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Fazit | Beitrag vom 28.08.2021

Big-Data-Experiment: "Made To Measure"Die Doppelgängerin, die zu viel weiß

Cosima Terrasse im Gespräch mit Andrea Gerk

Die Experimentteilnehmerin schaut sich den Film ihres Lebens an. (WDR / Konrad Waldmann)
Die Dokumentation von Hans Block, Moritz Riesewieck und Cosima Terrasse gibt es am Mittwoch (01.09.21) um 22:15 Uhr auch im linearen Fernsehen des WDR zu sehen. (WDR / Konrad Waldmann)

Algorithmen wissen mehr über uns als wir selbst. Zu diesem Schluss kommt die Künstlerinnengruppe Laokoon, die in einem Experiment versucht hat, aus Google-Daten eine Doppelgängerin zu erschaffen. Das Ergebnis ist verblüffend und gruselig zugleich.

"Das Projekt zeigt sehr gut, dass wir alle etwas, also Verletzlichkeiten, zu verbergen haben und wir uns dessen nicht wirklich bewusst sind", sagt Cosima Terrasse von der Künstlerinnengruppe Laokoon. Ihr Experiment "Made To Measure" setzt sich mit der Frage auseinander, ob man einen Menschen alleine anhand seiner Google-Daten kopieren kann. Daraus ist ein Dokumentarfilm entstanden.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (Foto: imago / fStopImages / Malte Müller)
Eine der Gruppe unbekannte junge Frau stellte ihren Datensatz zur Verfügung. Dieser umfasste Google-Sucheinträge für einen Zeitraum von fünf Jahren. Darüber hinaus gab es  keinen weiteren Kontakt mit der Teilnehmerin – erst am Ende des Experiments, als ihr Leben auf einer Bühne und dank einer Schauspielerin nachgestellt wurde.

Algorithmen wissen mehr über uns als wir selbst

Das Ergebnis ist erstaunlich und gruselig zugleich. "Was uns auffiel, als wir in den Datensatz geschaut haben, ist, dass wir Muster erkennen konnten, bevor die Teilnehmerin sie selber über sich erkennen konnte", sagt Cosima Terrasse. Das heißt: "Wir haben nicht genug Bewusstsein, um genau zu wissen, was wir preisgeben." Der Teilnehmerin wurde zum Beispiel eine verheimlichte Essstörung auf den Kopf zugesagt.

Ausschnitte von Teilen des Gesichts der Teilnehmerin am Experiment. (WDR / Konrad Waldmann)Wie ähnlich werden sich die Teilnehmerin und ihre Doppelgängerin sein? (WDR / Konrad Waldmann)

Diese preisgegebenen Daten werden von Google vermarktet, wie Terrasse berichtet. Dabei werden Schlupflöcher in der Gesetzgebung einerseits und Korrelationen in den Daten andererseits genutzt. Es ist also gar nicht nötig, eine vertrauliche Gesundheitsinformation wie eine Essstörung weiterzugeben, es reicht die Information, dass beispielsweise innerhalb von zwei Monaten 355 Mal die Begriffe "Kalorien zählen" gegoogelt wurden.

Eine Fremdbeschreibung, die wir übernehmen

Interessant ist auch, wie Terrasse berichtet, dass die Teilnehmerin manchmal an ihrem eigenen Gedächtnis zweifelte, als sie zum Beispiel hörte, "was wir in ihren Daten gefunden haben. Sie wusste dann nicht mehr ganz recht: Habe ich das eigentlich gemacht, oder nicht? Wir waren so überzeugend, weil die Daten so viel Macht über sie hatten, dass sie einfach angefangen hat, zu zweifeln. Wir glauben, dass das im Grunde in homöopathischen Dosen täglich passiert – auch uns. Es ist eine Fremdbeschreibung, die wir übernehmen."

Im Prinzip handle es sich hier um eine Art externes Gedächtnis, zu dem wir keinen Zugang haben, dafür aber private Unternehmen wie Google, so Terrasse. Von daher müsse diese Frage, was mit unseren Daten, mit diesem machtvollen zweiten Gedächtnis passiert, politisch gelöst werden – über Gesetze und über die Durchsetzung dieser Gesetze. Derzeit könnten die Unternehmen in unserem Gedächtnis stöbern, wie es ihnen gefällt.

Gefangen im Datenstrom

Das Experiment berührt die Frage nach Autonomie: "Wollen wir wirklich, dass ein Unternehmen wie Google oder Leute, die Zugang haben zu den Daten, die Google über uns preisgibt, eingreifen in die Autorenschaft über uns? Ich glaube, das sieht man auch sehr gut an unserer Teilnehmerin: Es gibt diesen Moment, wo sie sich befreien will von den Datenspuren, die sie in der Vergangenheit hinterlassen hat, sie will darüber hinaus wachsen. Und es ist super schwierig, weil diese Datenspuren natürlich die Vergangenheit in die Zukunft verlängern wollen, weil das mehr Gewinn bringt, als aufzuhören, eine Essstörung zu haben."

(ckr)

Den Dokumentarfilm "Made to Measure" gibt es ab Sonntagabend in der ARD-Mediathek. Auf der dazugehörigen Webseite gibt es ebenfalls ab Sonntagabend den kompletten Datensatz und mehr.

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