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Die Reportage | Beitrag vom 29.07.2018

Berliner WohnungsmarktUnser Haus vor dem Ausverkauf

Von Sarah Stern

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Teilnehmer einer Demonstration gegen Mietenwahnsinn und Verdrängung am 14.04.2018 in Berlin tragen ein Transparent mit der Aufschrift "Uns gehört die Stadt!".  (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)
Demo in Berlin: Auch Durchschnittsverdiener kämpfen gegen die Verdrängung. (picture alliance / dpa / Wolfram Steinberg)

Vor zweieinhalb Jahren wurde das Haus, in dem die Autorin lebt, verkauft. Seither herrscht Psychoterror - und die Bewohner der eigentlich einfachen "Mietskaserne" im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg bangen um ihr Zuhause.

"Wir gehen doch morgen zur Demonstration gegen wahnsinnig hohe Mieten und dagegen, dass die Leute verdrängt werden aus ihren alten Wohnungen und da machen wir ja Krach und brauchen auch Schilder..."
"Ich nehme das!"
"Weißt du, was da draufsteht? 'Wir sind diese Stadt' - wir, die Menschen, die da leben in dieser Stadt."

Mein Sohn ist 6 Jahre alt und wappnet sich für seine erste Demo. Denn es geht um unsere Wohnung und sein Kinderzimmer.

Plakate "Wir sind die Stadt" (Sarah Stern)Demoplakate gegen Mietwucher: Die Betroffenen gehen auf die Straße. (Sarah Stern)

David lebt seit seiner Geburt in unserer Wohnung, geht um die Ecke in die Kita und demnächst in die Schule, hier hat er seine Freunde, seinen Sportverein, seinen Lieblingsspielplatz.

"Aber wir ziehen hier nicht aus."
"Willst du nicht. Warum willst du nicht hier ausziehen? "
"Weil ich einfach nicht will."
"Was gefällt dir denn hier besonders gut?"
"Alles."

Ein Brief verändert alles

Unser Haus ist eine einfache Mietskaserne in Berlin-Prenzlauer Berg. Zwei Aufgänge, 20 Parteien aus Ost und West. Familien, Paare, Singles und ein Rentner. Wir fühlen uns hier zu Hause, geborgen, wir leben gerne hier. Zumindest bis Anfang 2016.

Im Briefkasten liegt ein Schreiben von der Hausverwaltung.

"Hier entstehen exklusive Eigentumswohnungen" steht auf einem Werbebanner im Bezirk Mitte in Berlin. (dpa / Wolfram Steinberg )Exklusive Eigentumswohnungen - der Renner auf dem Berliner Immobilienmarkt. (dpa / Wolfram Steinberg )

Betreff: Ankündigung Bestandsaufmaß. Unsere Wohnungen sollen ausgemessen werden, Bauzeichnungen angefertigt und Pläne gemacht werden. Wir Mieter fragen uns, was das zu bedeuten hat. Meine Nachbarin aus dem Nebenaufgang fängt als Erste an zu recherchieren.

"Da hab ich dann unser Haus gefunden bei diesem Immobilienbüro, und ich muss ehrlich sagen, ich war so geschockt, ich hab gedacht, ich sehe nicht richtig, weil es war ja unser Hinterhof und alles fotografiert. Ich hab’s erst mal einen ganzen Tag für mich behalten."

Plötzlich taucht unser Haus im Portfolio einer internationalen Immobilienfirma auf. Die scheint unser Haus gekauft zu haben.

"Die sind richtig im Geschäft, das wird mir jetzt durch die Webseite noch mal richtig klar, das sind ja 20 Häuser, die sie einfach mal weiterverkauft haben."

"Sie werben mit kreativen Menschen wie uns"

Bisher war ein Mann um die 60 der Besitzer. Er hat das Haus geerbt und hat in all den Jahren nur das Nötigste investiert. Uns hat das nicht gestört, denn so blieben unsere Mieten bezahlbar. Vieles an unseren Wohnungen haben wir selbst gemacht: Wände verputzt. Türen und Böden abgeschliffen. Manche haben vor Jahren sogar die Badezimmer gefliest und die alten Ofenheizungen rausgerissen, um Heizkörper einzubauen.

