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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.08.2019

Biografie über Mordechai GebirtigOhrwürmer für den jüdischen Widerstand

Moderation: Joachim Scholl

Blick auf eine Seite des Buches "Es brennt. Mordechai Gebirtig, Vater des jiddischen Liedes", darauf ein Bild von Gebirtig  (Homunculus Verlag)
Uwe von Seltmann hat für seine Biografie des Liedermachers Mordechai Gebirtig weltweit in Archiven recherchiert. (Homunculus Verlag)

1942 ermordeten die Nazis den jüdischen Liedermacher Mordechai Gebirtig. Uwe von Seltmann hat eine Biografie über ihn verfasst und sagt: Gebirtig war nicht nur ein unbekannter „Superstar“ – seine Ghettolieder seien auch wichtige Zeugnisse der Shoah.

Joachim Scholl: Das ist einer seiner berühmtesten Melodien, eines seiner bekanntesten Lieder:

In der ganzen jüdischen Welt singt man die Dichtung und die Kompositionen von Mordechai Gebirtig. Ein polnischer Jude, 1877 in Krakau geboren und dort 1942 im Krakauer Ghetto von SS-Männern auf die Straße gezerrt und erschossen. Jetzt gibt es erstmals eine deutschsprachige Biografie über diesen jiddischen Künstler. Geschrieben und opulent gestaltet hat sie der Publizist und Dokumentarfilmer Uwe von Seltmann. Er ist im Studio, willkommen in der "Lesart" von Deutschlandfunk Kultur, guten Morgen, Herr von Seltmann!

Uwe von Seltmann: Schalom Alejchem! Guten Morgen!

Prophetische Gedichte

Scholl: "Es brennt" heißt Ihr Buch, und so heißt auch das Lied ("S'brent"), das wir gerade angespielt haben. Worum geht es da, Herr von Seltmann, was haben wir gehört?

von Seltmann: "S'brent" ist eine der wichtigsten der etwa 170 Dichtungen, die Mordechai Gebirtig uns hinterlassen hat, die die Shoah überlebt haben. Er hat es geschrieben im März 1936 unmittelbar nach einem Ereignis, das die jüdische Welt in Polen erschütterte, nach dem Pogrom in Przytyk, einer Kleinstadt südlich von Warschau.

Und "S'brent" war gewissermaßen die Vorwegnahme dessen, was später kommen sollte. Gebirtig hat das Gedicht '36 geschrieben, '38 haben dann in Deutschland die Synagogen gebrannt, ab '39 hat ganz Europa gebrannt. Gebirtig ruft in seinem Gedicht auch dazu auf: Steht nicht nur dumm herum und guckt und gafft, sondern nehmt die Eimer, "nemt di keylim, lesht dos fayer", die Rettung liegt allein in euren Händen, packt an und tut etwas dagegen, wenn vernichtet werden soll.

Scholl: Ein Mann, der tagsüber an Möbeln hobelt und abends am jiddischen Lied – so wird der Dichter in vielen Zeugnissen charakterisiert. Wie wurde denn dieser Tischler Mordechai Gebirtig zum Dichter und dann auch zum Komponisten?

von Seltmann: Mordechai Gebirtig wurde geboren in einem sehr armen und zugleich sehr frommen Elternhaus. Das heißt, alles, was mit Welt, mit Kunst zu tun hatte, war verpönt, weil es weltlich war. Erstaunlicherweise hat er sich in eine ganz andere Richtung entwickelt, er wurde schon bald zu einem Kämpfer für Arbeiterrechte, für überhaupt Bürgerrechte, Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, und er versuchte, seine Ziele zu erreichen mit seinen Gedichten.

Eingängige Melodien

Anfangs hat er nur Gedichte geschrieben, das älteste aus dem Jahr 1905, "Der Generalstreik". Jetzt gerade auf dem Yiddish Summer in Weimar aufgeführt von Daniel Kahn zum Beispiel, und später, ab dem Ersten Weltkrieg, hat er zu seinen Liedern dann auch Melodien verfasst, und diese Melodien, die waren so eingängig, gingen so ins Ohr, waren Ohrwürmer, dass sie sich über die ganze jüdische Welt verbreiteten bis nach New York, bis nach Kanada, überall wurden Gebirtigs Lieder gesungen.

