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Lesart | Beitrag vom 05.12.2020

Bettina Stangneth: "Sexkultur" Sprechen über den Orgasmus

Moderation: Christian Rabhansl

Vor rosa Hintergrund halten zwei Hände mit rotem Nagellack eine Zitronenhälfte, über die eine milchige Flüssigkeit läuft. (Dainis Graveris on SexualAlpha)
Offen über Sex reden ist eine Sache, ihn angemessen darzustellen, ist eine ganz andere Herausforderung. (Dainis Graveris on SexualAlpha)

In der westlich, christlich geprägten Welt fällt es Menschen oft schwer, über eigene sexuelle Gedanken zu sprechen. Die Philosophin Bettina Stangneth plädiert dafür, offen darüber zu reden. Auch das sexuelle Erleben mache unsere Identität aus.

Christian Rabhansl: Auf den ersten Blick mag das vielleicht erstaunlich sein, dass eine Philosophin ein Buch über Sex schreibt, aber auf den zweiten Blick ist es das eigentlich gar nicht. Spätestens dann, wenn die Philosophin Bettina Stangneth in ihrem Buch "Sexkultur" Aristoteles und dessen Anmerkung zitiert, dass die Philosophie mit dem Staunen beginnt – und dann ergänzt, dass allein der Orgasmus schon reichlich Grund zum Staunen und Denken bietet.

Frau Stangneth, Sie schreiben in der Tat so zwingend über Sex und auch mit so viel Begeisterung und so humorvoll, dass ich mich überhaupt nicht frage, warum Sie als Philosophin darüber schreiben, sondern eigentlich eher: Warum erst jetzt?

Bettina Stangneth: Ja, weil es vielleicht ein gewisses Alter, sicher ein bisschen Erfahrung und natürlich auch ein Publikum braucht, das einem zuhören möchte.

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Rabhansl: Es ist aber schon ein Thema, das Sie schon lange umtreibt, oder? Wenn ich Ihr Buch richtig verstehe, dann ist Ihre Wohnung in Hamburg eigentlich so eine Art, Sexmuseum ist das falsche Wort, aber Sie haben da allerlei angesammelt zu dem Thema. Was versammeln Sie da?

Stangneth: Das ist eine Sammlung von dem, was man in Asien Sexkultur nennt – daher kommt ja auch der Titel des Buches –, nämlich ein anderer Umgang mit Darstellungen sexueller Erregung. Das, was ich so gesammelt habe, kommt aus dem Bereich, den man hier ein bisschen platt tantrisch nennt, weil es schlicht so etwas bei uns so gut wie nicht gibt.

Warum haben wir Angst vor Sex?

Rabhansl: Davon haben Sie auch ganz viel abgebildet in Ihrem Buch, diese kleinen Skulpturen und auch Gemälde und Bilder. Was können wir denn daran lernen, was es bei uns nicht gibt?

Stangneth: Wir können vor allem lernen, dass uns diese Bilder sehr irritieren. Wir schauen die an und denken, das kann es doch nicht sein. Das ist genau das, was mir passiert ist, als ich so etwas das erste Mal sah, nämlich in Asien. Ich bin ja aufgewachsen wie alle anderen hier mit einem Umgang mit der sexuellen Erregung, wie wir ihn kennen, und dass ich dort in ein geweihtes Haus komme – ich bin religiös unbegabt – und da steht dann auf einem Altar ein in sich verschlungenes Pärchen und hat offensichtlich Spaß, wo mir alle immer zu Hause sagen, das darf man aber außen nicht sehen, das war schon ein Kulturschock im reinsten Sinne.

Die Frage, warum wir so anders darauf reagieren und warum wir uns das dann auch noch wegerklären, was da zu sehen ist, und sagen, ja, es geht ja um was ganz anderes dabei und so, das hat mich interessiert, warum wir schlicht Sex nicht achten, warum wir unser Vermögen dazu nicht ehren und warum wir dem nicht mit Respekt begegnen, sondern mit Angst.