"Bei uns steht: Jahrhundertwendezinshaus, Prenzlauer Berg, 1300qm."

Von einem kreativen Kiez ist da die Rede, der in unserer Wohngegend noch Ecken und Kanten hat und Freiräume für individuelle Lebenswelten bietet. Sie werben mit Menschen wie uns für einen Prenzlauer Berg, den es so nicht mehr gibt. Nicht nur wegen Zugezogenen wie mir, auch wegen solchen Immobilienfirmen und Käufern aus ganz Deutschland, China, den USA, Dänemark. Alle wollen ihr Geld hier anlegen: Privatpersonen, Immobilienfonds, Versicherungen und Pensionskassen. Betongold heißt die neue Währung.

Teilansicht der Kulturbrauerei in Berlin-Prenzlauer Berg (picture alliance / ZB)Angesagt und ziemlich teuer: das sanierte Quartier rund um die Kulturbrauerei in Berlin-Prenzlauer Berg (picture alliance / ZB)

Meine Nachbarin ruft bei der Hausverwaltung an, will wissen ob es tatsächlich einen neuen Eigentümer gibt.

"Die Hausverwaltung ist sofort darauf eingestiegen und hat gesagt, ja, Sie haben recht, Sie kriegen morgen das schriftlich in der Post. Und das war so ein richtiger Anfangsschock."

Die Hausbewohner treffen sich, der Älteste ist 83

Zwei Tage später liegt die schriftliche Bestätigung über den Eigentümerwechsel im Briefkasten. Mit dabei: eine Mieterhöhung über 15 Prozent. Trotzdem mache ich mir noch nicht allzu große Sorgen. Mieter sind in Deutschland ja gut geschützt, denke ich.   

Meine Nachbarn halten es allerdings für sinnvoll sich zusammenzusetzen und organisieren ein Treffen für die Hausbewohner. Hanna ist heute Gastgeberin. Mit dabei auch mein direkter Nachbar Franz, mit seinen 83 Jahren ist er der älteste Mieter.

"Wo wohnt ihr denn in welcher Etage? "
"Direkt hier drunter."

Die Nachbarn aus dem Nebenaufgang habe ich zum größten Teil in den 13 Jahren, in denen ich hier lebe, noch nie gesehen. Vielleicht habe ich sie auch einfach nicht wahrgenommen. Die Anonymität der Großstadt hatte bisher mehr Vorteile als Nachteile für mich.

Jetzt sitze ich mit Menschen, die ich bisher kaum kannte, im Kreis und wir sprechen über ganz Persönliches: unseren Wohnraum und unsere Ängste.

"Das ist halt komisch, dass da so eine Immobilienfirma kommt, das Haus kauft, ohne dass sie sich mal angeguckt haben, was sie kaufen. Die Firma an sich war doch nie da, die hat sich vielleicht das Haus von außen angeguckt, aber weiß natürlich nicht, in welchem Zustand hier alles ist."
"Das sind ja Projektentwickler. Das ist die Lage."
"Das können auch einfach Spekulanten sein, dass die das jetzt kaufen, eine Weile halten - und dann gucken." 

Tom ist in Berlin geboren und aufgewachsen und hat hier Kunst studiert. In unserem Haus wohnt er seit 1996, ich kam 2003 dazu und wohne jetzt mit meiner Familie hier.

"Man darf nicht vergessen, die haben das schon zehn Mal gemacht, die sind erfahren, wir machen das zum ersten Mal durch."
"Wir wohnen hier ja alle schon ein bisschen länger, wir haben ja bezahlbare Mieten. Und wenn jetzt solche Brutalsanierer kommen, haben wir eigentlich keine Chance. "
"Darum geht’s eigentlich. Wie wir uns da wehren."