Nur niemand kannte den Komponisten. Von daher nannte man ihn dann den unbekannten Superstar. Überall sang man seine Lieder. Ich habe wunderbare Zeugnisse gefunden, wo der Friseur die Lieder sang, wo die Bettler in den Höfen die Lieder sangen, aber auch Künstler wie Molly Picon, die weltweit bekannt waren als Schauspielerinnen, als Musikerinnen, und die seine Lieder überall verbreiteten.

Schwarz-weiß-Portrait des Autors Uwe von Seltmann (Yura Drug)Uwe von Seltmann wohnte in Krakau im alten jüdischen Viertel Kazimierz, wo auch Gebirtig gelebt hatte. (Yura Drug)

Scholl: Wie sind Sie denn selbst, Herr von Seltmann, auf Mordechai Gebirtig gestoßen?

von Seltmann: Durch " S'brent". "S'brent" ist das Lied, was ich am ehesten mit ihm verbinde und auch seit Anfang der 80er-Jahre. Damals gab es ein paar Folkbands, Folkgruppen, die jiddische Lieder gesungen haben. Zupfgeigenhansl zum Beispiel, Espe, und seitdem hob ich sehr lieb Jiddisch. Ich habe gelernt auch a bissl Jiddisch. Auch (…) das alte Hebräisch. Jiddisch wird ja mit hebräischen Buchstaben geschrieben. So bin ich dann irgendwann immer tiefer zu Gebirtig gekommen.

Ich habe zwölf Jahre in seiner Nachbarschaft gelebt in Krakau im alten jüdischen Viertel Kazimierz. Und wenn man tagtäglich an dem Haus vorbeigeht, wo Gebirtig damals gelebt, gedichtet, gelitten, gefeiert, gehofft hat, irgendwann springt der Funke dann über, und man fängt an, sich mehr und mehr für Gebirtig zu interessieren. Ich habe dann vier Jahre recherchiert in Archiven auf der ganzen Erde: von New York angefangen bis Israel, bis Warschau viel, Buenos Aires, und habe eine unglaublich bunte Welt entdeckt, die uns heutigen … das können wir uns gar nicht vorstellen, was da vernichtet wurde, welcher Reichtum an Künstlerinnen, Künstlern, ganzes Schaffen, das war eine so bunte vielfältige Welt, dass es einem das Herz bricht, wenn man heute nur noch darüber lesen kann.

Zeugnisse der Shoah

Scholl: Ihr Buch ist jetzt wirklich ein großformatiger Prachtband geworden, der neben dem Text eine Fülle von Fotografien, Dokumenten, Faksimiles, von Liedtexten, Handschriften enthält. Sie sagten schon, vier Jahre haben Sie recherchiert. Die Suche kann aber nicht leicht gewesen sein. Es war ja alles überall verstreut, und durch das Schicksal von Mordechai Gebirtig waren die meisten Sachen ja auch vernichtet.

von Seltmann: Es hieß immer, über Gebirtig weiß man letztendlich nichts, es gibt über ihn nichts. Also ich habe dann Dinge entdeckt und immer mehr, sodass sich dann doch ein rundes Bild entwickelt hat über Gebirtig, über seine Zeit, über diese unglaubliche Vielfalt seines Schaffens von revolutionären Arbeiterliedern, Protestsongs, über Kinderlieder, Wiegenlieder bis zum Schluss dann die sogenannten Ghettolieder, die er unter der deutschen Besatzung geschrieben hat während des Zweiten Weltkriegs. Dazu wird auch "S'brent" gezählt.

Diese Lieder sind besonders wichtig von ihm, weil sie sind Zeugnisse, und sie beschreiben das, was heute gerne verdrängt wird, was geleugnet wird, wo die Geschichte umgeschrieben werden soll. Aber Gebirtig hat diese Gedichte datiert, und man kann genau sagen, im Krakauer Ghetto an dem und dem Tag ist genau das passiert. Und so sind gerade seine Ghettolieder eindrückliche Zeugnisse der Shoah und es ist für uns Heutigen sehr, sehr wichtig, davon zu wissen.

