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Kompressor | Beitrag vom 09.06.2021

Berlinale-Film "18 Minuten Zivilcourage"Ein Fall wie "George Floyd" in Tübingen 1987

Rahim Shirmahd im Gespräch mit Massimo Maio

Weiße Umrisszeichnung eines Menschen auf Asphaltboden, darauf Blumen, (Rahim Shirmahd / Berlinale)
18 Minuten wurde der Asylsuchende Kiomars Javadi gewürgt und starb: Davon erzählt Rahim Shirmahd in seinem Dokumentarfilm. (Rahim Shirmahd / Berlinale)

In "18 Minuten Zivilcourage" erzählt Rahim Shirmahd die Geschichte des Asylsuchenden Kiomars Javadi, der 1987 in Tübingen zu Tode gewürgt wurde - vor 30 Augenzeugen. "Das ist die Doppelmoral in unserer weißen Welt", sagt der Filmemacher.

Der Dokumentarfilm "18 Minuten Zivilcourage" ist Teil des Berlinale-Programms "Fiktionsbescheinigung – 16 filmische Perspektiven auf Deutschland". Darin geht es um den Asylsuchenden Kiomars Javadi, der 1987 in Tübingen in einem Supermarkt des Diebstahls beschuldigt und anschließend von einem Angestellten 18 Minuten lang zu Tode gewürgt wird.

Ein Zeitdokument, das an US-amerikanische Fälle wie den des von weißen Polizisten 2020 erwürgten George Floyd erinnert – nur dass der Tod Javadis in Deutschland kaum wahrgenommen wurde.

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Der Filmemacher Rahim Shirmahd kannte Javadi. "Ich bin Experimentalfilmer gewesen, hatte immer eine Kamera dabei", erzählt der gebürtige Iraner. "Und als das geschah, fing ich einfach an, mit meiner Kamera die Situation zu dokumentieren. Und danach, als ich gesehen habe, wie die Presse darauf reagiert hat – ganz beschämend, völlig undeutsch, völlig undemokratisch, völlig unchristlich –, da habe ich gedacht: Schneiden wir das Material zusammen, ich mach noch ein paar Interviews dazu."

"Das ist eine Schande"

Die Oberstaatsanwaltschaft habe der Presse damals "in die Feder gelogen", dass der Asylbewerber den Einkaufwagen voll gemacht habe und durch die Hinterhoftür raus wollte, dass man ihn festgehalten und er dabei gestorben sei, sagt der Filmemacher.  

Die Wahrheit sei laut Augenzeugen aber anders gewesen, erzählt Shirmahd: Der Filialleiter sei Karatekämpfer gewesen und habe mit einem sogenannten Hebelgriff die Füße verdreht, während der Lehrling Javadi im Würgegriff gehalten hätte.

Der Festgehaltene habe mit den Füßen nicht an den Boden kommen können. "Die Obduktion hat gesagt: Er war schon nach zwei Minuten bewusstlos spätestens – und nach vier Minuten wäre er sowieso nicht gesund davon gekommen: irreversible Folgeschäden." Sie hätten ihn 18 Minuten lang gewürgt und etwa 30 Leute um das Geschehen herumgestanden.

"Das ist diese Doppelmoral in unserer Welt, in unserer weißen Welt", unterstreicht Shirmahd. "Die christlichen Werte werden nicht eingehalten. Die christlichen Werte werden von Rassisten ausgelegt, die werden zurechtgebogen. Und das ist natürlich ein Versagen in unserer Welt. Das ist eine Schande."

Das Urteil: 18 Monate auf Bewährung

Sein Blick auf Deutschland ist dennoch ein weitgehend positiv: "Ich kann nicht sagen, Deutsche sind Faschisten. Ich finde, die Deutschen sind durch die Hölle gegangen wegen des Nationalsozialismus – und sind heute viel erhabener als alle auf diese Welt, was Rassismus angeht", sagt Shirmahd. "Aber die alte faschistoide Clique, die an bestimmten Stellen in Deutschland immer noch sitzen, das ist noch immer das Problem."

Die Täter wurden zu 18 Monaten auf Bewährung wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. "Dieser Richter hatte vier Wochen zuvor einen jungen Türken, der Schmiere gestanden hatte, weil seine Clique eine Geldbombe entwenden wollte, für – was weiß ich – ein Jahr oder so zu Gefängnis verurteilt", erzählt Shirmahd. "Es ist mir egal, was für eine Strafe ausgesprochen wird, aber es soll ehrlich sein." Auch hier zeige sich wieder "diese unchristliche, peinliche Doppelmoral".

(lkn)

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