Bilder aus Afghanistan

    Warum Interpretationen nötig sind

    11:48 Minuten
    Britische Koalitionstruppen, türkische Koalitionstruppen und US-Marines helfen einem Kind während einer Evakuierung am internationalen Flughafen Hamid Karzai in Kabul.
    Bilder wie dieses hier gehen um die Welt, brennen sich ins kollektive Gedächtnis ein: Soldaten, die Kinder aus Afghanistan retten. © picture alliance / abaca | Balkis Press/ABACA
    Claus Leggewie im Gespräch mit Vladimir Balzer · 21.08.2021
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    Kinder, die über den Zaun des Flughafens in Kabul gereicht werden, Menschen, die von einem startenden Flugzeug fallen: Die Bilder aus Afghanistan erzählen weit mehr als das, was man auf ihnen sieht, erklärt der Kulturwissenschaftler Claus Leggewie.
    "Es gibt auch Bilder, die man nicht mehr sieht", sagt der Politik- und Kulturwissenschaftler Claus Leggewie. "Man sieht keine emanzipierten Frauen in westlicher Kleidung ohne Schleier, aber auch keine in Burka." Die Frauen sind aus dem Straßenbild verschwunden. Es wird dominiert von Männern. "Wenn Sie so wollen, überflutet dieses Land jetzt eine unglaublich toxische Maskulinität", sagt Leggewie.
    Parade einer Taliban-Spezialeinheit mit in den USA hergestellten Waffen in der Provinz Zabul.
    Ausschließlich Männer auf den Straßen von Afghanistan. Hier ist eine Taliban-Spezialeinheit mit in den USA hergestellten Waffen zu sehen.© picture alliance / abaca | SalamPix / ABACA
    Dafür gibt es in den sozialen Medien viele Hilferufe von verzweifelten Frauen, mit dem Handy in geschlossenen und abgedunkelten Privaträumen aufgenommen, meistens mit verpixeltem Gesicht. Eine Art digitaler Schleier.

    Grundlegender Medienwandel

    Dieses "rohe Bildmaterial" ist, wie Leggewie erklärt, oft bedeutender als das Bildmaterial von Presseagenturen, das sich zunächst in unser kollektives Gedächtnis einbrennt. Das Sozialdokumentarische finde man heute eher in den sozialen Medien. Der Kulturwissenschaftler spricht von einem grundlegenden Medienwandel.
    "Natürlich wird das volle amerikanische Rettungsflugzeug, natürlich werden die Szenen auf dem Flughafen sich bei uns eine Zeit lang einbrennen. Aber wenn wir analysieren wollen, was dort eigentlich los ist, dann sind wahrscheinlich diese Rohbilder sehr viel aufschlussreicher." Dabei handelt es sich um Bilder, die ad hoc gedreht und ad hoc konsumiert werden, so Leggewie.
    640 Afghanen in einem komplett überfüllten Flugzeug der US-Luftwaffe.
    Ein Bild, das bleibt: 640 Menschen wurden in einem komplett überfüllten Flugzeug der US-Luftwaffe aus Afghanistan ausgeflogen. © Chris Herbert / US Airforce / AFP
    Er mahnt jedoch, Bildern, die wir aufnehmen, auch immer ein Stück zu misstrauen: "Das heißt, der berühmte Spruch – 'Ein Bild sagt mehr als tausend Worte' – stimmt so nicht. Der Kontext ist ganz wichtig. Wir benötigen Erklärungen. Wir benötigen Interpretationen und Erläuterungen. So einfach per se wirken die Bilder nicht, außer in einem direkten emotionalen Sinne."

    Täuschungsabsichten immer mitbedenken

    In den sozialen Medien kursieren auch Videos von herumtollenden Taliban in Autoscootern, sie wirken fast wie nette Hippies auf einem Ausflug, so Leggewie. Hier müsse man auch immer die Täuschungsabsichten mitbedenken und "sich nicht einfach der Macht der Bilder hingeben".
    Vieles von dem, was wir jetzt sehen und was uns ergreift, werde übrigens auch sehr bald wieder vergessen sein, sagt Leggewie.
    Nun müsse man politisch analysieren, was an diesem Afghanistaneinsatz falsch gewesen sei und inwieweit sich nun eine "geopolitische Wende" abzeichne. Damit meint der Politologe die zukünftige Rolle Russlands, Chinas und des Irans und deren Interesse an den zahlreichen Rohstoffen des Landes.

    Geopolitische Wende

    Vladimir Putin und Xi Jinping stünden schon bereit, in die Fußstapfen der geschlagenen westlichen Mächte zu treten. "Das ist eigentlich das, was politisch relevant ist, was sich gar nicht unbedingt aus diesen unmittelbaren Bildern jetzt erschließt, sondern aus einem mittelfristigen geopolitischen Turn, der jetzt ansteht", sagt Claus Leggewie.
    (ckr)
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