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Interview / Archiv | Beitrag vom 16.10.2018

Black Power bei den Olympischen SpielenPolitisches Zeichen für die Bürgerrechte

Thomas Reintjes im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Die US-Athleten Tommie Smith und John Carlos schrieben mit ihrem Black Power-Protest bei der Siegerehrung Geschichte: Bei den Olympischen Spielen in Mexiko, 1968, reckten sie ihre schwarz behandschuhten Fäuste. (imago stock&people)
Die US-Athleten John Carlos (l) und Tommie Smith bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko. (imago stock&people)

Die afroamerikanischen US-Athleten John Carlos und Tommie Smith schrieben vor 50 Jahren mit ihrer Black Power-Geste bei den Olympischen Spielen in Mexiko Geschichte. Die Rassentrennung existiere in den USA aber immer noch, sagt der Journalist Thomas Reintjes.

Liane von Billerbeck: Das war es, ein Weltrekord. 200 Meter in 19,83 Sekunden. Diese Reportage ist 50 Jahre alt. Das war vor 50 Jahren, am 16. Oktober 1968 bei den Olympischen Spielen in Mexiko. Der Amerikaner Tommie Smith ist Sieger, und Dritter wird ebenfalls ein US-Amerikaner, John Carlos, und bis heute sind die beiden in den USA Helden. Aber nicht wegen des Rennens, sondern wegen dem, was danach passiert ist. Thomas Reintjes ist jetzt im Studio. Die beiden haben ja für einen der sagen wir ikonischen Momente der Sportgeschichte gesorgt.

Thomas Reintjes: Ja. Und so, wie Sie gesagt haben, nach dem Rennen, und zwar bei der Siegerehrung. Da ist ein ganz bekanntes Foto entstanden, wo sie eine Faust nach oben strecken, die Köpfe senken. Und sie tragen auch keine Schuhe, sondern nur schwarze Socken. Und das, diese Aktion war genug, um damit ihre Karriere zu riskieren

Tommie Smith (rechts) und John Carlos im Frühjahr 2018, knapp 50 Jahre nach der Siegerehrung bei den Olympischen Spielen in Mexiko. Die beiden Sprinter (Gold- und Bronzemedaille) reckten damals als Protest für die Black Power-Bewegung ihre schwarz behandschuhten Fäuste. (picture alliance/dpa/newscom)Tommie Smith (rechts) und John Carlos 2018, knapp 50 Jahre nach der Siegerehrung bei den Olympischen Spielen in Mexiko. (picture alliance/dpa/newscom)

von Billerbeck: Bevor wir dazu kommen, welche Folgen das hatte, was Sie da eben beschrieben haben – was waren denn die Hintergründe dieser Protestaktion?

Die Bürgerrechtsbewegung hatte schon viel erreicht

Reintjes: Das Jahr 1968 war nicht nur in Berlin und in Deutschland, sondern auch in den USA ein turbulentes Jahr. Ein paar Monate vor den Olympischen Spielen in Mexiko ist Bobby Kennedy erschossen worden, der Bruder von John F. Kennedy. Zwei Monate davor ist Martin Luther King erschossen worden. Bis dahin hatte dessen Bürgerrechtsbewegung schon ziemlich viel erreicht. Es gab laut Gesetz keine Rassentrennung mehr. Aber in der Praxis sah das eben anders aus. Das Land war immer noch im Umbruch. Vielerorts gab es immer noch getrennte Schulen und Toiletten und Wasserspender und so weiter für schwarze und weiße Amerikaner, und der Kampf für Gleichberechtigung und Gleichbehandlung war alles andere als vorbei.

von Billerbeck: Das heißt, die Sportler, die beiden Läufer haben diesen Kampf auch zu ihrer Sache gemacht?

Reintjes: Das haben sie. Sie waren Mitglieder in einer Gruppe, die sich "Olympic Project for Human Rights" nannte, also Olympisches Projekt für Menschenrechte. Da waren nicht nur Tommie Smith und John Carlos, die beiden Sprinter, sondern auch viele andere Athleten, meistens Afroamerikaner, Mitglieder. Diese Gruppe hat den Boykott der Spiele gefordert, und Martin Luther King hatte diesen Boykott auch vor seinem Tod noch unterstützt. Aber trotzdem ist dann nichts draus geworden, das hat nicht die nötige Fahrt aufgenommen. Was es aber gab, waren Anstecknadeln dieser Gruppe mit dem Logo der Gruppe. Die haben dann viele Sportler in Mexiko City getragen, allerdings nicht während der Wettkämpfe.

Die Stimmung war angespannt

von Billerbeck: Das ist ja nun eine relativ milde Form des Protests, wenn man es vergleicht mit einem Boykott. War das Thema quasi schon abgehakt in Mexiko City bei den Olympischen Spielen, und niemand hat mit dem Protest von Tommie Smith und John Carlos gerechnet?

