Bestsellerautor ohne Starallüren

André Schäfer im Gespräch mit Susanne Führer · 02.03.2012
Der Film "John Irving und wie er die Welt sieht" ist eine Liebeserklärung an den Schriftsteller und die Literatur. Irvings "wohligster Ort" sei sein "Schreibschuppen auf der Insel", berichtet der Filmer André Schäfer. Für ihn habe Irving bei den Dreharbeiten sogar eine Pizza gebacken. Der Dokumentarfilm läuft in den nächsten Wochen in Kinos in Dresden, Berlin und Leipzig.
Susanne Führer: "Garp und wie er die Welt sah", "Das Hotel New Hampshire", "Gottes Werk und Teufels Beitrag" – alles Weltbestseller von John Irving. Heute wird er 70 Jahre alt. Passend zu diesem runden Datum hat André Schäfer einen Dokumentarfilm gemacht: "John Irving und wie er die Welt sieht". Die Bücher Irvings haben ja – trotz aller Dramen, die passieren – einen, wie soll ich sagen, einen warmen Grundton, wirken immer getragen von einer großen Menschenfreundlichkeit. Das könnte natürlich auch sehr aufgesetzt sein, aber in dem Film Schäfers wirkt der Mensch Irving ebenfalls ungemein freundlich und sympathisch, und ich habe den Regisseur daher gefragt, ob es ihm bei den Dreharbeiten mit Irving eigentlich auch so ergangen ist.

André Schäfer: Der ist sympathisch, das finde ich auch. Ich meine, ich kannte den aus seinen Büchern, ich kannte den aus all seinen Büchern und ich kenne ihn seit ziemlich vielen Jahren. Ich habe mich immer sehr geborgen gefühlt, wenn ich die Bücher gelesen habe, das muss man auch, wenn man zwölf-, dreizehnhundert Seiten vor sich hat – ich hab vom ersten Augenblick an sehr gemocht, dass er komplett unprätentiös ist. Also der hat keine Starallüren, der ist eher schüchtern, finde ich. Ich weiß, dass es ihm lästig ist, alles, was journalistische Fragen angeht, aber er ist ein sehr, sehr angenehmer Mensch, wenn man bei ihm ist.

Führer: Ja, Sie sagen, keine Starallüren, also die Figuren in seinen Büchern haben nicht unbedingt Starallüren, aber die sind ja häufig so ein bisschen schräg, ja, so bizarre Figuren, und er selbst wirkt so ganz bodenständig – in einer Szene in dem Film backt er sogar – also per Hand, knetet den Teig, eine Pizza für Sie.

Schäfer: Ja, sehr lecker ...

Führer: Ist er auch so bodenständig, wie er in dem Film rüberkommt?

Schäfer: Ich hab ihn so kennengelernt: Es ist ihm egal, wie er angezogen ist, es muss warm und bequem und praktisch sein. Er hat sich nicht irgendwie zurechtgemacht, wenn es um ein Interview ging. Er fühlt sich sehr, sehr wohl in seiner Umgebung, und der wohligste Ort ist das Büro oder die Schreibstube beziehungsweise der Schreibschuppen auf der Insel. Da war er eigentlich komplett, ja, ich würde einmal sagen, mit Klamotten war er nackt. Er war so, als wäre er da alleine. Das kann man nicht bodenständig nennen, er ist nicht spießig oder so. Aber er gibt sich sehr natürlich, er hat ganz große Prinzipien, er macht Sport jeden Tag zwei Stunden, er schreibt, und das ist das, was er am aller-, aller-, allerliebsten macht in seinem Leben, glaube ich. Ihm ist relativ egal, in welcher Umgebung er ist, Hauptsache, er hat die Möglichkeiten zu arbeiten.

Führer: Ja, und diesen Rummel mag er eigentlich nicht, sagt er. Wie haben Sie denn das geschafft, dass Sie ihn so lange begleiten durften? Wie haben Sie so ein Vertrauensverhältnis zu ihm aufgebaut?

