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Lesart / Archiv | Beitrag vom 23.06.2014

BiografieDas Meer! Das Meer!

Karl Ove Knausgård: "Leben"

Von Peter Urban-Halle

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Karl Ove Knausgård, norwegischer Autor in Finnland am 29. September 2011.   (picture alliance / dpa / Antti Aimo-Koivisto)
Der norwegische Autor Karl Ove Knausgård (picture alliance / dpa / Antti Aimo-Koivisto)

Nach "Sterben", "Lieben" und "Spielen" kommt "Leben". So heißt der vierte Band von Karl Ove Knaugårds autobiographischem Megaprojekt "Min Kamp", übersetzt "Mein Kampf". Auch dieser Band zeugt von einem hohen sprachlichen und geistigen Bewusstsein.

Noch nicht ganz trocken hinter den Ohren will Karl Ove Knausgård berühmt werden. Er ist eben achtzehn geworden und hat sein Abitur in Kristiansand bestanden, da kann man sich in Norwegen offenbar für eine Weile als Lehrer in gottverlassenen Kaffs verdingen, wo sonst keiner hin will. Bislang bestand sein Leben aus Schule, der Angst vor dem Vater, ungeschickten Spaziergängen mit angehimmelten Mädchen, dem Herumstrolchen durch die Wälder der Umgebung.

Und den vielen Büchern, in denen es immer um dasselbe ging, um "junge Männer, die sich in der Gesellschaft nicht zurechtfanden und etwas mehr vom Leben wollten als Routine und Familie. Sie reisten, sie betranken sich, sie lasen, und sie träumten von der großen Liebe oder dem großen Roman." Das will der junge Karl Ove auch. Er will berühmt werden. Er will Schriftsteller werden.

Doch zunächst muss er sich da oben im Norden einrichten, mit dem Schiff geht es bis nach Finnsnes, das ist wirklich sehr weit oben, dann mit dem Bus unter einem intensiv blauen Himmel durch eine großartige, menschenleere Natur - doch mit Menschen hat er sowieso nur Probleme -, nach zwei Stunden Fahrt muss er noch durch einen langen Tunnel, aber dann ergeht es ihm wie den Griechen in Xenophons "Anabasis", als sie das rettende Schwarze Meer erreichen: das Meer! das Meer! ein grandioser Blick auf den sommerhellen Fjord mit den riesige Bergen und unten das Fischerdorf Håfjord, wo er nun als Aushilfslehrer arbeiten soll.

Die Natur ein Klischee

Dieser Anfang zeigt noch einmal das spannende und gespannte Verhältnis des Autors zur Natur, die er als Klischee bezeichnet, und die er doch als Herrscherin anerkennt: schön, mächtig, farbig, vielgestaltig, aber auch unbegreiflich und überwältigend.

Wie die Natur, die weiblich ist, verehrt er das Weibliche überhaupt. Die Schüler, denen der linkische und gerade mal zwei Jahre ältere Karl Ove begegnet, machen die ersten Provokations-, die Schülerinnen hingegen die ersten Annäherungsversuche. Charme und Ausstrahlung hat Karl Ove ausgerechnet von seinem gefürchteten, geliebten und verhassten Vater geerbt. Ein schweres Erbe, was sich noch verdoppelt, da er auch die Neigung zum Trinken vom Vater erbte. Immer wieder geht es in Gedanken zurück in die Kindheit und Schulzeit, zurück zum übermächtigen Vater und zur unerreichbaren Freundin Hanne.

Die Dinge aus dem Schatten ziehen

Noch ist er Jungfrau, das soll sich hier in Håfjord endlich ändern, doch hat seine Mädchenfixierung wenig mit Mackertum zu tun. Er schätzt die Mädchen - oder eben das Weibliche - wirklich, er hält sie für "besser". Allein deswegen kriegt er sie nicht aus dem Kopf, weil sie für ihn gleichbedeutend sind mit den unbegrenzten Möglichkeiten des Daseins. Das betrifft auch die Sexualität, aber nicht nur.

Salopp gesprochen, sagt der Titel "Leben" alles und nichts. Bei Knausgård aber gilt nur das Alles. Durch das Schreiben erobert er sich das Dasein, sein autobiographischer Roman ist das Leben selbst: Er lässt nichts aus und sieht das Leben als Ganzes, mit allen Facetten, er ist unterhaltsam und reflektiert, amüsant und traurig, pedantisch und großzügig.

Schreiben heiße, die Dinge aus dem Schatten dessen zu ziehen, was wir wissen, hatte Knausgård sinngemäß im ersten Band seines Projekts geschrieben. Man kann es nur wiederholen: Es sind diese Erkenntnisse, Überlegungen, Ahnungen, die sein Projekt himmelweit über andere Autobiographien erheben. Eine dänische Kritikerin hat ihn mit dem anmaßenden Ikaros verglichen, allerdings einem, der nicht abstürzt.

 

Karl Ove Knausgård: Leben. Roman
Aus dem Norwegischen von Ulrich Sonnenberg
Luchterhand Verlag, München 2014
619 Seiten, 23 Euro

Mehr zum Thema:

Der Terror des Vaters (Deutschlandradio Kultur, Kritik, 26.01.2014)

Wut, Anklage, Verzweiflung (Deutschlandradio Kultur, Kritik, 07.06.2012)

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