Reintjes: Nein, ganz im Gegenteil. Das muss eine ganz angespannte Stimmung gewesen sein, eben weil sich schon abgezeichnet hat, dass sie protestieren wollen. Dass es diesen Boykottaufruf gab, das war im Prinzip ja ein deutliches Zeichen, dass sie die Olympischen Spiele irgendwie als Bühne und als Plattform nutzen wollten, um für Aufmerksamkeit zu sorgen und gegen Rassentrennung zu protestieren, in den USA, aber auch in Südafrika. Es gab sogar Gerüchte, dass Scharfschützen im Stadion sind, die Protestaktionen stoppen würden. Ich kann jetzt nicht beurteilen, ob das übertrieben ist oder nicht. Aber für Tommie Smith und John Carlos muss sich das damals sehr real angefühlt haben. Sie haben später erzählt, dass sie bei ihrem Protest um ihr Leben gefürchtet haben.

von Billerbeck: Wie lief denn diese Aktion nun ganz genau ab?

Der Australier zeigte sich solidarisch

Reintjes: Nach dem Lauf verschwinden die beiden erst mal bis zur Siegerehrung in den Katakomben des Stadions, in der Kabine, und fangen da an, ihren Plan auszuführen. Der war, dass sie schwarze Handschuhe tragen. Aber John Carlos hatte seine Handschuhe im Olympischen Dorf vergessen. Und dann mischt sich Peter Norman ein. Das ist der Zweitplatzierte, der zwischen Smith und Carlos das Rennen gelaufen ist. Der ist Australier. Und der schlägt vor, dass doch jeder einfach einen Handschuh tragen könnte. Einer streckt dann eben die linke Faust hoch, der andere die Rechte.

Und dann überlegt Peter Norman noch, wie er sich denn solidarisch zeigen kann. Und dann kommt er eben auf diese Anstecknadel des Olympic Project for Human Rights. Smith und Carlos tragen die auch, und Norman leiht sich dann eine aus von einem amerikanischen Ruderer. Und so stehen sie dann auf dem Treppchen. Smith und Carlos in Socken, was auf die Armut der Schwarzen aufmerksam machen soll. Beide tragen einen schwarzen Handschuh, und alle drei tragen die Anstecknadeln des Olympischen Menschenrechtsprojekts. Dann bekommen sie ihre Medaillen. Die amerikanische Hymne wird gespielt. Sie drehen sich in Richtung der Flagge, und dann strecken Smith und Carlos die Faust mit dem schwarzen Handschuh in die Höhe und senken ihre Köpfe.

Ihre Sportlerkarriere war vorbei

von Billerbeck: Und genau das ist das Bild, das Foto, das um die Welt geht. Und diese Geste wird bekannt als Black-Power-Geste. War das nun ein Erfolg für Smith und Carlos und vor allem für ihr Anliegen?

Reintjes: Für ihr Anliegen auf jeden Fall. Sie haben natürlich die Aufmerksamkeit, die sie wollten, und eigentlich haben sie die sogar bis heute. Sie werden verehrt. Zum Beispiel in dem Viertel, in dem ich in New York wohne, da gibt es ein Mural, so ein Wandgemälde, das zeigt den Moment auf dem Podium. Und solche Murals gibt es im ganzen Land, und auch Denkmäler. Die beiden sind auch gefragte Redner bis heute. Aber trotzdem sieht das für sie persönlich eigentlich nicht so rosig aus. Sie haben das Stadion unter Buh-Rufen verlassen müssen und sind dann auch von den Olympischen Spielen ausgeschlossen worden. Sie haben es beide noch mit American Football probiert, aber im Prinzip war ihre Sportlerkarriere vorbei. Tommie Smith hat sogar zeitweise sein Geld mit Autowaschen verdient. Und übrigens, auch für Peter Norman, den Australier, sah es nicht viel besser aus. Für die nächsten Olympischen Spiele 1972 hat er sich mehr als ein Dutzend Mal qualifiziert, aber durfte trotzdem nicht für Australien laufen. Er ist 2006 gestorben. Bis heute hält er aber den australischen Rekord, den er bei diesem Rennen 1968 aufgestellt hat.

Faktisch gibt es in den USA immer noch Rassentrennung

von Billerbeck: Verrückt. Sie haben ja schon gesagt, dass Smith und Carlos immer noch verehrt werden. Was ist aus ihrer Sache geworden? Die Ungleichheit zwischen Schwarzen und Weißen Amerikanern, die ist ja bis heute vorhanden.

Reintjes: Ja, faktisch gibt es immer noch Rassentrennung. Es gibt immer noch schwarze Stadtviertel und weiße Stadtviertel. Es gibt natürlich auch lateinamerikanische und chinesische Stadtviertel, China Towns. Traditionell schwarze Schulen gibt es nach wie vor. Das setzt sich fort in Universitäten, die aufgeteilt sind, mehr oder weniger natürlich, nicht offiziell. Und es gibt auch eine eher freiwillige Trennung, zum Beispiel bei Kirchen und bei Friseursalons. Aber ganz eklatant ist natürlich die Ungleichbehandlung durch Polizei und Justiz in den USA. Da gibt es immer noch sehr viele, die sich sehr engagiert dagegen einsetzen, seit einigen Jahren ja die "Black Lives Matter"-Bewegung, die auch sehr laut sein kann, was ja auch gut ist. Aber ich glaube, was so ein bisschen fehlt, ist vielleicht so ein ikonischer Moment, wie Tommie Smith und John Carlos den damals kreiert haben.

von Billerbeck: Thomas Reintjes war das. Er erinnerte an Tommie Smith und John Carlos. Die beiden afroamerikanischen Sportler, die bei den Olympischen Spielen in Mexiko 1968 mit einer schwarz behandschuhten Faust bei der Siegerehrung an die Diskriminierung erinnerten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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