"This morning, Jimmy Kimmel is off the air …"
Keine vier Monate ist es her, dass der amerikanische Fernsehsender ABC die Show des Komikers Jimmy Kimmel vorübergehend suspendierte. Der hatte den Republikanern vorgeworfen, die Ermordung des rechten Aktivisten Charlie Kirk für Propaganda auszuschlachten.
"… the shooting of conservative activist Charlie Kirk, accusing Republicans of reaching new lows."
Es blieb nicht bei Kimmel. Menschen, die die Tat vermeintlich oder tatsächlich rechtfertigten, wurden an den medialen Pranger gestellt, manche verloren ihren Arbeitsplatz.
Der Historiker Bernd Greiner hat jetzt ein Buch über die lange Tradition von Gift, Hass und Unerbittlichkeit in der US-Gesellschaft geschrieben. „Weißglut“ sei keine Studie über Trump, betont der Autor; vielmehr handele sie von der Geschichte dieser Gegenwart.
Gut gegen Böse als politisches Schema
Der Autor zeichnet das düstere Bild eines Landes, dessen politisches Denken sich in ständiger Feindstellung vollzieht: Gut gegen Böse. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Die Kernthese: Treiber und Vollstrecker des amerikanischen Furors sind nicht in erster Linie Politiker oder Parteien, sondern normale Bürger – die „extreme Mitte“, sagt Greiner:
"Das sind Freiberufler, das sind Lehrer, das sind Geistliche, das sind Journalisten, das sind Intellektuelle, Wissenschaftler, also all diejenigen, die gemeinhin als das bürgerliche Rückgrat einer Gesellschaft bezeichnet werden."
Bernd Greiner: "Weißglut. Die inneren Kriege der USA"
Greiner, einst Absolvent der linken Marburger Schule, sieht die Ursprünge der gesellschaftsimmanenten Gewalt im sogenannten „Gilded Age“, dem Zeitalter des enthemmten amerikanischen Kapitalismus im ausgehenden 19. Jahrhundert. Damals wurde die aufkeimende Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung konsequent niedergeschlagen.
"Heute regen wir uns auf, zu Recht regen wir uns auf, wenn Trump die Nationalgarde nach Portland, nach Chicago schickt. Die Nationalgarde wurde zwischen 1890 und 1910 ungefähr hundert Mal gegen streikende Arbeiter eingesetzt. Nicht gegen Arbeiter, die den Sozialismus in USA einführen wollten, sondern gegen Arbeiter, die um halbwegs vernünftige Arbeitsbedingungen kämpften und einen anständigen Lohn haben wollten."
Bernd Greiner: "Weißglut. Die inneren Kriege der USA"
Zu jener Zeit organisierten sich außerdem Bürger in privaten Spitzel- und Wachtruppen. Die größte war die „American Protective League“, die während des I. Weltkriegs – als willige Handlanger des Justizministeriums – die Sicherung der Heimatfront auf ihre Fahnen schrieb.
Ins Visier gerieten vor allem Sozialisten, Gewerkschaftler, Pazifisten und Einwanderer aus Feindnationen, vornehmlich Deutsche. Prügeln, Teeren und Federn gehörten zu den gängigen Methoden, mit denen Angehörige der American Protective League und ihre Sympathisanten potenzielle Systemabweichler einschüchterten. Greiner schreibt:
Ihre Mitglieder sahen sich als Fußsoldaten des Guten und Retter eines von Feinden umzingelten Gemeinwesens. Die meisten waren im späten 19. Jahrhundert politisch sozialisiert worden, in den Jahren eines religiös aufgeladenen Patriotismus, verwoben mit Fremdenfeindlichkeit und militärischen Männlichkeitsbildern.
Bernd Greiner: "Weißglut. Die inneren Kriege der USA"
Nach dem I. Weltkrieg und bis in den Kalten Krieg übernahm der Veteranenverband „American Legion“ die Rolle des wichtigsten zivilgesellschaftlichen Akteurs im Kampf gegen die inneren Feinde Amerikas.
Latenter Rassismus war stets mit dabei
Ein latenter Rassismus, betont der Autor, vermischte sich stets mit den Feindbildnarrativen von Linken, Einwanderern und angeblichen Sozialschmarotzern. Während der Bürgerrechtskämpfe in den 1960er-Jahren wurde der Unterton zum Leitmotiv, schreibt Greiner.
Bei vielen Konservativen triggerte die progressive Bewegung Angst – vor einer Verschiebung des politischen und gesellschaftlichen Kräftefeldes und einer Marginalisierung weißer Amerikaner. In diesem Klima formierte sich seit den 1970er-Jahren die religiöse Rechte, eifernde Gotteskrieger im Kampf gegen Liberalismus und Säkularismus.
Jahrzehnte später befeuerte die Wahl von Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten der USA den Aufstieg der Tea Party. Deren Gedankengut wurde zum „Urschleim“ von Trumps MAGA-Bewegung, schreibt Greiner.
Nicht zuletzt reanimierte die Tea Party eine fast vergessene Parole von Ronald Reagan: „Make America Great Again“. Was sie von Reagan unterschied, war ihre geifernde Aggressivität; der Optimismus des „großen Kommunikators“ wich dem finsteren Blick von Käfigkämpfern.
Bernd Greiner: "Weißglut. Die inneren Kriege der USA"
Greiners Buch ist ein Sittengemälde im historischen Längsschnitt; es zieht eine Kontinuitätslinie von den Vigilanten des 19. Jahrhunderts bis zu den rechten Milizen, die am 6. Januar 2021 das Kapitol stürmten.
Dank eifriger Hilfstruppen aus der Mitte der Gesellschaft und einer immer blutleereren Demokratischen Partei gelang es rechten Populisten, die Klassenkämpfe der frühen Jahre zunehmend in Kulturkriege umzubiegen, schreibt Greiner:
Mit Beschwerden über den Zustand der Kultur ließen sich höhere Erträge einfahren als mit einer Debatte über ökonomische Missstände. Werteverfall wog schwerer als der Verlust von Arbeitsplätzen und der Bankrott von Farmen. Wirtschaftliches galt als politikferner Bereich, wo entweder die Kräfte der Natur oder Gottes Wille herrschen.
Bernd Greiner: "Weißglut. Die inneren Kriege der USA"
„Weißglut“: Greiner hat eine kraftvolle, klar komponierte und griffig geschriebene Analyse über die Wurzeln des Hasses in der amerikanischen Gesellschaft vorgelegt. Das Buch ist eine Pflichtlektüre für jeden, der tiefere Antworten auf die Frage sucht, was Trump und den Trumpismus möglich machte.