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Lesart | Beitrag vom 12.03.2020

Bettina Hitzer über Emotionen bei Krebs"Die Angst ist neu bewertet worden"

Bettina Hitzer im Gespräch mit Joachim Scholl

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Portrait einer Frau (die Historikerin Bettina Hitzer) vor einem Bücherregal (imago/ Teutopress)
Die Historikerin Bettina Hitzer hat in "Krebs fühlen" beschrieben, wie sich der Umgang mit Emotionen im 20. Jahrhundert verändert hat. (imago/ Teutopress)

Für ihr Sachbuch „Krebs fühlen“ hat Bettina Hitzer den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Am Umgang mit Krebs zeige sich, wie Gefühle aufgewertet wurden, sagt die Historikerin: Heute würden sie sogar Entscheidungen in der Gesundheitspolitik prägen.

Den Umgang mit der Krankheit Krebs im 20. Jahrhundert als eine Geschichte der Gefühle zu beschreiben – diese überraschende Perspektive hat die Historikerin Bettina Hitzer gewählt. Ihr Buch "Krebs fühlen – Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts" ist nun mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden. Die Auszeichnung als bestes Sachbuch ist auch ein Preis für wissenschaftliche Arbeit: Bettina Hitzer hat das Buch auf Grundlage ihrer Habilitationsschrift verfasst.

Dass sie sich mit Krebs beschäftigt habe, hätte sich "fast ein bisschen zufällig" ergeben, als sie am Anfang einer eigentlich anders angedachten Untersuchung stand, erzählt die Preisträgerin. Doch diese Perspektive auf die Krankheit habe sie sehr interessant und neu gefunden.

Mehr als subjektive Erfahrungen

Man könne so nicht nur die subjektiven Erfahrung der Beteiligten – etwa von Patienten, Ärztinnen, Angehörigen, Krankenschwestern – in den Blick nehmen, so Hitzer. "Sondern auch, wie solche Gefühle Entscheidungen verändern, Entscheidungen mitprägen. Auch in Bereichen, die man normalerweise nicht mit Gefühlen direkt in Verbindung bringt, wie in der medizinischen Forschung, in der Gesundheitspolitik."

Die Historikerin sagt, dass sich der Umgang mit Gefühlen, nicht nur bei Krebs, sehr stark gewandelt habe. Für diese Entwicklung sei die Zeit zwischen den frühen 1960er- und den späten 1970er-Jahren eine Art Wendezeit. Neu entstanden sei, sagt Hitzer: "Die Überzeugung, dass man über Gefühle sprechen sollte, und zwar nicht nur im intimen Bereich, sondern auch therapeutisch sie bearbeiten sollte, in der Öffentlichkeit darüber sprechen sollte, politisch Gefühle zum Thema machen sollte."

Aufwertung der Emotionen

Nicht nur im Zusammenhang mit Krebs, sondern beispielsweise auch in der Friedensbewegung seien Gefühle damals neu bewertet worden. "Auch da ist über Gefühle viel gesprochen worden und bestimmte Gefühle wie zum Beispiel die Angst ganz neu bewertet worden", sagt die Historikerin. Angst sei nicht mehr als ein irrationales Gefühl wie die Panik angesehen worden, sondern als eines, das Erkenntnis verspricht, das auf Gefahren aufmerksam macht. Es habe eine "Aufwertung der Gefühle" stattgefunden – die sich beispielsweise auch in Konzepten wie der "emotionalen Intelligenz" gezeigt habe.

Hitzers Buch zur Geschichte der Emotionen endet etwa beim Jahr 1990. Auch heute zeige sich eine starke gesellschaftliche Tendenz im Umgang mit Krebs – es gebe die "Aufforderung zur Gefühlsarbeit", sagt sie. Nämlich "Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit zu überwinden und in positive Gefühle umzuwandeln, positiv zu denken, und auch dadurch Heilung zu befördern."

(jfr)

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