Schäfer: Als wir ihn kennengelernt haben, das war in einem Hotel in Hamburg, da ist er aus dem Aufzug mit seiner Frau gekommen – die kommen da raus, und er guckt mich an und sagt: Und Ihr wollt einen 45-Minuten-Film über mich machen? Mit anderen Worten: Was wollt Ihr denn alles erzählen? Und dann habe ich ihm gesagt: Sorry, wir machen einen 90-Minuten-Film. Und dann hat er geschluckt, aber er hat uns direkt mitgenommen in die Gespräche, die dann stattfanden, in das, was er eigentlich nicht mag, nämlich: Dort sitzen müssen und immer wieder dieselben Fragen gestellt zu bekommen. Und wir haben ganz schnell bemerkt, das war toll, dass wir dabei waren, weil wir waren quasi hinter den beiden Personen und haben ihn beobachtet und wir haben gemerkt, dass er mit uns gesprochen hat eigentlich und schon so eine Art Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, weil er auch immer geguckt hat, wie komme ich rüber – war das jetzt okay, was ich gemacht habe und so. Ich habe ganz schnell das Gefühl bekommen, dass er sich bei uns sicher gefühlt hat. Und das ist natürlich für einen Dokumentarfilmer ziemlich wichtig, dass die Protagonisten das Gefühl haben, dass sie bei uns gut aufgehoben sind.

Führer: Es kommt ja nicht nur er zu Wort, Sie zeigen auch die Schauplätze seiner Romane, dann werden Passagen aus diesen Romanen dazu geschrieben, und es kommen auch viele Menschen zu Wort, die Vorbilder für seine Romanfiguren waren – ob jetzt Ärztinnen oder Prostituierte oder ein Tätowierer oder ein Organist. Und sie alle, das fiel mir wirklich auf, alle sprechen mit großer Wärme, mit großer Sympathie und mit großem Respekt von ihm, wie richtig er auch immer ihren Beruf dargestellt hat. Haben Sie die anderen ausgelassen oder ...

Schäfer: Nein!

Führer: ... ist das wirklich so passiert?

Schäfer: Nein! Wir haben eine Person ausgelassen, die passte einfach nicht mehr rein – nein, ich habe die genau so erlebt, wie Sie die auch erlebt haben im Film. Das liegt, glaube ich, daran, dass sie wirklich einen großen Respekt vor jemandem haben, der sich mit zum Beispiel Psychosen nicht auskennt und ein Buch schreibt, in dem es unter anderem um Psychosen geht. Er musste sich mit Psychiatern oder in dem Fall Psychiaterinnen und Psychologinnen in einem Sanatorium in Zürich auseinandersetzen und von denen lernen. Und in minimalster Zeit hat er, so haben mir die drei Ärztinnen das bestätigt, all das, was für sein Buch nützlich und wichtig war und was er für sein Buch brauchte, von den Frauen gelernt – das konnten die nicht anders als mit großem Respekt auch feststellen. Der Organist in Zürich, den wir getroffen haben ...

Führer: Der ist der wunderbarste, finde ich, wie er im Wechsel spielt er Orgel, dann liest er eine Passage aus dem Buch, spielt wieder und zeigt ...

Schäfer: Ja, der war total begeistert, oder? Das ging mir sehr nahe. Ich habe auch noch nie jemanden erlebt, der wirklich so akribisch ...

Führer: ... recherchiert.

Schäfer: Ja.

Führer: Sehr amerikanische Herangehensweise.

