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Zeitfragen | Beitrag vom 14.09.2020

Bewerbung um die "Kulturhauptstadt Europas“ Chemnitz kämpft für ein besseres Image

Von Annette Kammerer

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Während der Night of Light am 22. Juni in Chemnitz ist an einem Hotelhochhaus ein Herz zu sehen. Im Vordergrund steht das Karl-Marx-Monument. (imago images / HärtelPRESS)
Mit der Night of Light am 22. Juni machten Kulturschaffende auch in Chemnitz auf ihre prekäre Situation während der Coronapandemie aufmerksam. (imago images / HärtelPRESS)

In Chemnitz fand das NSU-Trio Unterschlupf. Im Sommer 2018 marschierten dort Neonazis neben AfD und Pegida. Mit der Bewerbung um die „Kulturhauptstadt 2025“ will die Stadt nun alte Wunden heilen. Doch das ist nicht so einfach.

Auf einer kleinen Bühne, inmitten von bunt angestrichenen Plattenbauten, stehen zwei junge Männer. In ihrem Liederzyklus besingen sie das Heckert-Gebiet in Chemnitz. Eine Plattenbausiedlung, die einst eines der größten Neubauprojekte der DDR war. Und Platz bot für 90.000 Menschen. 

"Ich nutze die Kanzel, um noch einmal zu thematisieren, was für den einen oder die andere in diesem Lied vielleicht noch zu kryptisch war." 

Nach der Wende schrieb das "Heckert-Gebiet" dann die fast typische Zerfallsgeschichte eines Plattenbaus: Leerstand, Niedergang, Rechtsextremismus. Zweimal, erzählt der Künstler Dominik Intelmann auf der Bühne, tauchte in genau diesen Plattenbauten auch das NSU-Trio unter. 

"Das gesamte Täterumfeld, das Unterstützerumfeld dieses Kerntrios wurde sozialisiert hier im ´Piccolo` – auch nur 300 Meter von hier entfernt. Und eine Sparkasse wurde auch überfallen."

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Jetzt finden hier, an einem heißen Augustwochenende, die "Begehungen Chemnitz" statt. Ein Kunst- und Kulturfestival, das jedes Jahr an einen anderen Ort zieht: mal in ein leer stehendes Brauhaus, mal in eine Kleingartenkolonie oder ein ehemaliges Gefängnis.
Und nun, dieses Jahr, gibt es Kunst in einem Plattenbau und einer leer stehenden Konsum-Kaufhalle, die nach dem Festival abgerissen wird. 

"Wir wollten auch nicht ironisch ins ´Heckert` gehen und sagen, wir bringen jetzt armen Menschen im ehemaligen Heckert-Gebiet Kunst nahe und machen jetzt Bildungsarbeit. Das ist überhaupt nicht die Intention tatsächlich." 

Ankämpfen gegen die negativen Klischees

Luise Grudzinski leitet die "Begehungen", die es in Chemnitz mittlerweile schon seit fast zwei Jahrzehnten gibt.

"Wir wollen die Örtlichkeit, in die wir gehen, natürlich auch historisch aufarbeiten, aber auch ein bisschen freimachen von Zuschreibungen." 

Zuschreibungen, die nicht nur der Plattenbausiedlung des Heckert-Gebiets, sondern auch der ganzen Stadt anhaften. Sören Uhle, Chef der Chemnitzer Wirtschaftsförderung, CWE:

"Also seit 30 Jahren höre ich aus dieser Stadt und über diese Stadt im gesamtdeutschen, im europäischen Kontext immer die gleichen Klischees: also Rechtsextremismus, Arbeitslosigkeit, Plattenbau. So."

Luise Grudzinski. Eine junge Frau steht an einer Holztür eines Gebäudes. (Annette Kammerer)Luise Grudzinski: Örtlichkeit „ein bisschen freimachen von Zuschreibungen“. (Annette Kammerer)
Dann kam der Sommer 2018 und machte aus den Klischees unvergessliche, ja auch unverzeihliche Bilder. Damals wurde ein junger Mann auf dem Chemnitzer Stadtfest niedergestochen. Rechte und Rechtsextreme riefen noch am selben Abend zu Spontan-Demos auf, weil sie hier einen Flüchtling als Täter und einen Deutschen als Opfer sahen.

Es marschierten: Neonazis und Hooligans, neben AfD, Pegida und "Menschen aus der Mitte". In Chemnitz vollzog sich der Schulterschluss der gesamten rechten Szene. Und die ganze Welt schaute zu. 