Am Ende des Treffens beschließen die meisten von uns sich im Mieterverein anzumelden, um auf alles vorbereit zu sein.

"Bezahlbare Mieten" steht auf einem Wandbild nahe dem Kottbusser Tor in Berlin im Bezirk Kreuzberg. (dpa / Wolfram Steinberg)Bezahlbare Mieten - das Topthema an den Küchentischen der Großstädter (dpa / Wolfram Steinberg)

Kapital sucht Anlagemöglichkeit - überall wird gebaut

Ich gehe nun mit geschärftem Blick durch meine Gegend: Schaue, wo saniert wird, wo Dachgeschosse ausgebaut und Baulücken gefüllt werden. Überall stehen Kräne, Gerüste, Schilder, die Eigentumswohnungen versprechen. Kapital sucht Anlagemöglichkeit – ohne Rücksicht auf Verluste. Wer sich die schick sanierte Wohnung nicht mehr leisten kann, ist draußen. Wer kein Geld für eine Eigentumswohnung geerbt hat – Pech gehabt, denke ich.

Dann bleibe ich mit meinem Sohn, wie so oft, vor einer Baustelle stehen, direkt neben unserem Haus.

"Da sind Zementblöcke..."

Wir beobachten seit Wochen, wie das Haus wächst und wächst.

"Kannst du auf dem Bild erkennen, welche Farbe das Haus bekommen soll?"

Um uns herum stehen bereits überall Neubauten. Einer überragt alle anderen Häuser auf der Straße und ist mit seinen Kuben und Aussparungen so imposant, dass regelmäßig Leute davor stehenbleiben, um Fotos zu machen. Mit den teuren Häusern und Eigentumswohnungen verändert sich auch die Bevölkerungsstruktur in unserem Viertel.  

"Ich fand die Mischung hier total gut, ob das Künstler waren oder die, die ein bisschen mehr Geld hatten, Ärzte oder Mittelstand oder eben auch arme Leute, das war für mich eine gute Mischung."

Hanna wohnt im Nebenaufgang und kümmert sich um unseren Hinterhof, pflanzt dort je nach Jahreszeit Blumen, mäht den Rasen, stellt Kübel mit Rhododendronbüschen auf. Tom sagt:

"Ich bin nicht gegen Veränderung, ich bin auch nicht gegen Leute, die hierherziehen. Aber dass andere Leute, die schon da sind, dafür ausziehen müssen, in alle Winde verstreut werden, oder an den Stadtrand gedrängt werden, das ist kein gutes Modell."

Realitätscheck beim Mieterverein

Ich bin inzwischen, wie alle im Haus, Mitglied im Mieterverein. Ich erkläre dem Anwalt die Ausgangssituation, dass es einen Eigentümerwechsel gab, eine Mieterhöhung angekündigt wurde, Aufmaß genommen werden soll.

Filiale des Berliner Mietervereins in der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg (imago / Seeliger)Filiale des Berliner Mietervereins in Prenzlauer Berg (imago / Seeliger)

Er sagt: "Sie müssen damit rechnen, dass der Mensch, der das Haus gekauft hat, dafür sehr viel Geld ausgegeben hat. Und zur Zeit ist das regelmäßig mehr Geld,  als man aus den Mietern rausziehen kann, die da schon wohnen. Sie müssen davon ausgehen, dass ein Interesse besteht auf Vermieterseite, dass Sie die Wohnung über kurz oder lang verlassen, möglichst kurzfristig und da ist einfach Vorsicht geboten."

Ich frage: "Das heißt solche Maßnahmen, wie Mieterhöhung und mehrere Schreiben, die jetzt kommen, manchmal gibt es dafür gar keine rechtliche Grundlage, sondern es gehört einfach zur Strategie dazu, die Leute immer wieder zu behelligen."

"Das ist eine immer wieder erfolgreiche Strategie, ja. Das mag nicht für alle Vermieter gelten, aber Sie müssen damit rechnen, dass man rauszufinden versucht, wo Ihre wunden Punkte sind, wo Sie verletzlich sind und genau da wird man ansetzen, jedenfalls ist das, was ich hier erlebe, die Leute kommen mit ihren Erfahrungen hierher."

