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Tonart | Beitrag vom 04.04.2016

Black Pop Politics Eine neue Ära der "Freedom Songs"?

Von Jutta Petermann

US-Sängerin Mavis Staples (picture alliance / dpa / Foto: Valentin Flauraud)
Die US-Sängerin Mavis Staples kämpft gegen Rassismus. (picture alliance / dpa / Foto: Valentin Flauraud)

In den USA erleben wir derzeit eine Repolitisierung der Popmusik. Musiker wie Kendrik Lamar, Beyoncé und Mavis Staples kritisieren Polizeigewalt und Rassismus. Unsere Autorin untersucht, inwiefern die "Anti-Rassismus-Songs" der Gegenwart an die Freedom Songs der 1960er-Jahre anknüpfen.

"Dieses Lied war noch in der Art der Freedom-Songs Ära und ich mochte es, so dass ich dachte es schadet nicht es aufs Album zu nehmen. Ich mag jeden Vers - ich ängstige mich um meine Kinder, ich bin müde. All das schien mir so wahr, ich konnte darüber nicht hinweg gehen."

Die Vergangenheit holt Mavis Staples wieder ein. Wie zu Zeiten der Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten, singt die 76-Jährige davon, dass Schwarze sich erheben und für ihre Rechte kämpfen müssen. Laut der britischen Tageszeitung "The Guardian" und der US-amerikanischen Washington Post wurden 2015 insgesamt mehr als 1100 Menschen, Weiße wie Schwarze oder Latinos, Männer wie auch Frauen in den USA durch Polizeikugeln getötet, Tendenz steigend.

In absoluten Zahlen wurden zwar mehr weiße Männer von Polizisten erschossen, im Verhältnis zu ihrem geringeren Anteil an der Gesamtbevölkerung haben junge, afroamerikanische Männer aber ein doppelt so hohes Risiko, auf diese Art zu sterben. Deshalb kämpft nicht nur Mavis Staples singend weiter.

"Ich werde niemals die Hoffnung verlieren. Ich halte die Hoffnung am Leben. Wenn Du sie verlierst, hast Du nichts mehr. Son Little hat gerade einen Song rausgebracht der 'Mother' heißt, und Pharrell Williams hat nen Song der 'Freedom' heißt und Common, er ist einfach grundsätzlich ein Aktivist."

Rapper Common finanziert schon seit längerem Bildungsprojekte in vornehmlich von Afroamerikanern bewohnten Stadtvierteln. Er ist einer der Musiker, die alte Freedom-Songs für ihren heutigen Protest aufgreifen, ergänzt um Rap-Passagen mit aktuellen Bezügen.

In dem ursprünglich von Nina Simone gesungenen Lied "To Be Young, gifted and Black" verdammt er alle Städte, in denen zuletzt Schwarze erschossen wurden. Er singt "wir sind die Schwarzen Schafe …" vermutlich in Anspielung auf die sozialen Probleme in Gegenden mit vielen Afroamerikanern, aber er singt auch "Ihr schlachtet Lämmer".

José James: "Erst vor zwei Wochen fanden sie im Süden einen Schwarzen im Wald, der gelyncht im Baum hing. Und jetzt untersuchen sie das und Eric Garner, all die Morde durch die Polizei. Es ist eine erschütternde Zeit auch wegen der Tatsache, dass all die Errungenschaften und Gesetze und das was die Bürgerrechtsbewegung erreicht hatte jetzt wieder zurückgefahren wird, es ist ganz schön beängstigend." 

Das erzählt Jazzsänger José James im Herbst 2015. Das von Billie Holiday vor mehr als 70 Jahren populär gemachte Lied "Strange Fruit" über Lynchmorde ist damit tragisch aktuell. Es gilt als früher Freedom-Song. James hat ihn neu eingesungen.

José James: "Was der Song 'Strange Fruit' macht, ist, er zeichnet ein Bild in Deinen Gedanken und in Deinem Herzen über das Lynchen und Morden von schwarzem Männern und Frauen. Es nimmt einen emotional mit zu diesen Orten. Der beste Weg eine Veränderung zu beginnen, ist in der Gefühlwelt eines Menschen, in dessen Gedanken und Herzen, der dann versteht wir sind alle Menschen und ein Unrecht gegen einen von uns ist ein Unrecht gegen uns alle." 

Kaum weiße Musiker greifen das Thema auf

Ein Unrecht, das man sich heutzutage in aller ungeschnittenen Brutalität auf YouTube ansehen kann - gefilmt von Passanten mit ihren Handykameras.

Nachdem im August 2014 der gerade erst 18-jährige, unbewaffnete Michael Brown mit sechs Schüssen von einem Polizisten getötet wurde, formierte sich die Bewegung "Black Lives Matter" - schwarze Leben zählen. Unter anderem wurde dazu aufgerufen, neue Protestsongs zu schreiben, um die Kampagne musikalisch zu unterstützen.

Die Resonanz darauf wird aktuell hörbar. Sicher hat auch Kendrick Lamars vielbeachtetes und kürzlich mit mehreren Grammys ausgezeichnetes Album "To pimp a butterfly" andere Musiker angeregt, gegen dieses Unrecht anzusingen. Obwohl er seine Hörer darauf mit der unbequemen Wahrheit konfrontiert, dass die meisten Schwarzen bei Bandenkriegen durch die Kugeln anderer Schwarzer streben.

Auch Charles Bradley hat persönlich Erfahrungen mit Polizeischikanen gemacht und geht kaum noch aus dem Haus. In seiner neuen Single "Change for the world" warnt er vor der Gefahr, dass es wieder Rassentrennung geben könnte.

Selbst ein afroamerikanischer Präsident wie Barack Obama sei kein Garant für die Gleichbehandlung von Weißen und Schwarzen, bedauert er.

"Das ist doch nur ein Feigenblatt, sieh der Wahrheit ins Gesicht, es ist nur ein Feigenblatt. Obama ist ein wunderbarer Mensch, ein wirklich geerdeter Mensch. Er liebt alle, er hat sein Bestes getan, aber es ist noch wie vorher." 

Man könnte von einer neuen Ära des "Freedom Songs" sprechen, bei der aber auffällig ist, dass kaum weiße Musiker das Thema aufgreifen - anders als damals in den Sechzigern, als Pete Seeger, Bob Dylan oder Joan Baez zu prominenten Stimmen der Bürgerrechtsbewegung wurden.

Heute wird hingegen heiß diskutiert, ob sich ein Weißer überhaupt einmischen darf. Dabei stammt einer der wohl wichtigsten neuen Anti-Rassismus-Lieder von dem Rapper Macklemore. Im neun Minuten Song "White Privilege II" hinterfragt er die Privilegien, die er als Weißer automatisch genießt und die Ungerechtigkeit, die damit einhergeht. Er macht klar, dass Rassismus nie endet, wenn Weiße nicht erkennen, dass sie Teil des Problems sind.

Macklemore: "Rassismus ist älter als Amerika selbst, aber es ist ein Produkt unseres Landes. Als ich mich entschieden hatte, aufzuhören zu Schweigen zu dem Thema aus Angst, ich würde das Falsche sagen, wusste ich, wenn wir alle das Problem des Rassismus angehen in den USA und im Rest der Welt, werden wir uns auf schwierige und chaotische Gespräche einlassen müssen."

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