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Im Gespräch | Beitrag vom 19.01.2021

Berliner Polizeisprecher Thilo Cablitz"Wenn wir wirklich ein Problem haben, ist eine Studie gut"

Moderation: Tim Wiese

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Polizeisprecher Thilo Cablitz in Uniform bei der Räumung des Hausprojekts "Liebig34" in Berlin-Friedrichshain (picture alliance / POP-EYE / Ben Kriemann)
"Auf den Dienststellen gab es schon an der einen oder anderen Stelle Ausgrenzung“, erzählt Thilo Cablitz. (picture alliance / POP-EYE / Ben Kriemann)

Er ist der erste nicht weiße Sprecher der Berliner Polizei. Thilo Cablitz mag seinen Job, steht voll und ganz hinter der Behörde, die er öffentlich vertritt und er hält gerade deshalb eine Studie zum Thema Rassismus bei der Polizei für sinnvoll.

Über eine Rassismus-Studie bei der Polizei wurde 2020 viel diskutiert. Innenminister Horst Seehofer lehnte ab, schließlich einigte sich die Regierung auf einen Kompromiss. Jetzt soll es eine Studie über "Schwierigkeiten und Frust im Alltag der Sicherheitsbeamten" geben, das Thema Rassismus werde auch eine Rolle spielen.

Thilo Cablitz findet eine solche Untersuchung sinnvoll: "Als Polizei Berlin standen wir der Studie auch immer offen gegenüber. Wir sagen, wir stehen mit beiden Füßen fest auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Und es gibt aber unser Gegenüber, das genau das extreme Gegenteil sagt: 'Nein, ihr seid alle deutlich rechtskonservativ und schlimmer.' Und wenn wir wirklich ein Problem haben, dann ist es doch gut, dass wir eine Studie durchgeführt haben, um diesen blinden Fleck zu erhellen. Auf der anderen Seite gehe ich aber stark davon aus, dass die Studie zugunsten der Polizei ausfallen wird."

Nichts kleinreden

Aktuell, so hatte es der Berliner Innensenator Andreas Geisel erklärt, gebe es bei der Polizei Berlin 47 Disziplinarverfahren wegen des Verdachts rechtsextremistischer oder rassistischer Äußerungen.

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Jeder Fall sei einer zu viel, sagt Thilo Cablitz, aber diese Zahl müsse man auch in Relation setzen. Denn bei der Berliner Polizei würden fast 27.000 Menschen arbeiten.

"Ich will das nicht kleinreden. Wir als Polizei Berlin sind auch wirklich hinterher, wir kommunizieren diese Fälle auch. Was uns gefühlt manchmal zum Nachteil gereicht wird. Eine Vielzahl der Fälle sind auch darauf ausgelegt, dass die Kolleginnen und Kollegen entlassen werden - also bei den Fällen, in denen wir feststellen, dass diese Gesinnung definitiv rechtsextrem ist."

Rassismus auf der Dienststelle 

Thilo Cablitz ist seit 2018 Sprecher der Berliner Polizei. Er habe aufgrund seiner Hautfarbe selbst rassistische Erfahrungen machen müssen, in seiner eigenen Behörde, erzählt er.

"Auf den Dienststellen gab es schon an der einen oder anderen Stelle Ausgrenzung, definitiv. Und dann gab es aber eben auch ganz klare Aussagen bis hin zu rassistischen Äußerungen. Und irgendwann war ich dann an einem Punkt, dass ich gesagt habe, bis hierhin und nicht weiter. Und ab diesem Zeitpunkt habe ich alle damit konfrontiert."

An Reaktionen, so erinnert sich Thilo Cablitz, habe er alles erfahren: von Entschuldigungen bis hin zu Unverständnis, in einen Fall auch komplette Ablehnung.

Was das sogenannte Racial Profiling angeht, also wenn die Polizei Menschen wegen ihrer Hautfarbe, Haarfarbe oder anderer äußerer Merkmale kontrolliert, auch das habe er erleben müssen. Zusammen mit einem Freund, "hellhäutig und mitteleuropäischer Phänotypus", erzählt Thilo Cablitz, sei er durch eine Fußgängerzone gelaufen.

"Es kamen uns Fußstreifen entgegen, die mich im besonderen Maße gemustert haben, gefolgt sind, et cetera." Der Freund dagegen, wäre für die Polizisten völlig uninteressant gewesen. Für Thilo Cablitz ist es daher wichtig, dass Polizistinnen und Polizisten sensibilisiert werden, schon während der Ausbildung, auch später in Fortbildungen.

"Das ist wirklich ein immens breites Spektrum, das wir bedienen", sagt er. "Wir haben ein Netzwerk für Vielfalt, Inklusion und Akzeptanz, das immer mal wieder gewisse Themen aufgreift und dazu dann größere Veranstaltungen anbietet, bei denen man sich fortbilden kann, über den Tellerrand hinausschauen kann."

"Ein buntes Potpourri an Familie"

Thilo Cablitz wird 1978 geboren, der Vater stammt aus dem Sudan, die Mutter ist Berlinerin.

Die Hautfarbe habe in seiner Kindheit nie eine Rolle gespielt. "Mein Vater war deutlich dunkler als ich. Einer meiner Onkel war Schwarz. Meine Mutter war blond und hellhäutig. Wir waren ein buntes Potpourri an Familie. Von daher gab es für mich diese Unterschiede gar nicht. Mit der Zeit musste ich das leider anders erfahren, dass ich vielleicht nicht anders wahrnehme, aber ich anders wahrgenommen werde."

Bis im Alter von sieben Jahren heißt Thilo Cablitz anders. Über seinen ersten Namen möchte er in der Öffentlichkeit nicht sprechen, nur so viel sagen: "Meine Mutter war damals der Auffassung, dass es in Deutschland hilfreich sein kann, wenn nicht sogar erforderlich, einen deutschen Namen zu tragen. Um dann tatsächlich beruflichen, schulischen oder wie auch immer gearteten Erfolg zu haben."

Die Namensänderung begleite ihn bis heute. "Das werde ich nie vergessen. Es ist Bestandteil meiner Identität."

Vom Schulabbrecher zum Polizeisprecher

Aus familiären Gründen, auch darüber möchte Thilo Cablitz nicht genauer sprechen, habe er die Schule vorzeitig mit schlechten Noten beenden müssen. Polizist werden, das sei schon damals sein "Wunschtraum" gewesen. Aber der Notendurchschnitt war zu schlecht. Also, so erinnert sich Thilo Cablitz, habe er über 170 Bewerbungen geschrieben und teilweise selbst ausgetragen, um das Porto zu sparen.

Schließlich findet Thilo Cablitz eine Stelle als technischer Zeichner, holt später sein Abitur nach. 2001 absolviert er ein Studium für den gehobenen Polizeidienst, arbeitet erst im Streifendienst, dann als Zivilfahnder und wird Abschnittsleiter. Seit zwei Jahren ist Thilo Cablitz nun Sprecher der Berliner Polizei.

Aber diese Frage muss noch geklärt werden: Woher kommt überhaupt sein "Wunschtraum" Polizei?

"Ich wollte anderen Menschen helfen, ihre Welt ein wenig besser machen", sagt er. "Da klingt vielleicht so ein bisschen der Idealismus durch, der für mich aber doch ganz entscheidend ist. Dann wollte ich andere vor Ungerechtigkeiten bewahren, die ich selber erlebt habe."

(ful)

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