Der Anwalt spricht davon, dass Eigentümer durch das Aufmaß auch mehr über die Mieter erfahren wollen. Wer vielleicht sowieso eine größere Wohnung braucht, weil er Nachwuchs erwartet und wer sich schnell unter Druck setzen und provozieren lässt oder mit Stress nicht besonders gut umgehen kann.

Draußen auf der Straße, hole ich erst mal tief Luft. Jetzt sind wir also mittendrin. Das Kapital gegen uns – wir sind Festangestellte und Freiberufler, eine Psychologin, ein Biochemiker, ein Übersetzer, ein Rentner. Durchschnittsbürger. Nicht reich, aber auch nicht arm.

Graffiti an einer Hauswand: "Mieterhöhung, Modernisierung - was tun? 1. Nichts unterschreiben, 2. Mit Nachbarinnen reden, 3. Mieterberatung aufsuchen" (imago/stock&people/IPON)Mieter helfen Mietern: Handlungsanweisungen per Graffiti (imago/stock&people/IPON)

Als ich abends meinen Sohn ins Bett bringe, versuche ich mir nicht anmerken zu lassen, wie aufgewühlt ich bin. Ich spiele ihm ein Gutenachtlied vor, das auch mich beruhigen soll. Aber lange nachdem David eingeschlafen ist, liege ich noch wach und denke über unser Haus nach. Es macht mich wütend, dass ein paar Investoren auf der Suche nach Renditen unser Leben auf den Kopf stellen. Ich will mich nicht so schnell meinem Schicksal fügen und nehme mir vor, mich zu wehren.

Schock beim Grundbuchamt

Obwohl ich mit Job, Kind und Alltag ausgelastet bin, gehe ich mit meiner Nachbarin zum Grundbuchamt. Wir wollen mehr über die aktuellen Eigentumsverhältnisse und mögliche Pläne der neuen Besitzer herausfinden.

"Wenn ich im Computer hier weiterklicke, sehen Sie hier die Eigentumsverhältnisse per heutigem Tag."

Der Beamte bestätigt, dass die neuen Besitzer rechtmäßig als 100-prozentige Eigentümer eingetragen sind.

"Es kann jetzt durchaus passieren, dass die GmbH, was im Moment zeitgemäß quer durch die Stadt ununterbrochen passiert, aus den Mietwohnungen Eigentumswohnungen macht, indem man eine sogenannte Teilungserklärung verfassen lässt, so dass jede einzelne Wohnung eine einzelne Immobilie dann darstellt."

Der Verkauf einzelner Eigentumswohnungen verspricht höhere Renditen. Oft melden die neuen Besitzer dann Eigenbedarf an und versuchen, die bisherigen Mieter zum Auszug zu bewegen. Wir hätten als Mieter beim Verkauf der Wohnungen zwar ein gesetzliches Vorkaufsrecht, aber die Preise sind derart explodiert in den letzten Jahren, dass wir uns das nicht leisten könnten.

"Sie kriegen ja öfters solche Veränderungen mit."
"Das ist hier Tagesgeschäft und hier kollidiert das Recht der Mieter mit dem Grundrecht der freien Marktwirtschaft. Und dazwischen ist bestimmt großer Diskussionsbedarf. "

Der Markt ist gegen uns

Meine Nachbarin wendet ein, dass wir in einem sogenannten Milieuschutzgebiet wohnen, in dem die Bevölkerungsstruktur vor hohen Mieten und Luxussanierungen geschützt werden soll. Eine der Maßnahmen, die die Stadt Berlin zum Schutz der Mieter durchgesetzt hat.