"Das heißt, wir haben mit diesen Klischees gelebt. Und das ist jetzt durch 2018 erstens verstärkt und verstetigt worden, deswegen wird uns das auch noch lange anhängen, und wir werden stark dafür kämpfen müssen. Aber es gibt in dem Moment halt auch keine bessere Reaktion, als Kulturhauptstadt zu werden." 

Mit dem Titel werden Hoffnungen verbunden

Trotzdem – oder genau deswegen – will Chemnitz nun "Kulturhauptstadt Europas" werden. Den Titel für das Jahr 2025 bekommen. Sören Uhle, aus dem Bewerberteam der Stadt: 

"Aber es ist kein Chemnitz-typisch – also unser Narrativ heißt, das ist nichts, was Chemnitz-typisch ist. Es steht stellvertretend für die Grabenkämpfe, die es in Europa gibt. Wir reden über Rechtspopulismus, wir reden über das Instrumentalisieren der Mitte, die wir an allen Ecken und Enden in Europa erleben. Und damit glauben wir, dass wir natürlich sehr wohl eine europäische Geschichte, ein europäisches Phänomen hier erklären und auch hier verhandeln können."

Doch diese Idee kam der Stadt nicht etwa selbst.

Erst eine externe Expertenkommission musste Chemnitz darauf hinweisen, dass die Ereignisse 2018 nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden könnten. Sie müssten zentraler Bestandteil der Bewerbung sein.

Berliner Peng!-Kollektiv sorgte für Aufregung

Und auch vor Kurzem eskalierte eine politische Kunstaktion. Fast wäre das Berliner Peng!-Kollektiv mit ihrer "Antifa"-Ausstellung aus den Chemnitzer Kunstsammlungen geflogen. Prompt twitterten andere Bewerberstädte: In Hannover gäbe es keine "Kunst-Zensur". Das Peng!-Kollektiv sei dort herzlichst willkommen.

"Also ergebnisbezogen ist alles so geblieben, wie es das Peng!-Kollektiv wollte und alles andere war eine perfekte oder gute Diskussion drum herum", sagt Sören Uhle Neu.

Es knirscht also mächtig in der Chemnitzer Bewerbung. Trotzdem erhofft sich die Stadt schon jetzt so einiges davon.

"Wenn das mal nicht eine Chance ist!"

Denn, sollte Chemnitz in wenigen Wochen wirklich den Zuschlag bekommen, begänne ein umfassendes "Konjunkturprogramm". Bis zu 80 Millionen Euro würden direkt aus EU, Bund und dem Land Sachsen nach Chemnitz fließen. Im eigentlichen Kulturhauptstadtjahr käme dann noch einmal das vier- bis sechsfache hinzu.

Eine organischförmige Skulptur liegt auf einer Wiese in einem Park in Chemnitz. (Annette Kammerer)Kunstwerk der Ausstellung „Gegenwarten" in Chemnitz, die noch bis zum 26. Oktober auch im Rahmen der Bewerbung veranstaltet wird. (Annette Kammerer)
Denn andere Kulturhauptstädte zeigen: Es gibt einen eigenen "Kulturhauptstadttourismus". Prognosen zufolge würden dann mindestens zwei Millionen Menschen die Kulturhauptstadt Chemnitz besuchen. 

"Weil uns das eben auch sehr beeindruckt hat bei den Städten, die das bisher geworden sind … Wenn man sich deren Evaluation anschaut, ist das eine Vorbildfunktion, von der wir einfach mehr von haben wollen. Das hat eine gewisse Sehnsucht auch bei uns in Chemnitz, dass wir es schaffen, uns damit auf die nächste Ebene zu beamen." 

Von der nächsten Ebene träumt dabei nicht nur die Stadt und mit ihr Sören Uhle. Auch Luise Grudzinski von den "Begehungen" hofft auf eine Zukunftsperspektive für die vielen Künstler der Stadt. Und einen Prozess, der alle Chemnitzerinnen und Chemnitzer mitnimmt. 

Denn Chemnitz ist eben nicht nur "alt-rightt", also nur rechts. Chemnitz ist aber eben auch nicht "alright", also allen gehts gut. Auf den Weg dahin aber hat sich die Stadt jetzt schon gemacht. Ganz gleich, ob sie den Titel bekommen wird oder nicht.

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