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Interview | Beitrag vom 22.04.2021

BildungWas Schüler im 21. Jahrhundert lernen sollten

Andreas Schleicher im Gespräch mit Ute Welty

Teilnehmer der School of Design Thinking am Hasso Plattner Institut in Potsdam (Brandenburg) nehmen am 15.01.2014 an einem Seminar teil. Eine Studie hat gezeigt, dass deutsche Schüler gut im Team arbeiten können. Foto: Ralf Hirschberger/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa - Nachrichten für Kinder+++ (picture alliance / dpa-Zentralbild / Ralf Hirschberger)
"Innovation entsteht meistens dort, wo man im Grunde das Unbekannte miteinander verknüpft." (picture alliance / dpa-Zentralbild / Ralf Hirschberger)

Schulen müssen Schülern beibringen, über Fächergrenzen hinweg zu denken und Zusammenhänge zu begreifen, betont OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher. Die Coronakrise könne eine Chance sein, von starren Plänen zu offeneren Konzepten zu wechseln.

Den Bildungsforscher Andreas Schleicher, auch bekannt als "Mr. Pisa", treibt eine Frage um: Ist das, was Kinder und Jugendliche heute in der Schule lernen und vor allem, wie sie es lernen, überhaupt noch zeitgemäß? Muss es unbedingt das große Latinum sein, nur weil das zu einer humanistischen Bildung dazugehört?

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Kinder sollten "weniger Dinge in größerer Tiefe lernen", sagt Schleicher, der OECD-Bildungsdirektor ist. Und dies anwendungsbezogener als bisher, das gelte für Naturwissenschaften ebenso wie für geisteswissenschaftliche Fächer:

"Denken Sie an Geschichte: Es geht nicht nur alleine darum, ob ich mir Personen oder Plätze merken kann, sondern wie das Narrativ einer Gesellschaft entstanden ist, wie es sich entwickelt hat. Wie es vielleicht irgendwann auch wieder auseinandergefallen ist, wenn sich der Kontext verändert hat."

Algorithmen verstehen lernen

Wenn jungen Menschen die Grundlagen der Fächer gut vermittelt würden, seien sie in der Lage, über Fächergrenzen hinweg zu denken und Zusammenhänge zu begreifen. "Denn Innovation entsteht meistens dort, wo man im Grunde das Unbekannte miteinander verknüpft."

Andreas Schleicher, Bildungsdirektorat der OECD. Ein Mann mit grauen Haaren sitzt auf einem Podium und hört zu. (picture alliance/dpa/Sputnik/Grigory Sysoev)Andreas Schleicher beschäftigt sich mit zeitgemäßen Bildungskonzepten in den Schulen. (picture alliance/dpa/Sputnik/Grigory Sysoev)

Lernen müsse zudem viel mehr als bislang zu einem aktiven Prozess werden, in dem die Schülerinnen und Schüler sich Stoff selbst erarbeiteten, auch in Gruppen, statt Daten und Fakten nur zu konsumieren.

Fächer von Grund auf zu verstehen, sei wichtiger. Beispiel Digitalisierung: Statt lediglich Programmiersprachen zu lehren, sollte in der Schule vermittelt werden, wie Algorithmen funktionierten und wie sie zusammengesetzt seien.

Die Pandemie birgt Chance für neue Konzepte

Aus Schleichers Sicht birgt die Coronapandemie in diesem Zusammenhang eine Chance: Indem sie Lernen und Wissensvermittlung komplett neu strukturieren müssten, sollten Schulen und Lehrkräfte die Gelegenheit nutzen, von starren Plänen zu offeneren Konzepten zu wechseln.

Das gelte auch für Prüfungen und Benotungen: Multiple-Choice-Aufgaben seien nicht mehr zeitgemäß. Stattdessen sollten neue Prüfungsformen und anspruchsvollere Bewertungskriterien entwickelt werden, die komplexes Denkvermögen belohnten.

(mkn)

Charles Fadel, Maya Bialik und Bernie Trilling: "Die vier Dimensionen der Bildung: Was Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert lernen müssen"
mit einem Vorwort von Andreas Schleicher
aus dem Englischen von Jöran Muuß-Merholz
Verlag ZLL 21 e.V., Hamburg, 2017
217 Seiten. 5,99 Euro

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