"Wissen Sie, dieser ganze Milieuschutz, ich glaube nicht, dass das lange Bestand hat. Das ist nach meinem Empfinden rechtlich nicht haltbar. Wir haben freie Marktwirtschaft, das ist die Kehrseite. Stellen Sie sich mal vor, Sie haben Grund und Boden und mir bietet jemand 15 Euro Quadratmeterpreis zur Miete und ich darf nicht, dann sind wir in der alten Rechtsnatur, die wir nicht mehr haben wollten."

lange Schlange von wartenden im Treppenhaus (Deutschlandradio / Sarah Stern)Lange Schlangen: Wohnungssuchende in Berlin (Deutschlandradio / Sarah Stern)

"Der Markt" ist gegen uns: Jedes Jahr ziehen 40.000 Menschen nach Berlin, eine ganze Kleinstadt. Berlin wird immer voller und teurer und schon jetzt fehlen laut einer Studie rund 310.000 bezahlbare Wohnungen. Angebot und Nachfrage stehen in einem krassen Missverhältnis.

"Ich wünsche Ihnen beiden viel Glück in Ihrer neuen Gestaltung der Wohnräume, egal wo sie sein werden, ich glaube nicht, dass Sie auf Dauer weiterhin unter der Anschrift wohnen bleiben. "
"Aber ein bisschen Zeit haben wir vielleicht noch?"

Als wir das Grundbuchamt verlassen, sind wir völlig erschlagen.

"Also, am schlimmsten fand ich eigentlich, dass er gesagt hat, in einem Jahr werden sie eine andere Adresse haben, das finde ich vom Zeithorizont extrem schnell und das ist so eine Aussage, die muss man erst mal verkraften."
"Wir sollten uns überlegen, wie lange wir den Prozess mitmachen, wie viel Energie wir dafür einsetzen."

Unser Kampfgeist ist erstmal gedämpft. Als wir die neuen Informationen verdaut haben, setzen wir Mieter uns noch einmal zusammen.

Beim nächsten Mietertreffen fehlt Franz

Wir entscheiden uns einen Schlachtplan zu entwerfen, wollen uns mit betroffenen Nachbarn verbünden, Politiker treffen, einen Blog über unser Haus erstellen und dem neuen Eigentümer einen Brief schreiben.

Mein 83jähriger Nachbar ist nicht mehr bei unseren Treffen dabei. Er hat sich entschlossen auszuziehen.

"Ich wusste das nicht. Warum ziehst du denn aus?"
"Die Holding hat das gekauft, also hat sich das erledigt für uns. Also geh ich doch lieber freiwillig. Dann habe ich weniger Sorgen. Warum soll ich mir mit 83 noch diese Huddelei, diesen Stress antun. Bringt ja nichts."
"Aber ich meine, das fängt doch jetzt gerade erst an."
"Ick schaff das doch nicht mehr, ich hab ja nun schon zwei Herzinfarkte gehabt."

Die vielen Informationen, die komplizierte Sachlage, die Unsicherheit über das, was kommen wird, das alles wächst meinem Nachbarn über den Kopf. Franz wird zu seiner Freundin in einen anderen Stadtbezirk ziehen. Dabei wäre er gerne im Prenzlauer Berg und in seiner Wohnung geblieben:

"Det is mein Kiez, hier bin ick geboren, hier bin ick groß geworden, hier möchte ick sterben. Det is nicht nur Heimat, det is mehr, da ist alles dran, mein ganzes Leben."

Franz hat auch seine Ausbildung zum Ofensetzer und Fliesenleger hier gemacht, den Krieg hier erlebt und seine drei Kinder im Kiez großgezogen, später die Wende hier erlebt und alles was danach kam.

Touristen und Einheimische pilgern im Sommer in den Prater, einem Biergarten in der Kastanienallee im Prenzlauer Berg (picture alliance / dpa / Manfred Krause)Prenzlauer Berg heute: Touristen und Einheimische pilgern im Sommer in den Prater-Biergarten. (picture alliance / dpa / Manfred Krause)

Jetzt sortiert er, was er in den Jahren gesammelt hat. Kleine Porzellanpüppchen, Vasen und andere Mitbringsel von seinen Reisen, alte Postkarten, Häkeldeckchen, Schallplatten, Fotos.

