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Interview / Archiv | Beitrag vom 11.11.2015

Björn Engholm zum Tod von Helmut Schmidt"Er war ein Verantwortungsethiker"

Björn Engholm im Gespräch mit Nana Brink

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Altbundeskanzler Helmut Schmidt bei einer Tagung 2010 mit einer Zigarette in der Hand. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Altbundeskanzler Helmut Schmidt im Jahr 2010 (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Für den SPD-Politiker Björn Engholm war Helmut Schmidt ein Lehrmeister: Sprache, Klarheit der Gedanken und Entscheidungsfreude konnte man bei ihm lernen. Politiker wie Schmidt mit einem bestimmten Verantwortungsethos seien auch heute nötig, meinte Engholm.

Der SPD-Politiker und frühere Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Björn Engholm, hat Helmut Schmidt als einen seiner politischen Lehrmeister gewürdigt.

Durch seine Vorbildhaftigkeit sei Schmidt für ihn zu einer positiven Lehrerfigur geworden, sagte Engholm im Deutschlandradio Kultur:

"Man konnte sich an ihm orientieren: An seiner Sprache, seiner Klarheit der Gedanken, seiner Entscheidungsfreude, der Geschwindigkeit, mit der er das alles gemacht hat. Insofern war das eine positive Lehrerfunktion, die ich bei ihm gefunden habe."

Im Sinne von Max Weber sei Schmidt ein "Verantwortungsethiker" gewesen, betonte Engholm. Das sei die Grundlage seines Handelns gewesen:

"Also Schmidt hat nie angefangen, Fahnen zu schwingen des Gutmenschentums. Schmidt hat einfach getan. Und hat sein Tun ausgerichtet an einem Ethos. Und das hat uns alle irgendwie fasziniert, auch wenn wir alle mal im Widerspruch zu ihm waren."

Engholms Wunsch für einen idealen Politiker

Politiker wie Helmut Schmidt seien auch heute nötig, meinte Engholm:

"Ich finde, das müsste heute möglich sein: Verantwortungsethos, in einer Person gebündelt. Das ermöglicht klare Linien, schnelles Entscheiden ebenso wie Nachdenklichkeit und das Akzeptieren von Widerspruch."

Er wünsche sich eine Politikerpersönlichkeit, die aus Willy Brandt und Helmut Schmidt zusammengesetzt sei, sagte Engholm:

"Beide zusammen in einer Person, das wäre das Optimum. Dann käme die SPD aus dem Loch von 25 Prozent heraus."



Das Interview im Wortlaut:

Nana Brink: Helmut Schmidt hat die Genossen zu vielen Verbeugungen gestern veranlasst. Alle haben seinen scharfen Verstand, seine Entscheidungsfreudigkeit, seine Managementqualitäten herausgestellt. Von Wärme allerdings war selten die Rede. Helmut Schmidt und die SPD, eine schwierige Geschichte auch, trotz erfolgreicher Kanzlerschaft. Der SPD-Politiker Björn Engholm, in der Zeit von 1988 bis '93 war er Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein und von '91 bis '93 Bundesvorsitzender der SPD. Guten Morgen, Herr Engholm!

Björn Engholm: Moin, moin!

Brink: Was war Helmut Schmidt für Sie?

Engholm: Das lässt sich in wenigen Worten kaum sagen. Ich würde schon sagen, er war im positiven Sinne auch eine Art Lehrer für mich. Nicht im Sinne von belehrend, aber im Sinne von Vorbildhaftigkeit. Man konnte sich an ihm orientieren, an seiner Sprache, seiner Klarheit der Gedanken, seiner Entscheidungsfreude, der Geschwindigkeit, mit der er das alles gemacht hat. Insofern war das eine positive Lehrerfunktion, die ich bei ihm gefunden habe.

Brink: War er auch eine Vaterfigur? Weil wir auch vor Kurzem mit unserem Chefredakteur hier darüber gesprochen haben, da gibt es ja durchaus unterschiedliche Einschätzungen?

