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Fazit | Beitrag vom 25.02.2020

Berlinale: "One of These Days"Das Leid als Ware

Bastian Günther im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

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Mehrere Menschen in gelben T-Shirts stehen um einen Pick-up herum und berühren diesen. (Michael Kotschi/Flare Film)
"Hoffnungen, die sich nicht einlösen": Der Film "One of These Days" seziert den Kapitalismus. (Michael Kotschi/Flare Film)

Im Mittelpunkt von Bastian Günthers „One of These Days“ steht ein Gewinnspiel. Hauptgewinn: ein Pick-up-Truck. Der Regisseur zeigt mit dem Film, wie krank der Kapitalismus inzwischen ist: Armut und soziale Spaltung dienen dem Entertainment.

Bastian Günther dreht Dokumentationen, Kurz- und Spielfilme. Mit "One of These Days" ist er bei der Berlinale in der Sektion Panorama vertreten. Der Film nimmt uns mit in den Süden der USA, wo in einer kleinen Stadt der jährliche "Hands On"-Wettbewerb stattfindet.

Ein Autoverkäufer stiftet einen nagelneuen Geländewagen. 20 Teilnehmer werden ausgelost. Sie stehen rings um den Pick-up und müssen mindestens eine Hand unentwegt auf die Karosserie legen.

Sich anlehnen ist verboten, schlafen im Stehen auch. Pro Stunde gibt es fünf Minuten Pause, alle sechs Stunden 15 Minuten. Wer die Prozedur am längsten durchhält, gewinnt den Truck.

Die einen schwitzen, die anderen glotzen

Verkauft wird das tagelange Herumstehen bis zur kompletten Erschöpfung als großer Spaß - Zuschauer kommen in Scharen, eine Band spielt, es wird getanzt.

Filmstill aus "One of These Days": Ein Mann, eine Frau und ein Baby am Strand. (Michael Kotschi/Flare Film)Kyle träumt davon, mit seiner kleinen Familie im neu gewonnen Pick-up die USA zu erkunden. (Michael Kotschi/Flare Film)

Für Günther ist es hingegen ein Spiel mit "Hoffnungen, die sich nicht einlösen". Hoffnungen von Menschen wie Kyle, dem Protagonisten und jungen Familienvater, der sich kein Auto leisten kann und unbedingt einmal in seinem Leben etwas gewinnen will. Er sieht sich mit seiner kleinen Familie bereits im neu gewonnenen Geländewagen die USA erkunden.

Um Chancen spielen, die keine sind

Auch eine ältere Frau, die Kraft für das quälerische Spektakel aus der Bibel schöpft, und ein ehemaliger Soldat nehmen an dem Spiel um eine Chance auf Veränderung ihres Lebens teil.

Die Ausweglosigkeit, in der sich diese Menschen befinden, wird so zum Entertainment. Der Kampf um das Auto sei vergleichbar mit Reality-TV-Formaten, sagt Günther: Menschen, denen es wirtschaftlich besser geht, ergötzen sich am Leid anderer.

Kammerspiel auf einem Parkplatz

"Dieser Wettbewerb, der auf zwölf Quadratmetern spielt, reflektiert stark und ganz einfach unser System - und wie wir drauf sind und miteinander umgehen", so der Regisseur über seinen Film. Das "Kammerspiel auf einem Parkplatz" zeige eine Ausprägung des Kapitalismus in westlichen Gesellschaften: Das Leiden wird zur Ware, die soziale Spaltung dient dem Entertainment.

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