"Mir steigt alles übern Kopf, hier ist eine Welt zusammengebrochen."

Uns Nachbarn ärgert es, dass die neuen Eigentümer es schaffen, den ersten Mieter so schnell zu verscheuchen und, wie so oft, ein älterer Bewohner das erste Opfer ist. Und das, obwohl der Prenzlauer Berg seit Jahrzehnten sein Zuhause ist.

"Das Problem ist, dass eine Politik betrieben wird, die die Einwohner nicht schützt, sondern den Kapitalinteressen von allen Leuten auf der Welt Spielraum bietet."
"Also der Markt ist das Zentrum des politischen Denkens und Handelns, es müsste genau umgekehrt sein, ja: Der Markt müsste dem Menschen dienen und nicht umgekehrt."

Tom ärgert sich, dass es keine klaren Gesetze gibt, die allen ein Grundrecht auf Wohnen garantieren und Spekulation mit Wohnraum verbieten.

Zwei junge Leute messen die Wohnung aus

Dann ist es so weit, bei uns wird das lange angekündigte Aufmaß genommen. Zwei junge Leute um die 30 betreten meine Wohnung. Sie stellen sich nicht vor, geben nur ein kurzes Hallo von sich, fragen nicht, ob sie sich umschauen dürfen. Sie gehen von einem Zimmer zum nächsten, fertigen Skizzen an, messen die Größe der Räume und die Dicke der Wände aus, machen sich Notizen über die Fenster, den Balkon, alles. Zwischendurch kommentieren sie meine Einrichtung. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl nichts mehr ausrichten zu können, nicht mehr Herr über mein Zuhause zu sein. Ich treffe Karla im Hausflur, auch bei ihr wurde heute ausgemessen.

"Ich fand das sehr anstrengend für mich persönlich. Wir hatten auch alles so weggeräumt, als ob schon jemand kommt, der die Wohnung besichtigt und die Wohnung verkauft wird. Wir hatten persönliche Sachen weggesteckt, Bilder umgedreht, obwohl wir nichts zu verbergen haben. Aber man hat das Gefühl, es kommt das erste Mal jemand nach 18 Jahren, die wir hier in der Wohnung leben, rein, den wir nicht selber eingeladen haben."

Im Frühling 2017 ist das neue Haus, das neben uns gebaut wird, fast fertig.

"Du hast gesagt, du wolltest mal gucken, wie hoch das Haus jetzt ist."
"Das sind ein, zwei drei, vier, fünf Stockwerke."

Mein Sohn bewundert das Haus mit den großen Fenstern, den ausladenden Balkonen und der weitläufigen Dachterrasse. Eine Woche später sagt David, er möchte, wie unser Nachbar, auch umziehen. In den Neubau nebenan.

"Sag mir mal, was dir daran besser gefällt als an unserem Haus. "
"Dass da sind keine Risse sind."
"Wo sind denn bei uns Risse?"
"Da wo die Treppen sind".
"Das ist halt ein altes Haus hier, da passiert das manchmal."

Mein Sohn möchte also in der gleichen Straße wohnen bleiben, aber in den schicken Neubau ziehen. Als Familie könnten wir mehr Platz zwar gut gebrauchen, aber zu welchem Preis? Ich frage mich, warum wir uns nicht früher Gedanken über eine größere Wohnung gemacht haben, als die Mieten noch bezahlbar waren.

"Kann ich so weiterleben wie bisher?"

Auch meine Nachbarin Karla, die freiberuflich Ausstellungen organisiert, hinterfragt ihre Entscheidungen.  

"Da hat sich bei mir etwas in Gang gesetzt, dass ich nicht nur meine Wohnungssituation, sondern meine ganze berufliche Situation, also meine Freiberuflichkeit und überhaupt meine gesamte Lebensplanung ein bisschen in Frage gestellt hab. Wir haben ja noch eine verhältnismäßig günstige Miete hier, kann ich so weiterleben?"

