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Breitband | Beitrag vom 30.01.2021

BirdwatchTwitter setzt auf Crowd-Factchecking

Edda Humprecht im Gespräch mit Teresa Sickert und Time Wiese

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Illustration des Internetkonzern 'Twitter': Vögel kommunizieren mit vielen farbigen Sprechblasen. (imago images / Ikon Images / Roy Scott)
Am Ende des Tages würde es wieder dazu kommen, dass Twitter selbst Fakten checken müsse, sagt Edda Humprecht. (imago images / Ikon Images / Roy Scott)

Twitter will mit 1000 freiwilligen Nutzern und Nutzerinnen Falschmeldungen auf die Spur kommen. Kommunikationsforscherin Edda Humprecht begrüßt diesen Schritt und erhofft sich davon auch neue Forschungserkenntnisse. Dennoch sieht sie auch Probleme.

Immer wieder stehen die großen sozialen Plattformen in der Kritik, weil sie das Problem der Falschmeldungen nicht in den Griff bekommen. Verdächtige Inhalte werden zwar zum Teil gekennzeichnet. Am Ende bleibt aber manchmal nur die Holzhammermethode: Account sperren oder gar löschen – wie bei Donald Trump – als er nichts mehr zu melden hatte. Twitter verfolgt nun einen neuen Ansatz und investiert auch Brainpower in dezentrale soziale Netzwerke. Die werden dann nicht mehr von einzelnen großen Social-Media-Firmen kontrolliert. So werden in den USA 1000 freiwillige Superuser gesucht.

Wie dieses System funktioniert und ob es überhaupt sinnvoll ist, darüber haben wir mit Edda Humprecht gesprochen. Sie forscht an der Universität Zürich zu Kommunikation und Medien.

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Zunächst würde das Unternehmen in einer Beta-Version nur in den USA mithilfe der Twitter-Community das Ganze testen, sagt Edda Humprecht. Die Idee sei, dass sich Nutzer und Nutzerinnen dort registrieren, falsche Informationen identifizieren und auch Kommentare hinterlassen könnten.

In kleinen Netzwerken würde dieser angedachte "Community-Approach" sehr gut funktionieren, so Humprecht. Bei Twitter sehe sie allerdings verschiedene Probleme und Herausforderungen. Es bestehe die Gefahr des Missbrauchs durch Manipulationen, dass z.B. "orchestriert Gruppen von Nutzer*innen" bestimmte Informationen kennzeichnen oder selbst falsche Informationen in Umlauf bringen würden.   

Außerdem wisse man bereits aus der Forschung, dass solch eine bestimmte Personengruppe sehr homogen sei. Meistens würden Männer und Menschen mit einer einheitlichen politischen Einstellung bei solch einem nutzerbasierten Ansatz aktiv werden. Bei einem privatwirtschaftlichen Unternehmen würde sich auch die Frage stellen, wie viel Menschen überhaupt bereit wären, unentgeltlich Falschinformationen mit zu identifizieren, sagt Edda Humprecht.

"Das Unternehmen ist gezwungen, sich zu überlegen, welche Regeln in Bezug auf Falschinformationen es anwenden will. Wie es Falschinformationen identifizieren kann. Denn es muss letztlich überprüfen, was dort passiert, was die Nutzer flaggen, und sicherstellen, dass es dort eben keine Manipulationsversuche gibt."

Twitter wird sich nicht aus der Verantwortung ziehen können

Birdwatch sei für sie ein "Auslagern der Problematik". Am Ende des Tages würde es wieder dazu kommen, dass Twitter selbst Fakten checken müsse.  

Dieses "Fact-Checking" ist laut Forschung auch deshalb eine "Herausforderung", weil es sich weniger um eine eindeutige Falschaussage eines Politikers oder einer Politikerin handeln würde. Vielmehr sei das Problem, dass bei der Veröffentlichung von Falschaussagen "auch immer ein wenig Wahrheit" dabei sei, oder Informationen würden weggelassen werden oder würden verdreht werden.

Das alles mache es schwer, Fake News richtigzustellen, erklärt die Forscherin. Nur durch Recherche, ausführliche Begründungen und Quellenverweise, also journalistische Arbeit, können man diesem Problem entgegenwirken. Für ein Tech-Unternehmen wie Twitter sei das in solch einem Umfang schwer zu leisten.

"Letztendlich wird es darauf hinauslaufen, dass es sehr viel mehr Content-Manager braucht, nicht nur in Bezug auf Desinformationen, sondern auch in Bezug auf Hatespeech, die markierte Informationen von Nutzern überprüfen und anhand von transparenten Regeln prüfen und möglicherweise entfernen."

Dennoch gebe es bei dieser Problematik nicht nur eine Lösung. Es seien viele kreative Ideen gefragt.

Ein positiver Schritt von Twitter

Grundsätzlich begrüßt die Forscherin, dass Twitter diesen Schritt jetzt gehe und hofft, dass das Unternehmen die zukünftig generierten Daten anschließend auch der Wissenschaft zur Verfügung stellt, sodass man besser verstehen könne, wie Nutzer und Nutzerinnen mit Falschinformationen umgehen würden.

Humprecht vermutet aber, dass gerade die zurückliegenden Ereignisse, die Stürmung des Kapitols in Washington D.C. am 6. Januar und die anschließende Sperrung von Trumps Twitter-Account, mit ausschlaggebend für das Launchen von Birdwatch seien.

(jde)

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