Engholm: Vaterfigur, würde ich eher sagen – in meiner damaligen Zeit, ich kam ja aus der Juso-Generation heraus, aus dem linken Landesverband Schleswig-Holstein –, Vaterfigur hätte ich eher zugeschrieben Willy Brandt. Er war eher so ein Präzeptor für unser politisches Denken und Handeln, geachtet, respektiert, manchmal sogar gefürchtet. Aber Vaterfigur würde ich nicht unbedingt sagen.

Brink: Sie waren ja im letzten Kabinett von Schmidt, und zwar '81, '82 als Minister für Bildung und Wissenschaft, und da haben wir ein Zitat gefunden von Ihnen: "Unter Schmidt arbeitet man nicht, unter Schmidt dient man."

Harte Regentschaft im Kabinett

Engholm: Ja, es war eine gelegentlich sehr harte Regentschaft im Kabinett. Ich kann das an einem kurzen Beispiel klar machen: Ich bringe ein Hochschulgesetz ein, sehr umfänglich, sehr detailreich. Schmidt hatte sich bei der Beratung an drei Stellen einen Zettel reingeschoben in den Gesetzestext, schlug dann die Seiten auf, guckte mich an und sagte, Paragraph 14, Absatz 2, Satz 1: nicht verstanden.

Und dann sitzen Sie da. Und beim nächsten Mal, kann ich Ihnen sagen, Sie wissen jedes Detail Ihrer Gesetzesvorlage so auswendig, dass Ihr Kanzler nie wieder auf die Idee kommen kann, Ihnen solche Fragen zu stellen. Das hatte eine Erziehungsfunktion. Man sitzt dann da mit hochrotem Kopf – ich muss gestehen, ich war damals wütend, habe aber diese Methode später im schleswig-holsteinischen Landeskabinett mit Erfolg angewendet.

Brink: Das heißt, man traute sich auch gar nicht, zu spät zu kommen zum Beispiel?

Engholm: Nein, nein. Lafontaine hat das mal in einen negativen Zusammenhang gestellt: Die Sekundärtugenden. Ohne solche kann Politik gar nicht funktionieren. Zuverlässigkeit, Glaubwürdigkeit, Pünktlichkeit, Anstand. Solche Dinge gehören einfach dazu. Und Schmidt hat die auf seine hanseatische Art besessen.

Schmidt und die Gründung der Grünen

Brink: Sie haben es schon erwähnt, Sie kommen ja auch aus einem ganz anderen Zusammenhang innerhalb der SPD in der Zeit,  auch der 80er-Jahre. Ich will noch mal daran erinnern, NATO-Doppelbeschluss. Er hat ja eisern daran festgehalten, hat die SPD vor eine Zerreißprobe gestellt, hat auch die Gründung der Grünen, kann man wohl so sagen, mit befördert. Wir hören mal rein: Cem Özdemir, der Parteichef der Grünen.

Cem Özdemir: Die SPD war damals für Atomkraft. Nicht nur der NATO-Doppelbeschluss, sondern sie war eine Pro-Atomkraft-Partei, zumindest, was den Kanzler angeht. Und für mich als jemanden, der gegen Atomkraft politisiert wurde, war klar, da kann ich nicht rein, obwohl ich sonst von meiner Biografie her – Arbeiterkind, aus einer Migrantenfamilie – eigentlich idealerweise in die Sozialdemokratie eingetreten wäre, sicherlich auch, was der Wunsch meiner Eltern und was der Wunsch mancher meiner Lehrer gewesen wäre. Insofern hat Helmut Schmidt mit dazu beigetragen, dass ich zu den Grünen ging.

Brink: Wie ging es Ihnen? Mussten Sie nicht auf Distanz zu ihm gehen?

