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Kompressor | Beitrag vom 05.07.2019

BildsatireWie Memes die Karikatur verdrängen

Von Jenny Genzmer

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Eine Junge Frau sitzt auf einer Parkbank und blickt auf ihr Smartphone. (imago / NurPhoto / Jaap Arriens)
Fix am Smartphone zusammengebastelt sind Memes eine niedrigschwellige Kommunikationsform, besonders für jüngere Nutzer. (imago / NurPhoto / Jaap Arriens)

Ein Meme ist mehr als ein aus Bild und Schrift zusammengebastelter Insiderwitz im Internet. Ein Meme sei vielmehr eine Kunstform, die einmal die Karikatur ablösen wird, meint Marius Notter, der einen Meme-Account auf Instagram betreibt.

"I don’t even know who you are"

"Ich weiß nicht mal, wer du bist" – Avengers-Bösewicht Thanos zu der Superheldin, die ihm in der Endschlacht gegenübersteht. Als Ende Juni der Pride-Monat vorbei ging, in dem die LGBTQ-Bewegung in den USA mit der Unterstützung vieler Unternehmen ihre Diversität feierte, da tauchte diese Szene in den sozialen Netzwerken auf. Etwas verändert natürlich. Als Bild, das die Heldin mit einer Regenbogenflagge zeigt. Und einen Untertitel:

"...den les ich kurz vor: 'Pride month is about to end, but you are going to support us, right?' Und Thanos, auf den 'Companies' geschrieben wurde von dem Hersteller dieses Memes sagt dann: 'I don’t even know who you are.'"

Relevant, politisch und einfach

Eine Paradebeispiel für ein Meme, sagt Marius Notter, der selbst einen Meme-Account mit über 100.000 Followern auf Instagram betreibt. Dieses Meme über den Pride-Monat ist relevant, politisch und einfach.

"Diese Regenbogenflagge, die hier auf dem Meme ist, die ist offensichtlich bei Google rausgezogen, schnell am Handy ausgeschnitten und drübergeklatscht. Genauso ist der Untertitel einfach billig, ich glaub Helvetica Schrift in gelb, damit man’s auf jeden Fall lesen kann Man sieht einfach, dass es schnell gemacht wurde, dass es aber auch schnell funktioniert. Da ist kein Monster-Meta-Humor."

Wie er es in Karikaturen häufig beobachtet. Eigentlich haben die beiden Kunstformen viel gemeinsam, sagt Notter.

"Sie nehmen ein Problem, überspitzen das total und zeigen damit aber, was falsch läuft. Nur viel schneller."

Die israelische Kulturwissenschaftlerin Limor Shifman hat 2014 in ihrem Buch über Memes geschrieben, dass es sich dabei meistens um digitale Items handelt, die aufeinander reagieren, sie werden von unterschiedlichen Personen geteilt, imitiert oder weiterentwickelt. Lorenz Grünewald-Schukalla, der am Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft zu Memes und Engagement im Digitalen Zeitalter forscht, erklärt das anhand eines Simpson-Videos, in dem die Icebucket Challenge nachgespielt wird.

"Das kennen sicherlich viele, dass in diesem Meme ganz viele unterschiedliche Leute Youtube- und Instagram-Videos von sich aufgenommen haben, bei denen sie sich Wasser über den Kopf schütten, um auf eine Krankheit namens ALS aufmerksam zu machen und dabei andere Leute nominieren, es ihnen gleichzutun."

Bei den Simpsons hat Homer seine Frau Marge nominiert.

"About a year ago Homer did something called the ALS Challenge, unfortunately people pulling ice on their had did not eradicate this terrible disease."

"…aber aus irgendeinen Grund hat dieses Meme die Krankheit nicht ausgelöscht, also sie macht sich innerhalb dieses Memes, was wir auch als das Meme erkennen, reflexiv über das Meme lustig. Das heißt, wir sehen auch hier, dass diese Memes wandern können zwischen den einzelnen sozialen Kontexten von gewöhnlichen Leuten und so zwischen so großen Produktionen wie den Simpsons."

Für Grünewald-Schukalla der zentrale Unterschied zur Karikatur. Und noch etwas sei bei Memes anders. Nicht eine Person zeichnet für ein großes Publikum, sondern viele Menschen produzieren Inhalte für viele. Ist das ein Grund, weshalb Karikaturen immer häufiger in Shitstorms enden? Weil ihre Urheber und Urheberinnen bekannt sind, ihre Handschrift eindeutig, im Gegensatz zu Memes? Marius Notter, selbst Deutscher, der sich auf seinem Account "Alman Memes" über Deutsche lustig macht, widerspricht. Auf seinem Account macht er alle Memes selbst.

Verdrängung der Karikatur in zwei, drei Jahren?

"Wenn ich mit meiner Seite jetzt plötzlich anfangen würde, Nazi-Mist zu verbreiten, dann hätte ich glaub ich sehr schnell keinen Account mehr. Bzw. einen, der nichts mehr wert ist, weil niemand mehr sich das anguckt, was ich da mache, aber es gibt natürlich keine Instanz, die jetzt sagen würde 'bitte verlasse jetzt Instagram'."

Für Notter ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Memes auch in Deutschland so bekannt werden, dass sie die Karikatur verdrängen. Noch gebe es nicht so viele private deutsche Meme-Accounts, die mit ihren eigenen Inhalten die Karikatur ablösen könnten.

"Aber ich gehe schwer davon aus, dass das in den nächsten zwei, drei Jahren passieren könnte."

Grünewald-Schukalla sieht das anders. Er sagt, Memes könnten in Karikaturen einfließen.

"Und ich denke, dass es auch durchaus möglich ist, dass Leute Karikaturen aufgreifen, um sie in Memes zu verwandeln und dass das auch andersrum möglich wäre."

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