Schäfer: Ja. Aber das war auch meine Frage. Ich meine, ich mag die Bücher sehr und ich habe mich immer beim Lesen auch gefragt: Meine Güte, wie kommt jemand darauf, jetzt auch noch in die Ecke zu gehen und da die Kurve zu nehmen und dahin zu gehen - wird ja immer weitergetragen, die Geschichte. Und da ist jemand, der handwerklich darangeht, und der einen Plan hat, und der sich mit viel Fantasie alles Mögliche ausdenkt, aber sich ganz, ganz viele Anleihen aus der Wirklichkeit nimmt, und das finde ich eigentlich perfekte Literatur.

Führer: André Schäfer im Deutschlandradio Kultur. Wir sprechen über seinen Film "John Irving und wie er die Welt sieht". Herr Schäfer, John Irving wurde ja immer mal wieder der Vorwurf gemacht, dass er sich in seinen Romanen doch sehr wiederholt – also es gibt auch mehrere Motive, die immer mal wieder auftauchen, die auch in dem Film erwähnt werden –, aber die Wiederholung selbst scheint er ja sehr zu schätzen. Es gibt diese Szene, ich weiß gar nicht, wie man heute sagt, in der Turnhalle, in dieser Sporthalle da, er war ja 20 Jahre lang Ringer – und er spricht da über die Bedeutung der Wiederholung und sagt also: Schreiben ist im Grunde genommen wie Trainieren, also Trainieren für einen Sport. Niemand sieht einen dabei, kein Rampenlicht, kein Scheinwerfer, man muss üben, üben, üben, sprich, man muss wiederholen, wiederholen – und es geht auch um Drill. Das klingt eigentlich nicht nach einem glamourösen, tollen Schriftstellerleben.

Schäfer: Ich weiß nicht, wie man ein solches Leben beschreibt: Wenn jemand sieben Jahre lang an einem Buch, zum Beispiel "Bis ich dich finde", das ist das dickste Buch ... Sieben Jahre hat er an dem Buch geschrieben und hat im achten Jahr angefangen, das ganze Buch von vorn bis hinten wieder neu zu schreiben oder umzuschreiben, weil ihm eingefallen ist, ich möchte lieber aus der Ich-Perspektive, aus dem Ich-Erzähler eine dritte Person machen. Das kann nur etwas mit Manie oder mit Akribie zu tun haben. Der hat irgendwann festgestellt: Ich kann besser werden, ich bin noch nicht gut genug. Das finde ich enorm, dass einem jemand so was sagt, weil man denkt sich doch natürlich, das fließt so aus der Hand aus, aber das ist nicht so. Was ich so ganz eindrucksvoll fand, da lag er in seinem Haus in Vermont auf der Ringermatte und hat Übungen gemacht, allein, weil er das jeden Tag macht, zwei Stunden, und er sagte da so einen Satz, dass man als Sportler verwundbar ist, dass jeder sofort erkennt, wenn man müde ist, wenn man schlecht ist, wenn man verliert. Und als Schriftsteller ist man genauso verwundbar, das fand ich toll.

Führer: Auf jeden Fall sind das ja doch ziemlich einsame Berufe, die er sich da ausgesucht hat. Das Schreiben ist auf jeden Fall ein einsamer Beruf, das Trainieren für den Ringkampf auch, und auch in seinen Büchern sind die Helden ja häufig Einzelgänger, also schon in Kontakt mit anderen, aber sie haben doch etwas sehr Einzelgängerisches. Wie haben Sie ihn erlebt? Meinen Sie, ist er auch eher so ein Loner oder mehr ein Gesellschaftsmensch?

Schäfer: Er ist ein sehr, sehr großer Familienmensch. Er richtet sich mit seiner Frau Janet komplett nach den Kindern. Die Familie ist, glaube ich, das Wichtigste. Da gibt es noch ein paar Freunde, ein paar von denen habe ich kennengelernt. Er ist ansonsten jemand, der seine Zeit braucht zum Schreiben, und die nimmt er sich, ganz radikal und ganz gnadenlos.