Komponieren mit der Hirtenflöte

Scholl: Den Vater des jiddischen Lieds nennen Sie ihn. Was kennzeichnet denn seine Kunst, Herr von Seltmann, also was macht seine Poesie, seine Musik so besonders?

von Seltmann: Seine so sehr einfühlsamen, warmherzigen, zugewandten Texte. Er hat mit den Leuten in seiner Umgebung gelitten, er hat mit ihnen gelacht und gefeiert, und er hat sie auf so einfühlsame Weise porträtiert, dass selbst Gauner plötzlich sympathisch werden. Er hat über alle und alles geschrieben. Dann ist es ihm gelungen, diese so tiefe Poesie, Lyrik, mit Melodien zu versehen, jemand hat mal gesagt, die einen dahinschmelzen lassen, die einem das Herz brechen, die so tiefgehen.

Die Melodien sind deshalb so tiefgehend, weil Gebirtig keine Noten lesen konnte, er hat nie eine musikalische Ausbildung gehabt. Er hat auf einer kleinen Hirtenflöte komponiert, und Freunde von ihm haben die Melodien dann aufgezeichnet. Gebirtig hat aus der ganzen Tradition geschöpft. Er hat Volkslieder – ungarische Volkslieder, polnische Volkslieder –  vermischt mit synagogalen Gesängen und mit eigenen Melodien. Und von daher bleiben diese Melodien wirklich im Ohr hängen, sind Ohrwürmer, und wer sie einmal gehört hat, der vergisst sie auch nicht.

Scholl: Nach dem Überfall auf Polen durch die Deutschen und der Besetzung, da ging es Mordechai Gebirtig und seiner Familie wie Millionen polnischer anderer Juden: Demütigung, Ausgrenzung, schließlich die eiskalte Ermordung. Weiß man eigentlich, wie er diese Zeit, diese letzten drei Jahre, die ihm noch vergönnt waren eigentlich, erlebt, mitverfolgt hat, ob er sie auch reflektiert hat?

von Seltmann: Ja, man weiß sehr viel über diese Zeit, einmal durch seine eigenen Gedichte und Lieder, die er in dieser Zeit geschrieben hat. Sie waren immer durchsetzt mit Hoffnung, mit Zuversicht, und so war er auch selbst. Ich habe eindrückliche Zeitzeugenberichte gefunden, wo Überlebende dann berichten, dass Gebirtigs Wohnung – kann man ja nicht sagen –, also wo er im Ghetto eingesperrt war dann in Krakau, dass die wie zu Pilgerstätten wurden, die Leute kamen, um sich von ihm aufrichten zu lassen, stärken zu lassen, neue Zuversicht zu bekommen.

Hymne des Widerstands

Gebirtig hat es Gott sei Dank noch erlebt, dass sich "S'brent" im Krakauer Ghetto verbreitete und dann auch im Warschauer Ghetto und schließlich wie zu einer inoffiziellen Hymne der jüdischen Widerstandskämpfer wurde. Seine Tochter Lola – sie war auch Sängerin – hat das Lied gesungen. So konnte Gebirtig dann noch erleben, dass "S'brent" so wichtig wurde für die Menschen.

In seinem allerletzten Lied, wenige Tage vor seinem Tod, vor seiner Ermordung geschrieben, hat er sich wieder als Prophet erwiesen. Das Lied ist in einem fröhlichen Walzertakt geschrieben. Es heißt "Es ist gut, es ist gut", und da beschreibt er, wie der böse Feind sich vollfrisst und immer mehr vollfrisst und sich irgendwann so vollgefressen hat, dass er platzen wird. Und dann nimmt all das Elend, nimmt der Krieg ein Ende. Das hat dann noch drei Jahre gedauert, aber am 8. Mai 1945 war es soweit, dass Nazi-Deutschland kapitulieren musste, und Gebirtig hat das auch schon 1942 vorhergesehen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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