Rabhansl: Das stimmt, Darstellungen und Skulpturen von Sex bei uns in einer christlichen Kirche sind einigermaßen undenkbar. Irgendwie stehen Kultur und Kirche auf der einen Seite, und die andere Seite, der Sex, gilt uns dann als animalisch. Diese Trennung finden Sie grundfalsch?

Stangneth: Die Trennung ist eine der Möglichkeiten, wie ich damit umgehen kann, dass ich als Mensch wahrnehme, dass ich mich differenzieren kann in etwas, was ich von mir sehen kann, nämlich etwas Körperliches, und etwas, was ich denken kann – die Gedanken kann ich auch fühlen, aber irgendwie anders.

Eine Frau (Shakti) liegt mit angewinkelten Beinen auf dem Rücken und mit Blumen verzierten Kissen während ein Mann (Shiva) vor ihr hockt und in sie eindringt. Beide tragen viel Schmuck, im Hintergrund befinden sich ein Geländer und eine Blumenwiese.   (imago images / Werner Forman)Malerei aus Indien: Im Tantraismus wird Sex als wichtiger Initiationsritus zum spirituellen Wissen gesehen. (imago images / Werner Forman)

Diese Unterscheidung zwischen Körper und Geist, das ist eine, die gibt es überall, die Frage ist, warum wir immer den Körper für etwas Minderwertiges halten und in einen Gegensatz dazu bringen. Es ist ja auch nicht so, dass es in unseren Kirchen keine Darstellungen gibt, die man nicht durchaus auch sexuell deuten könnte, aber das ist halt der Unterschied: Bei uns deuten wir es hinein, in anderen Kulturen wird es selbstverständlich zugrunde gelegt als eine menschliche Grunderfahrung – eine Grunderfahrung, die wir auch haben, aber eben anders gewichten.

"Natur ist ein Ordnungsbegriff"

Rabhansl: Wenn ich Ihr Buch richtig verstehe, dann kommen im Sex Geist und Körper zusammen und das macht uns eigentlich erst richtig deutlich, dass Leib und Seele eins sind. Habe ich das richtig verstanden?

Stangneth: Ja, es ist die Kritik daran, dass wir ansonsten trennen. Nun muss man sagen, die Trennung zwischen Natur als aus dem, was wir so vorfinden ganz platt gesagt und Kultur als dem, wo wir die Finger drin haben können, diese Trennung funktioniert hervorragend, wenn ich mich in der Welt orientiere. Im Alltag, im normalen Leben funktioniert das ausgezeichnet, dass ich die Dinge unterscheide in die, die ich auch so lasse, wie sie sind, weil sie sich vielleicht auch nicht so einfach verändern lassen, und das, wo ich etwas bilden kann.

Dass dies aber nur Ordnungsbegriffe sind und nur unsere Modelle und Vorstellungen von etwas sind, das merkt man dann, wenn man mit sich zu tun hat. Denn da bin ich für mich ja eines – ich kann das auch ausdifferenzieren, aber das ist dann in seiner Künstlichkeit wirklich bewusst. Während wenn ich sexuelle Erregung bewusst zulasse, dann merke, wie dicht das ineinanderläuft: dass wir keinen Körper haben und keinen Geist, sondern einen vernunftbegabten Körper, und einen Körper, der eben auch durch Bewusstsein bildbar ist. Das ist das, wo ich dann mit diesen Begriffen nicht mehr weiterkomme.

