nun an seine Umgebung. Er macht sich auf grausame Art lustig, auch über seine eigene Verzweiflung. Sein Leben ist ein Spiel.

"Warum tragen Sie eigentlich keine gelbe Armbinde? – Ist Ihr Hündchen ein Foxterrier? - Nein, ein Pudel. – Die Frage hat er nur gestellt, um den Blinden zu spielen. Aber das war dilettantisch, anfängerhaft. Er verstummte gänzlich. – Es ist gerade ein grässlicher Verkehr, deshalb fahr ich so ruckig. – Aber ich bitte Sie. – Man fuhr durch die Stadt. Sind Sie mit dem Karmann zufrieden? Oh ja, sehr. – Woher wusste ein Blinder, dass sie einen Karmann fuhr? Aber auch das ging."

In seiner neuen Rolle sieht er Dinge, die er sonst nicht sehen würde. Denn Menschen, die sich beobachtet fühlen, tragen immer eine Maske. Einen Blinden hingegen versucht niemand zu täuschen. So lernt er seine große Liebe, Lila, die Schauspielerin, kennen. Aber vielleicht ist auch sie nur eine Fiktion?

"Ich wollte ihn erst gar nicht empfangen, aber meine alte Garderobiere beteuerte, da sei ein Blinder. Ich war gerade beim Abschminken, in Unterwäsche und offenem Morgenrock, wie eine Hexe, ganz ölig. Aber er steht einfach da, Rosen in der Hand, drei Stück und sagt, wie begeistert er sei. Dabei bin ich an diesem Abend viel schlechter gewesen als sonst, geradezu katastrophal. …schon nach einer Viertelstunde kommt man sich wie verheiratet vor mit einem Blinden."

Was Gantenbein an möglichen Geschichten aus- und anprobiert, hat der Regisseur Rudolf Noelte mit Raffinesse in delikates Hörtheater übersetzt. Man merkt den Spielwitz, der die Sprecher, besonders Dagmar Altrichter antreibt. Die deutsche Stimme von Liz Taylor und Ingrid Bergman brilliert in der Rolle der Lila, vom gurrenden Alt der femme fatale zur Ausgelassenheit der höheren Stimmlagen.

Sparsame, wohltemperiert eingesetzte Musik- und Geräuscheffekte – das Klöppeln des Blindenstocks, ein jähes Autobremsen, Musik aus dem Plattenspieler – eröffnen wie durch Blitzlichter erhellt stets neue Räume: Jeder davon bietet ein anderes Spielfeld für die Einsamkeit, die Düsternis, aber auch die helle Ironie des Erzählers.

"Wir sind glücklich wie kaum ein Paar. Ich stelle mir vor, Lila betrügt mich, um dieses sehr dumme Wort zu gebrauchen, aber sie weiß nicht, dass ich es sehe, freut sich wie ein Kind wenn ich sie draußen am Flughafen abhole. Ich warte, gestützt auf mein schwarzes Stöcklein, Brille im Gesicht. ...ich sehe einen Herrn, der ihren Mantel trägt, jetzt hat sie mich gesehen, ich seh’s, jetzt trennen sie sich, kusslos. Ob sie doch an meiner Blindheit zweifelt?"

Mit der gleichen Leichtigkeit und Eleganz, mit der Frisch das Leben seiner Figuren auffächert, inszeniert Noelte die kleinen, auf groteske Pointen zusteuernden Szenen. Die grüblerischen, stillen Auftritte leben von der Vortragskunst Robert Freitags. Murmelnd, nuschelnd, sich ins Wort fallend, tastet er sich an die wechselnden Identitäten seiner Figur heran, als erprobe er immer wieder den richtigen Tonfall.

"Ihr habt schon fast alles überstanden außer das Ende. Ihr seid ein Paar, jederzeit frei, aber ein Paar. Wer kann etwas für die Gewöhnung. Ihr kennt eure Körper wie ihr eure Möbel kennt und da geht ihr zu Bett, weil es schon wieder 2 Uhr ist und morgen ist ein strenger Tag. 02.18. Warum solltet ihr jetzt noch mal eure Vergangenheit erforschen. Das Bekennen mit seinen Wonnen ist aufgebraucht, das Vertrauen lückenlos, die Neugierde vertan, das Leben des anderen wie ein Buch, das man wie einen Klassiker zu lesen hat."

Obwohl das Hörspiel bereits aus dem Jahre 1967 stammt, hat es keine Patina angesetzt. Dass es so alt ist, merkt man nur an einem Punkt. Der Lautstärkeknopf muss höher gedreht werden als bei heutigen Hörbuchproduktionen.

"In der Küche tropft der Wasserhahn, aber sonst ist es still wie in Pompeji, man kann durch die Räume schlendern, Hände in den Hosentaschen und versucht sich vorzustellen, wie hier gelebt worden ist, bevor die heiße Asche alles verschüttet hat, alles ist noch da, nur das Leben nicht mehr."

Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein
3 CD. Hörverlag München.
212 Minuten. 24,95 Euro.

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