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Fazit | Beitrag vom 23.08.2020

Bildband über Fußgängerzonen Wo Deutschland schon lange eins war

Ulrich Brinkmann im Gespräch mit Marietta Schwarz

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Ansichtspostkarte der Fußgängerzone "Treppenstraße" in Kassel mit Blumenkübeln im Vordergrund und den Treppen und Geschäften im Hintergrund. Farblich 70ger Jahre Charme.  (Bild-Druck & Verlag GmbH, Lübeck)
Die "Mutter aller Fußgängerzonen": Die Treppenstraße in Kassel war die erste Fußgängerzone Deutschlands. (Bild-Druck & Verlag GmbH, Lübeck)

Der Architekturkritiker Ulrich Brinkmann erzählt anhand von Postkarten die Geschichte der Fußgängerzone. Und zeigt dabei Überraschendes: Trotz der Teilung waren die Fußgängerzonen in Ost und West nahezu identisch.

Bis zu den 1970er-Jahren sei die Fußgängerzone "als ein identitätsstiftender Raum" und als Sehenswürdigkeit wahrgenommen worden, sagt Ulrich Brinkmann. Der Architekturkritiker hat aus seiner circa 35.000 Exemplare starken Sammlung von Postkarten zur Stadtentwicklung das Buch "Achtung vor dem Blumenkübel!" über das Phänomen Fußgängerzone auf Ansichtskarten entwickelt. Sein Schwerpunkt liegt dabei auf West- und Ostdeutschland. 

Wenig Unterschiede zwischen Ost und West

Interessant sei, dass sich trotz der Teilung Deutschlands die Modelle der Fußgängerzonen in Ost und West "auf überraschende Art" glichen. "Vom Design der Blumenkübel bis hin zu Pflastermoden, Straßenleuchten-Modellen, Bänken, ja selbst die Art der Werbebeschilderung war im Grunde ähnlich", erklärt Brinkmann.

Von der Typografie seien die Schriftzüge sicher andere gewesen. "Aber an sich muss man schon wirklich zweimal hingucken, um zu wissen, bin ich jetzt in Halle/Saale oder in Bielefeld."

Abbild der Provinz-Moderne

Die zweite Faszination für den Architekturkritiker ist das Medium Postkarte, das damals "extrem populär" gewesen sei. Das könne man sich heute in der Zeit des Smartphones vielleicht nicht mehr vorstellen. Aber es gab diese digitalen Möglichkeiten nicht und das Fotografieren und Entwickeln der Fotos war teuer und zeitaufwendig.

Postkarten seien "freundlich" und "zugänglich" gewesen und hätten "oft eine gewisse Beiläufigkeit" gehabt. Sie seien, vor allem bei den Postkarten aus der DDR, realistische Darstellungen des städtischen Alltags.

Darüberhinaus würden oft Situationen abgebildet, die "unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Architekturmedien liegen, also sozusagen die Provinz-Moderne". Dort zeige sich, wie die großen Ideen der prominenten Architekten und Stadtplaner im Kleinen umgesetzt wurden, wenn auch nicht auf dem ästhetischen Niveau wie in den großen Städten."

Einkaufszentrum statt Fußgängerzone

Die einstige "Sehenswürdigkeit" Fußgängerzone sei aber vielerorts vom Aussterben bedroht, so Brinkmann. Einkaufszentren, der Online-Handel, aber auch die extrem gestiegenen Gewerbemieten brächten die Fußgängerzone und den Einzelhandel aber immer weiter in Bedrängnis.

(kpa)

Ulrich Brinkmann: Achtung vor dem Blumenkübel! – Die Fußgängerzone als Element des Städtebaus
Ansichtspostkarten in Ost- und Westdeutschland 1949 bis 1989
DOM Publishers, Berlin 2020
248 Seiten, 200 Abbildungen, 28 Euro

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