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Lesart | Beitrag vom 22.07.2020

Bernhard Schlink: "Abschiedsfarben"Auf der Schwelle zum Alter

Von Ursula März

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Das Buchcover "Abschiedsfarben" von Bernhard Schlink ist vor einem grafischen Hintergrund zu sehen. (Diogenes Verlag / Deutschlandradio)
Erzählband "Abschiedsfarben": Ein unangestrengtes und menschennahes Alterswerk von Bernhard Schlink, urteilt Ursula März. (Diogenes Verlag / Deutschlandradio)

Bernhard Schlinks literarisches Urthema klingt bereits im Titel "Abschiedsfarben" an: die Konfrontation mit der Vergangenheit. In jeder der neun Erzählungen sehen sich die Protagonisten aufgefordert, Versäumnisse und Verfehlungen zu rekapitulieren.

Das Publikum liebt seine Bücher. Die Kritik ist gespalten und bemängelt bisweilen eine gewisse Holzschnitthaftigkeit der Figuren und die Wiederholung seines Herzensthemas: Vergangenheitsbewältigung. Tatsächlich umkreisen faste alle Romane des 76-jährigen Schriftstellers und emeritierten Juraprofessors Bernhard Schlink die deutsche Geschichte.

Sein Weltbestseller "Der Vorleser" aus dem Jahr 1995 bezieht sich auf die NS-Zeit, auch spätere Romane wie "das "Wochenende" und "Die Frau auf der Treppe" bewegen sich im Spannungsfeld moralischer und politischer Schuld, sie loten das dunkle Vermächtnis der RAF aus.

Mit Spannung aufgeladene Ambivalenz

Aber neben den Romanen hat Bernhard Schlink immer auch Erzählungen in kürzerer Form verfasst. Nun erscheint ein neuer Erzählband, er heißt "Abschiedsfarben" - und allein dieser Titel lässt erahnen, dass Bernhard Schlink seinem bewährten Erzählmuster treu bleibt.

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Irgendein Ereignis zwingt Menschen, sich mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren, mit Verfehlungen und Versäumnissen, die sich auf ihrem Lebenskonto angesammelt haben – schuldlos oder schuldhaft. In keiner der neun Geschichten lässt sich das eine klar vom anderen trennen. Und genau diese Ambivalenz lädt sie mit Spannung auf.

Frage nach schuldloser Schuld

In "Künstliche Intelligenz" rechtfertigt sich ein Mathematiker dafür, zu DDR-Zeiten den Fluchtplan seines Mitarbeiters und besten Freundes an die Staatssicherheit verraten zu haben. Ein Verrat war es, objektiv betrachtet, unbenommen.

Aber die Vereitelung der Flucht lenkte das Leben des Freundes in eine überaus glückliche Ehe, die ihm im Westen wohl nie beschieden gewesen wäre. Handelt es sich folglich weniger um Verrat als um einen Freundschaftsdienst?

In "Geschwistermusik" begegnet ein Musikwissenschaftler zufällig zwei Menschen, die seine Jugend entscheidend prägten, eine Tochter aus reichem Haus und ihr behinderter Bruder. Vor Jahrzehnten fühlte sich der Ich-Erzähler von ihnen instrumentalisiert, ja seelisch missbraucht. Er flüchtete nach Amerika, um ihrer vermeintlichen Intrige zu entkommen. Nun, als gealterter Mann, erfährt er ihre Version. Und in dieser fällt ihm die Rolle des listigen Feiglings zu.

Zwei andere Geschichten streifen das Inzesttabu. Ohne es zu wollen oder überhaupt zu wissen, kommen die Protagonisten in Situationen, in denen sie Gefahr laufen, das Tabu zu brechen. Nicht zufällig sind diese Erzählungen besonders schillernd und literarisch gelungen. Sie sind der Zentralfrage von Schlinks Werk am nächsten, der Frage nach schuldloser Schuld. Sie ist der Kern klassischer Tragödien.

Klare und ruhig fließende Sprache

Eine Neigung zum Melodram besitzen alle Erzählungen, in denen Menschen auf der Schwelle zum Alter auf ihr Leben zurückblicken und ein Lebensresümee ziehen. Dabei gelingt es Bernhard Schlink, die Plots ins Philosophische zu vertiefen, ohne sie zu verrätseln und intellektuell zu verrenken.

Seine Prosa ist zugänglich für jeden Leser, geschrieben in einer klaren, ruhig fließenden Sprache, die stilistische Effekte nicht benötigt. Bernhard Schlinks neuer Erzählband "Abschiedsfarben" ist ein ebenso unangestrengtes wie menschennahes Alterswerk.

Bernhard Schlink, "Abschiedsfarben"
Diogenes Verlag, Zürich 2020
240 Seiten, 24 Euro

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