Mittwoch, 25.11.2020
 

Fazit | Beitrag vom 18.11.2020

"Black Lives Matter" auf der Top100 von MonopolWo fängt Kunst an - und wo hört sie auf?

Ein Kommentar von Carsten Probst

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Ein Aforamerikaner mit einem "Black Lives Matter"-Schild in der linken Hand. Der rechte Arm ist nach oben angewinkelt und die Hand zur Faust geballt. Der Mann trägt auch eine Maske mit dem selben Slogan und einen schwarzen Kapuzenpullover.  (picture alliance/dpa/Yegor Aleyev/TASS)
Die "Black Lives Matter"-Bewegung hat zum Umdenken in der Kunst- und Kulturszene beigetragen. (picture alliance/dpa/Yegor Aleyev/TASS)

Die Kunstzeitschrift "Monopol" hat die "Black Lives Matter"-Bewegung an die Spitze ihrer Top100-Liste gesetzt. Gut gemeint, aber durchaus zweifelhaft findet dies der Kritiker Carsten Probst.

Bemerkenswert, dass diesmal kein Künstler oder keine Künstlerin an Position eins der Top100-Liste der Kunstzeitschrift "Monopol" steht. Position eins, das kann man sich so vorstellen wie den Monopol-internen Nobelpreis für Bildende Kunst. Zwar undotiert, aber doch so viel wie ein kräftiges Schulterklopfen seitens der Redaktion des Magazins.

An Position eins stand letztes Jahr Hans Haacke, ein bekannter deutscher Künstler mit einem der Kulturindustrie gegenüber sehr kritischen Werk, der jedoch rein äußerlich dem Klischee des alten weißen Mannes sehr nah kommt. Das wollte man in diesem Jahr offenkundig vermeiden. An Position eins steht diesmal die "Black Lives Matter"-Bewegung aus den Vereinigten Staaten.

Eine Bewegung statt eines Kunstschaffenden

Sie ist weder alt noch weiß noch eindeutig männlich. Insofern ist die Wahl verständlich – aber zugleich auch erstaunlich. "Black Lives Matter" macht ja keine Kunst. Vielleicht empfinden es die Protestierenden sogar als Beleidigung, wenn sie als Künstler abgetan werden, denn sie wollen schließlich die Realität verändern.

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Für die "Monopol"-Redaktion besteht nun gerade darin ihr Einfluss auf Kunst und Kultur: Museen fühlen sich gedrängt, sich für neue Besucherschichten zu öffnen, heißt es in der Begründung.

Öffentliche Denkmäler mit diskriminierendem Inhalt werden gestürzt, Straßen umbenannt. Und abgesehen von dem Galeristen David Zwirner als Vertreter des Kunstkapitalismus alter Schule gehen auch viele folgende Listenplätze an sogenannte politische Aktivistinnen wie Hito Steyerl, die Philosophin Donna Haraway als Vertreterin eines posthumanistischen Feminismus und – man höre und staune – an die "öffentliche Hand" in Deutschland für die Unterstützung von Kulturinstitutionen während der Coronapandemie.

Wie weit geht der Kunstbegriff?

Das alles stimmt in der Tat nachdenklich: Auch einem Kunstmagazin wie "Monopol" scheint mittlerweile nicht mehr so klar zu sein, wo Kunst anfängt oder aufhört.

Wenn Black Lives Matter auf Platz eins steht, müsste dort, nüchtern betrachtet, eigentlich auch Donald Trump stehen. Er schwebt jedenfalls wie ein Elefant im Raum über allem, denn sein Einfluss auf das globale Kunstgeschehen war weltweit sicher nicht geringer als das von, sagen wir, Donna Haraway.

Oder das Coronavirus: Schließlich hat nichts die Strukturen der Kunstwelt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mehr aufgemischt als Covid-19.

Was aber noch nachdenklicher stimmt: Die Liste bezieht sich auf Themen und Namen, über die man eben in Deutschland oder Mitteleuropa so diskutiert. Und das im Namen der Diversität? Wäre die Top100-Liste eine kuratierte Ausstellung, würde ihr Whitewashing vorgeworfen werden: Selbstdarstellung als besonders gerecht und antidiskriminierend auf dem Ticket anderer – und das zu Recht!

Der Kulturwissenschaftler und Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich beobachtet eine Politisierung der bildenden Kunst. Dadruch würden Themen wie Gerechtigkeit und Gleichheit Eingang in die Kunst finden.
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