Karla überlegt sich mit 47 Jahren um feste Jobs zu bewerben, obwohl sie seit Jahrzehnten Freiberuflerin ist und von ihrer Arbeit gut leben kann. Aber es ärgert sie auch, dass unser Haus jetzt so viel Raum in ihrem Leben einnimmt. Und alle ständig über Mieten, Eigentum und den Wohnungsmarkt sprechen.

"Ich finde das eine komische Entwicklung, wenn im Bekanntenkreis so viel mehr über die Wohnsituation gesprochen wird, als über andere Dinge auf der Welt. Und das hat Berlin ja gerade ausgemacht, dass man nicht so viel darüber geredet hat, wie man seine Miete bezahlt und wie man ans nächste Eigentum kommt: Also es geht eigentlich um Verteilung."

Mit einer Verdunklungsation protestieren Gewerbetreibende des Kreuzberger Oranienkiez gegen Gentrifizierung. (imago )Mit einer Verdunklungsation protestieren Gewerbetreibende des Kreuzberger Oranienkiez gegen Gentrifizierung. (imago )

Mein Nachbar, der Rentner Franz, nimmt endgültig Abschied.

"Also denn, auf die sehr schöne Nachbarschaft! Jetzt bin ich ja leider auf der Flucht, als Erster, mal sehen, wer dann kommt.

Franz nimmt Abschied

Wir Nachbarn treffen uns noch einmal in seiner fast leeren Wohnung und stoßen auf Vergangenheit und Zukunft an.

"Ich habe jetzt mal überlegt, 83 Jahre Prenzlauer Berg, mein Sohn würde sagen, Wahnsinn. Wir haben als Erinnerung an Ihre Zeit im Prenzlauer Berg, haben wir ein kleines Buch für Sie, ein Fotobuch, das sind Fotos, die vor der Wende gemacht worden sind, also Berlin Ost, der Prenzlauer Berg, wie er schon lange nicht mehr ist, aber doch mal war. Wir wünschen Ihnen alles Gute."
"Recht herzlichen Dank! "

Nach und nach verabschieden wir uns von Franz.

"Du warst mir ein guter Nachbar!"

Nach Franz ziehen in den nächsten Monaten noch fünf weitere Parteien aus. Die Wohnungen werden nicht wieder vermietet. Eigentlich hatten wir uns noch so viel vorgenommen, aber nun ist es ruhig geworden in unserem Haus. Vom neuen Eigentümer haben wir länger nichts gehört. Zuletzt ging es um die Mieterhöhungen. Einige Hausbewohner haben sie abgelehnt und sind vors Gericht zitiert worden. Tom zum Beispiel:

"Ich war das erste Mal in meinem Leben vor Gericht wegen einer Mieterhöhung, die jeder Grundlage entbehrte, wo klar war von Anfang an, dass ich das gewinne, aber darauf kam es ja nicht an. Das war so ein Softterror, es ging darum, dass man schon mal Druck bekommt."

Auch von Abfindungen ist die Rede, davon, dass das Dach ausgebaut wird und es dann laut und unangenehm werden könnte.

Die Hausgemeinschaft wächst zusammen

Wir, die in unserem Haus wohnen geblieben sind, wachsen jetzt immer mehr zusammen. Hanna passt neuerdings auch auf meinen Sohn auf. David findet es lustig, wie sie spricht. Leute, die "berlinern", hört er in unserer Nachbarschaft nur noch selten.

Hanna hat ihm beigebracht, wie er im Kampf den Gegner überwältigen kann. David, knapp 1,20 groß, sitzt auf Hanna, drückt ihre Arme über dem Kopf zu Boden und macht dabei ein zähnefletschendes Gesicht.

Als der Neubau nebenan im Herbst 2017 fertig wird, bewerben auch wir uns für eine Wohnung, gehen aber leer aus. Vielleicht besser so. Jetzt, wo unser Haus so eng zusammengewachsen ist, fühlen wir uns noch wohler als vorher und wollen gar nicht mehr ausziehen.