Führer: Am Ende Ihres Films, Herr Schäfer, geht es um die große Wunde in John Irvings Leben: Er hat seinen Vater nie kennengelernt. Interessanterweise, obwohl er ja auch psychologische Bücher schreibt, interessanterweise weist er aber alle Deutungen barsch zurück, das habe irgendetwas mit seinem Schreiben zu tun.

Schäfer: Er hat das so beschrieben, dass er sich Anleihen nimmt aus seinem Leben und die dann aber komplett verfremdet. Also eigentlich ist es ein Vertuschen von seiner eigenen Geschichte.

Führer: Warum haben Sie diesen Film gemacht? Sie waren offenbar vorher ein Fan von John Irving, und jetzt schwärmen wir hier beide so unverhohlen herum – das darf man eigentlich nicht im Journalismus, und ich habe den Eindruck, jetzt sind Sie ein noch größerer Fan von ihm, oder?

Schäfer: Ich freue mich sehr, weil heute zum Geburtstag erscheint ja bei Diogenes zum ersten Mal eine vernünftige Übersetzung von "Garp und wie er die Welt sah". Und ich freue mich besonders darauf, weil ich natürlich seine Stimme jetzt in- und auswendig kenne. Ich weiß nicht, ob Ihnen das auch so geht, aber wenn ich jemanden lese, den ich kenne, dann lese ich natürlich genau in dem Duktus, wie er liest und spricht, und das bringt mir den noch mal näher, finde ich.

Führer: Aber warum dieser Film? Der ist ja zu einer einzigen Liebeserklärung geraten.

Schäfer: Ja, weil ich schon in die Bücher seit langer Zeit verliebt bin. Ich weiß nicht, das geht auch vielen Leuten so. Ich habe mit Anfang 20 das erste Buch gelesen und immer wieder eines geschenkt bekommen oder gekauft und dann wieder gelesen – ich mag dieses unendliche Geschichtenerzählen. Ich finde das großartig, dass man sich da so reinfallen lassen kann und dass man diese Figuren, die ja wirklich einen – das sind ja viele Figuren, ein großes Panorama und Panoptikum an kuriosen und seltsamen Menschen ... Ich mag mich da sehr reinversetzen und ich mag die sehr gerne verfolgen. Mir können die Bücher gar nicht ähnlich genug sein, eigentlich. Ich ertappe mich auch manchmal dabei und denke mir: Ah, so eine Figur gab es doch vielleicht schon einmal, aber die Figur an sich gab es noch nie – es gab dann immer nur sozusagen die starke weibliche Heldin oder so, die in vielen Büchern oder in mehreren Büchern vorkommt. Aber sie ist immer wieder anders, und er schafft es immer wieder, was ganz anderes zu erzählen. Und ich fand das reizvoll, als Dokumentarfilmer will ich genau so was eigentlich machen: Ich will jemand verfolgen und begleiten, ich will aber auch eine eigene Note da reinbringen. Wir haben ja versucht, wirklich die Literatur in den Vordergrund zu stellen, die Texte sprechen lassen und versucht, Bilder dazu zu finden, aber eben keine Bilder, die das Ganze so überfrachten, sondern Bilder, die auch noch Fantasie lassen,, die abstrakt sind und abstrakt genug sind, dass man die Literatur hoffentlich mitbekommt, wenn man den Film sieht, und sich trotzdem in diese Welt ein bisschen entführen lässt. Und das fand ich reizvoll.

Führer: Sagt der Regisseur André Schäfer. Heute wird der Schriftsteller John Irving 70 Jahre alt, und Schäfers Film "John Irving und wie er die Welt sieht" läuft in den nächsten Tagen und Wochen in verschiedenen Kinos in Dresden, Berlin und Leipzig.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Filmhomepage "John Irving und wie er die Welt sieht"

Links bei dradio.de:

Schlaraffenland für Irving-Fans
John Irving: "Letzte Nacht in Twisted River", Diogenes Verlag, Zürich 2010, 732 Seiten


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