Björn Kern: "Kein Vater, kein Land"

Jenseits der Stadt kein Idyll

06:42 Minuten
Das Cover des Romans von Björn Kern, "Kein Vater, kein Land"
© Secession Verlag

Björn Kern

Kein Vater, kein LandSecession Verlag, Berlin 2021

143 Seiten

18 Euro

Von Manuela Reichart · 10.12.2021
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Ein Vater will seinen Sohn vor den Behörden schützen. Er flieht mit dem Fünfjährigen aus der Stadt. Doch das Land seiner Kindheit ist öd und verseucht – kein Ort mehr, an dem es zu leben lohnt.
Es ist kalt und unwirklich im neuen Roman von Björn Kern, der von einer Albtraumreise erzählt. Ein Mann flieht mit seinem fünfjährigen Sohn aus der Großstadt. Er hofft, im alten Forsthaus seines Vaters Zuflucht zu finden. Angekommen im Wald an der polnischen Grenze ist jedoch nichts mehr, wie es war: Der Alte ist weg, das Haus verrammelt, die Tiefkühltruhen sind leer, die Nachbarn nicht gerade freundlich.

Sorge ums Kind befreit

Vater und Sohn ziehen weiter, sie sind zu Fuß unterwegs, kaufen Toastbrot und Streichkäse an der Tankstelle. Das Kind bekommt Milch. Die Fische, die der Vater angelt und roh isst, sind ihm widerlich. Die Mutter ist im Spital – oder doch eher in der Psychiatrie?
Der Autor erzählt in Rückblenden von einer frühen Liebe und einer späten Verwirrung, zeichnet seine Figuren jedoch nur schemenhaft. Nichts soll eindeutig sein in diesem literarischen Roadmovie, das das Vater-Sohn-Motiv ins Zentrum stellt. Es geht um die Angst und die Liebe eines jungen Mannes, der keine Begabung hat zum Vatersein, – und der doch begreift, dass er sich nur durch die Sorge fürs Kind aus alten Zwängen befreien kann.

In der Weite des Luchs

Als sie den Großvater endlich finden, ist der keine angsteinflößende Gestalt mehr, sondern ein verwirrter Greis, der dem Kleinen unheimlich ist. Früher galt der Alte als aufmerksamer Förster, der Tiere nur erschoss, weil er sie erlösen, ihnen Leid ersparen wollte. Aber war das wirklich so? Oder war er – wie es ein böswilliger Nachbar erzählt – nur ein geschäftstüchtiger Mann, der die Felle über die Grenze verkaufte.
Porträt des Schriftstellers Björn Kern.
Björn Kern erzählt von einer Albtraumreise, in der Realität und Einbildung verschwimmen. © picture alliance / dpa / Horst Galuschka
Einerseits ist in dieser östlichen Einöde nichts mehr wie es war. Andererseits: „Es gab Dinge, die änderten sich nicht. Häute, Menschen, verlorene Hoffnungen, all das kam durch Groß Zeetz, auf dem Weg nach Osten, ins Luch. Alle kamen durch Zeetz, die es in den Osten drängte, die etwas loswerden oder etwas verschweigen wollten, denen die Leichen nachts aus den Kellern stiegen, die nicht bleiben konnten, da sie Ausgestoßene waren, die nur noch einen Lebensraum für sich kannten: die Weite des Luchs.“

Land und Tier verenden

Es ist eine eindrucksvolle, eine dunkle Geschichte, in der Tiere mit blauen Zungen erschossen werden, die  angeblich einer seltsamen, nicht genau benannten Seuche geschuldet sind, in der der Fluss den Tod bringen kann, weil chemische Abwasser hineingeleitet werden. Oder sind das alles nur irre Vorstellungen, die der Fantasie des alten Försters entspringen?
Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Einbildung ist undeutlich, die Realität könnte auch ein Traum sein, denn welcher Vater trägt sein Kind schon kilometerweit durch die Kälte, um es vor dem Kindergarten und medizinischen Untersuchungen zu bewahren?

Liebe leuchtet im Düstern

Der Autor beschreibt eine menschenleere Landschaft, eine Grenzregion, die lange schon abgehängt ist von wirtschaftlichem Aufschwung und gesellschaftlicher Teilhabe, in der die Bewohner sich abgefunden haben mit ihrer aussichtslosen Lage.
Er entwirft düstere Bilder, in denen allerdings die Liebe des Vaters zum Kind leuchtet und in denen die Überlebensstrategien des Kleinen mindestens so eindrucksvoll sind wie die des Großen. Am Ende steht der Zweifel. Und die Hoffnung auf ein Leben jenseits des Flusses.

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