Buchcover zu "Sexkultur" von Bettina Stangneth (Rowohlt Verlag/Deutschlandradio)Ein sinnloses Buch, wie Bettina Stangneth ihr Werk "Sexkultur" nennt, ist es sicher nicht. (Rowohlt Verlag/Deutschlandradio)

Rabhansl: Jetzt haben Sie gerade den Begriff der Natur genannt, und damit verbunden ist auch der Begriff der Natürlichkeit. Das ist ja ganz spannend, weil beim Sex sehr, sehr häufig damit argumentiert wird, dass entweder etwas abgelehnt wird als unnatürlich oder dass sich zum Beispiel sexuelle Minderheiten versuchen zu emanzipieren, indem sie sagen, doch, doch, das ist natürlich – da zitieren Sie zum Beispiel Lady Gaga mit dem Song "Born This Way" –, und trotzdem finden Sie das auch, wenn es emanzipatorisch benutzt wird, glaube ich, schwierig.

Stangneth: Es ist deshalb schwierig, weil man sich nicht bewusst macht, dass das ganz unterschiedliche Naturbegriffe sind. Wenn ich davon spreche als Biologe, dass etwas biologisch ist und insofern natürlich, dann ist ein ganz anderer Naturbegriff gemeint als der, den ich verwende, wenn ich mich rechtfertigen möchte gegen den Angriff, ich müsse mich gefälligst anders verhalten. Wenn ich sage, mein Verhalten ist doch aber natürlich, ist das schon ein Rechtfertigungsmodus, und das ist ein anderer Naturbegriff. Weil Natur ein Ordnungsbegriff ist, kann man ihn wie jeden Begriff aus einem eigenen Interesse benutzen, und je nachdem, welches Interesse mich leitet, ist der Naturbegriff ein anderer.

Ich kann mit dem Rekurs auf Natürlichkeit nicht Moral rechtfertigen oder ein moralisches Verhalten rechtfertigen. Das sieht man daran, dass ja beispielsweise Nationalsozialisten mit dem Bezug auf Natur Menschen umgebracht haben, weil sie gesagt haben, ja, stimmt, du bist "Born This Way", und genau darum darfst du nicht sein. Man kann aus der schlichten Tatsache, dass etwas ist, nicht ableiten, wie etwas sein soll, und wer das versucht – das kann man nachvollziehen –, wer das versucht, kommt aber für sich nicht weiter. Dann kommt irgendjemand und sagt: Ja klar, du bist anders von Natur aus, aber ich reiße auch Unkraut aus. Und dann hat man ein Riesenproblem.

"In dem Moment, wo ich sexuelle Erregung zulasse, zerfalle ich"

Rabhansl: Dann ist man schnell bei Unterdrückung. Sie schreiben immer wieder und fordern ganz klar, wir sollten mehr Ehrfurcht vor dem Sex haben und weniger Angst. Am Anfang, als ich Ihr Buch angefangen habe zu lesen, habe ich gedacht: Heute fürchtet doch keiner mehr Rückenmarkschwund durch Onanie und dergleichen, aber es wird dann immer deutlicher, was Sie meinen mit dieser Angst, weil eben so viel abgewehrt wird, was irgendwie von dem abweicht, was gemeinhin als natürlich empfunden wird. Woher kommt diese Ablehnung?

Stangneth: Es gibt zwei Seiten: Es gibt einmal das, was wir schon kennen, dass nämlich die Kultur, in der wir aufwachsen, selbstverständlich unser Rollenverständnis prägt, unsere Ideale und so weiter. Es gibt aber noch etwas anderes: In dem Moment, wo ich sexuelle Erregung zulasse, sie wirklich bewusst erlebe, zerfalle ich auch, ich werde mir fragwürdig. Jeder, der es mal probiert hat, wird wissen, dass sich Bilder aufdrängen, die wir dann erotische Bilder nennen, etwas, was uns in irgendeiner Weise besonders erscheint, wenn die Erregung steigt.