Anfang 2018 laufen plötzlich ständig Leute durch unser Haus, gehen von einer Etage zur nächsten, schauen sich die leeren Wohnungen an. Betrachten die Fassade von außen und machen Fotos. Mal sind es Anzugträger, mal unauffällig gekleidete Menschen. Wenn wir es mitbekommen, informieren wir uns gegenseitig. Wir wissen nicht, ob es Käufer sind oder Experten, die die Wohnungen modernisieren sollen. Die Firma, die unser Haus gekauft hat, schweigt. Wir Nachbarn hingegen reden.

"Im Moment ist so die Ruhe vor dem Sturm, man hat die ganze Zeit so ein Gefühl, da passiert gleich etwas, jetzt knallt das so richtig und das ist natürlich eine unglaubliche Stresssituation."
"Im Wohnbereich, was ja auch Heimat für alle bedeutet, da sollte man doch in Gemeinschaft, in Glück und Frieden leben und nicht immer darüber nachdenken, jetzt könnte da ein Brief kommen."
"Mit der Zeit merkt man, was das mit der Psyche so macht. Am Anfang war ich selber noch so total kämpferisch: Und das schaffen wir! Und das machen wir! Und ich lass mich hier nicht verdrängen! Aber es gibt auch Momente, wo man einfach nur denkt, ich schaff das nicht, das macht einen so mürbe."

Der Gang zum Briefkasten wird zur Mutprobe

Eigentlich leben wir bereits seit zwei Jahren in einem Wartezustand, wissen, dass etwas passieren wird, nur nicht wann oder was. Neuerdings wird auch wieder jeder Gang zum Briefkasten zur Mutprobe. Ich überlege, ob es sich überhaupt noch lohnt, die Wände in unserer Wohnung streichen zu lassen und für David ein Hochbett einzubauen.

Demo gegen hohe Mietpreise in der Innenstadt in Berlin (imago/stock&people/Christian Mang)Mieterdemo in Berlin: Tausende Menschen protestierten im April 2018 gegen die hohen Mieten und die Verdrängung. (imago/stock&people/Christian Mang)

Als im April 2018 am Potsdamer Platz eine Demo gegen Mietenwahnsinn und Verdrängung stattfindet, können wir endlich unsere Wut und unser Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins hinaus in die Welt tragen.

Aus unserem Haus sind fast alle dabei. Mittendrin David mit seinem Schild: "Wir sind diese Stadt", steht darauf. Auch Freunde und Nachbarn aus dem Kiez sind gekommen. Um uns herum: Durchschnittsbürger, Junge, Ältere, Wissenschaftler, Filmemacher, Lehrer, Normalverdiener mit ähnlichen Forderungen und Ängsten wie wir.

"Also ich zahle 50 Prozent meines Einkommens nur für die Miete, ich fühle mich auch nicht mehr sicher. Ich habe wirklich Angst, dass ich mir das nicht mehr leisten kann hier zu leben."
"Das stimmt irgendwie nicht mehr, das Verhältnis ist nicht mehr das richtige"

Als sich die Massen in Bewegung setzen, wird mir klar, wie viele Menschen betroffen sind. Vielleicht steht irgendwann tatsächlich der soziale Frieden auf dem Spiel. 25.000 Menschen gehen allein in Berlin auf die Straße.

Alle sind betroffen, auch der Durchschnittsverdiener

Jetzt, zwischen so vielen Menschen, wird spürbar, was wir im Prinzip schon wussten: Unser Haus ist eines von vielen Häusern. Es gehört uns und es gehört uns nicht. Der Mensch will wohnen und leben. Der Markt aber will Gewinne realisieren. Wie lange können wir unser Interesse gegen das eines profitorientierten Unternehmens durchsetzen?

Der Herr auf dem Grundbuchamt fällt mir ein: "Ich glaube nicht, dass Sie auf Dauer unter dieser Anschrift wohnen bleiben." Noch sind wir da.

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