Philosophischer Kommentar zu Afghanistan

    Heißer Protest und kühler Schmerz

    04:05 Minuten
    Auf einem vom U.S. Marine Corps zur Verfügung gestellten Foto bereiten sich Zivilisten während einer Evakuierung am Hamid Karzai International Airport am 18. August 2021 darauf vor, ein Flugzeug zu besteigen.
    Evakuierung am Flughafen Kabul: In allen Berichterstattungen über Afghanistan lag ein fatales Gefühl der Vergeblichkeit, meint Adrea Roedig. © picture alliance / ZUMAPRESS / Victor Mancilla
    Von Andrea Roedig  · 22.08.2021
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    Die Lage in Afghanistan löst bei vielen derzeit Verzweiflung aus und – neben aller politischen Wut – auch ein tiefes Gefühl der Hilflosigkeit. Wenige Philosophen haben diese Gefühle so klar beschrieben wie Albert Camus, kommentiert Andrea Roedig.
    20 Jahre Afghanistan-Einsätze einfach ausgewischt, als sei nichts geschehen; es wirkt wie ein riesiger Rückschritt zum Anfang: Talibankämpfer gruppieren sich um den Schreibtisch des geflohenen Präsidenten in Kabul und präsentieren ihre Waffen.

    Ein fatales Gefühl der Vergeblichkeit

    In allen Berichterstattungen über Afghanistan in dieser Woche, über die erschreckend reibungslose Machtübernahme und die dramatischen Szenen am Kabuler Flughafen, lag ein fatales Gefühl der Vergeblichkeit. Wer kann, verlässt das sinkende Schiff.
    Ja, es gab Versäumnisse der USA, der Nato, der afghanischen Regierung; es gab Korruption, Schönfärberei, und fraglich ist der immer noch kolonialistische Anspruch militärischer Auslandseinsätze sowieso. All das lässt sich trefflich politisch diskutieren – aber lässt sich eine solche Situation auch philosophisch fassen?

    Der Mensch in der Revolte

    Mir fällt dazu immer Albert Camus ein. Ihn selbst, den in Algerien geborenen Franzosen, haben die blutigen Unabhängigkeitskämpfe seines Heimatlandes in den 1950er-Jahren schier zerrissen. Während sein ehemaliger Weggenosse Sartre sich von Paris aus wohlfeil auf die Seite der radikalen algerischen Befreiungsbewegung FLN schlug, saß Camus zwischen den Stühlen und wurde als Paria behandelt: "Einen Europäer erschlagen heißt zwei Fliegen mit einem Streich zu treffen", tönte Sartre; für Camus aber waren Mord und Krieg niemals eine Lösung.
    Porträt der Publizistin Andrea Roedig.
    Andrea Roedig© Elfie Miklautz
    "L'homme révolté", der Mensch in der Revolte, war ein tief empfundenes Motiv, das aus seiner frühen Philosophie stammte. Es gibt kein Entrinnen aus der politischen und existenziellen Gewalt, wir müssen sie hinnehmen – als Bedingung des Menschseins – und uns gleichzeitig gegen sie auflehnen. Eindrücklich hat Camus diese Haltung in seinem Roman "Die Pest" beschrieben, wo die Hauptfigur, Dr. Rieux, trotz aller Vergeblichkeit nicht aufhört, als Arzt zu praktizieren.

    Hinschauen, aushalten

    Wir sitzen vor dem Fernseher, dem Radio, der Zeitung, sehen, hören und lesen die Nachrichten aus Afghanistan. Was sollen wir tun? Schuldzuweisungen, Ursachenforschung, politische Analysen sind immer auch Entlastungsstrategien, um dem grundlegenden Gefühl der Hilflosigkeit zu entkommen. Camus würde hinschauen, aushalten.
    Aus seiner Philosophie des Absurden lassen sich zwei verschiedene Reaktionsweisen ableiten: eine heiße Haltung des Protests und der lauten Empörung des "homme révolté", und eine kühlere des schmerzhaft unverwandten Blicks auf die Absurdität, wissend, dass wir das Leid nicht abschaffen, aber es dennoch vielleicht lindern können. Welche Haltung wir wählen, die heiße oder die kühle, die aktivistische oder die reflexivere, hängt mit der jeweiligen Persönlichkeit zusammen, aber auch mit dem Ort, an dem wir uns befinden.

    Immer wieder von vorn anfangen

    "Der Kampf gegen den Gipfel kann ein Menschenherz erfüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen", ist der berühmteste Satz von Camus. Ein anderer lautet: "Der Mensch ist das einzige Geschöpf, das sich weigert zu sein, was es ist."
    Die Spannung zu halten, trotz aller Vergeblichkeit und mit wenig Aussicht auf Erfolg, hat etwas mit Würde zu tun und mit Menschlichkeit. Hauptsache, wir hören nicht auf, immer wieder von vorn anzufangen.

    Andrea Roedig ist Philosophin und Publizistin. Sie ist Mitherausgeberin der österreichischen Kultur- und Literaturzeitschrift "Wespennest". 2015 erschien ihr gemeinsam mit Sandra Lehmann verfasster Interviewband "Bestandsaufnahme Kopfarbeit" und zuletzt ihr Essayband "Schluss mit dem Sex", beide im Klever Verlag.

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