Mehrere Körperteile verschiedener Hautfarben sind vor dunklem Hintergrund ineinander verschlungen. (Getty Images / Stone RF / Jonathan Knowles )Was für Sex habe ich und wie spreche ich eigentlich darüber? (Getty Images / Stone RF / Jonathan Knowles )

Diese Bilder sucht man sich nicht aus, und diese Bilder können verstören, die können überhaupt nicht zu dem passen, was ich von mir denke oder was ich dachte zu sein. In dem Moment habe ich ein Problem, weil ich mir selber problematisch werde. Das können Abgründe sein, das können ganz kleine Dinge sein, die für mich aber eine riesengroße Bedeutung haben und die deshalb schlicht Fluchtinstinkte auslösen. Ich bin immer bemüht um Identität, um Charakter, um was weiß ich, wie man das alles nennen kann, also darum, ein Ich zu sein, und stelle dann fest, dass ich das nicht so einfach bin, sondern dass es offensichtlich da Verschiedenes gibt, das in mir ist und das mich ausmacht, denn all das bin ich ja ich, was ich dort erlebe.

Und da scheitere ich an der Integrationsleistung, und da scheitere ich zwangsläufig, und genau das kann Ängste auslösen. Das ist einer der Gründe, warum auch große Sexualaufklärer so große Probleme hatten mit Masturbation, mit Autoerotik, wir nennen es ja auch Selbstbefriedigung, was ja auch schon alles sagt.

"Was es braucht, ist ein Raum, in dem ich mich das traue"

Rabhansl: Sie beginnen Ihr Buch, ulkigerweise muss ich sagen, mit dem Satz, "Dieses Buch ist sinnlos." Ich nehme Ihnen den nicht ganz ab, und damit sich dieser Satz als falsch erweist, was wollen Sie am Ende in uns vielleicht ausgelöst haben?

Stangneth: Ja, das Problem ist, dass wir hier ja davon reden, dass es Unwissen gibt. Unwissen ist immer etwas, wovon Menschen profitieren können. Mit der Situation, der Unaufgeklärtheit, was die Sinnlichkeit angeht, haben sich so viele gut eingerichtet, dass es tatsächlich ziemlich aussichtslos ist, wenn man dagegen anrennt und sagt, es müsste doch etwas anderes geben. Insofern ist der Satz tatsächlich ganz ernst gemeint.

Was könnte sich ändern? Was sich ändern könnte, wäre, dass wir einen Raum dafür schaffen, in dem sich Menschen trauen zu erzählen, wer sie sind, denn mein Sex ist das, was ich bin. Ich bin diese seltsame Schleife zwischen Körperlich-, Geistigkeit, ich bin diese seltsame Einheit, die ich nicht als Einheit denken kann und die die anderen trotzdem von außen immer als Einheit ansprechen. Das bin ich. Und von dem zu erzählen, was ich erlebe, von dem zu erzählen, was Sex ist, was ich bin, das ist unglaublich schwierig, weil da unsere Sprache versagt. In dem Moment, wo ich hochindividuell werde, sind Begriffe irgendwie nicht mehr hilfreich. Ein Begriff ist immer eine Norm, und wenn ich da nicht reinpasse, habe ich ein Problem. Das gilt nicht nur für das, was wir heute in der Genderdebatte zu Recht thematisieren, sondern das gilt schon für jemanden, der von sich glaubt: Ich bin doch völlig normal. Schon in dem Moment wird es unglaublich schwer, darüber zu sprechen.

Was es braucht, ist eben ein Raum, in dem ich mich das traue, in dem mich Menschen auch stammeln lassen, stottern lassen, falsche Begriffe benutzen lassen, nicht gleich zu verstehen versuchen, sondern zunächst einmal bereit sind, mich anzuschauen, wie ich bin und mir zuzuhören, wie ich bin. Und wenn das möglich ist, dann würden wir mehr darüber lernen, wie vielfältig das ist und wie sehr eben Sex Kultur ist, also wie sehr Sex davon abhängig ist, von der Geschichte, die ich habe mit mir.

Bettina Stangneth: "Sexkultur"
Rowohlt Verlag 2020
288 Seiten, 22 Euro

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