Engholm: Wir haben in einigen Fragen Dissense gehabt. Bei der Frage "Bafög abschaffen oder nicht abschaffen" habe ich einmal in der Fraktion sogar gegen meinen eigenen Kanzler eine Mehrheit erzielt. Bei der Frage Nachrüstung, atomare Nachrüstung, nukleare Nachrüstung, habe ich für eine andere Variante plädiert,. Aber der Kanzler hat es damals immer gewusst, dass es hier eine differenziert andere Meinung gibt. Das ist nicht von hinten herum passiert, man hat sich nicht der "Bild"-Zeitung bedient. Und immer, wenn man Helmut Schmidt face-to-face sagte: Dies kann ich so nicht tragen, dann wurde man bei ihm akzeptiert. Er mochte keine Widerwärtigkeiten, so dreimal um die Ecke und von hinten in die Brust.

Handlungsethos im Sinne Max Webers

Brink: Nun haben wir auch darüber gesprochen in dieser Sendung schon, ob das heute alles noch so möglich wäre. Sie sprechen gerade diese Geradlinigkeit an, auch die Akzeptanz, die er gehabt hat, wenn sie bei ihrer Position geblieben ist. Ist so etwas heute noch möglich, als Kanzler oder auch als Chef? Wie sehen Sie das?

Engholm: Ich würde prinzipiell sagen, es sollte möglich sein können. Schmidt hat ja eine Grundlage gehabt, das hat mich an ihm so fasziniert. Er war das, was Max Weber den Verantwortungsethiker genannt hat. Schmidt hat nie angefangen, Fahnen zu schwingen des Gutmenschentums, Schmidt hat einfach getan und hat sein Tun ausgerichtet an einem Ethos. Und das hat uns alle irgendwie fasziniert, auch wenn wir mal im Widerspruch zu ihm waren.

Und ich finde, dies sollte heute möglich sein. Verantwortungsethos in einer Person gebündelt, das ermöglicht klare Linien, schnelles Entscheiden ebenso wie Nachdenklichkeit und das Akzeptieren von Widerspruch. Ich finde, den Typus dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren.

Brink: Trotzdem hat ihn ja seine eigene Partei nicht immer – was heißt, gut behandelt – sie hat sich auch quer gestellt, sie hat sich ihm widerstellt, entgegengestellt. Hat die SPD ihren Frieden gemacht oder kann sie so eine Persönlichkeit wie Schmidt akzeptieren?

Engholm: Aber sie hat ja nie versucht, ihn zu stürzen. Schmidt hat keine politischen Niederlagen in seiner Partei erlitten. Die Partei hat ihn letztendlich immer getragen, und er ist ja letztendlich auch ein Sozialdemokrat von Herzen gewesen. Und dass mal Widerspruch stattfindet, dass man mal sozusagen in Konfrontation gerät zwischen Parteimeinung und Kanzlermeinung, halte ich für ganz selbstverständlich. Alles andere wäre Stromlinie gewesen. Das ist langweilig, und daraus wird kein Staatsmann.

Der ideale Parteichef der SPD

Brink: Würden Sie so was wie ihn heute wünschen, als Parteichef?

Engholm: Ich würde mir wieder beide wünschen. Ich würde mir einen Willy Brandt wünschen, und ich würde mir einen Helmut Schmidt wünschen. Und beide zusammen in einer Person, das wäre das Optimum. Dann käme die SPD aus dem Loch von 25 Prozent heraus.

Brink: Also vielleicht doch eine Doppelspitze?

Engholm: Nein, keine Doppelspitze! Eine Person, die entscheidungsfreudig ist. Das andere können die Grünen und andere machen.

Brink: Was bleibt von ihm für Sie?

Engholm: Eine große Erinnerung an einen, der aus der Geschichte kam, aus der Geschichte gelernt hat, der Geschichte erklären konnte und daraus ableiten konnte, was nie wieder sein darf. Er hat ja sehr stark geschöpft aus der Weltwirtschaftskrise und ihren Folgen für Deutschland. Einen solchen, bei dem man sagt – neulich hat das eine Frau, also gestern bei einer Umfrage gesagt: Dem traue ich einfach, bei dem hatte ich nie den Eindruck, der sagt mir was Falsches. Solche Personen möchte ich wieder haben, oder möglichst viele von ihnen.

Brink: Herzlichen Dank, Björn Engholm. Vielen Dank für das Gespräch!

Engholm: Danke schön!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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