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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 07.02.2019

Berlinale-Chef Dieter Kosslick"Ich gehe glücklich, nicht frustriert"

Moderation: Axel Rahmlow

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Dieter Kosslick verlässt das Podium der Pressekonferenz und blickt freundlich in die Kamera, während er eine graue Berlinaletasche schultert. (imagoo/snapshot photography/F.Boillot)
"Das Publikum ist ja eigentlich die Berlinale", sagt Festivalleiter Dieter Kosslick. 2019 leitet er die Berliner Filmfestspiele zum letzten Mal. (imagoo/snapshot photography/F.Boillot)

Dieter Kosslick leitete mit der Berlinale 18 Jahre lang eines der größten Filmfestivals der Welt. In seinem letzten Jahrgang will er sich mit einem politischen Programm und vielen Stars selbst übertreffen. Und was macht er danach?

Einmal steht er noch als Hausherr auf dem roten Teppich und empfängt die Stars, die zu den Internationalen Filmfestspielen Berlin kommen: Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. Tausende von Händen hat er dort in den 18 Jahren, die er das Festival leitet, geschüttelt. Gar nicht so einfach, das "Who is who" der VIPs stets parat zu haben:

"Oft fallen mir die Namen nicht ein, aber das ist nicht spezifisch auf dem roten Teppich, vielen Leuten fallen Namen nicht ein. Ich kenne viele. Und ansonsten steht jemand hinter mir und hat ein Papier und sagt mir: 'Das ist auf jeden Fall der regierende Bürgermeister von Lissabon'."

Mehr als der rote Teppich

Nun also die letzte Berlinale unter der Regie von Dieter Kosslick. Ab 2020 wird dann der Italiener Carlo Chatrian das Festival künstlerisch leiten. Für seinen letzten Jahrgang hat sich Kosslick einiges vorgenommen:

"Nochmal zeigen, dass die Berlinale in den letzten 18 Jahren nicht nur das größte Publikumsfestival der Welt geworden ist, sondern dass wir uns auch nach wie vor in der Tradition befinden, wie die Berlinale 1951 gegründet worden ist: nämlich als ein Ort der Völkerverständigung und damit als politisches Filmfestival und nicht nur roter Teppich."

Bei seiner ersten Berlinale kam der Notarzt

Ein Festival zu organisieren, das künstlerischen wie politischen Anspruch hat und zudem das Publikum anzieht, war nicht immer leicht. Am Morgen nach der Eröffnung seiner ersten Berlinale 2002 musste der Notarzt kommen, um den völlig erschöpften Dieter Kosslick wieder auf die Beine zu stellen. Denn bei der Vorbereitung eines solchen Spektakels geht es bisweilen rustikal zu.

Dieter Kosslick und Tilda Swinton 2016 bei den Berliner Filmfestspielen (imago/Future Image/D. Bedrosian)Mit den Stars auf dem Roten Teppich, so kennt man Dieter Kosslick. Hier im Bild mit Tilda Swinton bei der Berlinale 2016. (imago/Future Image/D. Bedrosian)

"Da gibt es auch enorme Konflikte, da wird sehr viel gedroht: 'Ich ziehe meinen Film zurück, die Schauspielerin kommt nicht, der Star kommt nicht'. Und Sie sitzen natürlich da und sind hilflos, weil wir bezahlen ja diese Leute nicht, das bezahlen die anderen. Wir bezahlen das Hotel oder sowas, aber wir geben denen nicht 100.000 Dollar, damit sie über den roten Teppich laufen. Und da sind Sie enorm unter Druck."

"Die Berlinale musste so groß werden"

Unter Druck auch der Kritiker. Von denen manche Dieter Kosslick vorwerfen, unter seiner Leitung sei die Berlinale im Lauf der Jahre zu groß und unübersichtlich geworden. Kosslick kontert:

"Ich stehe dazu, dass die Berlinale so groß werden musste, damit sie überhaupt überlebt im Konkurrenzkampf. Und sie musste auch so groß werden, weil sie so viele Fans hat. Und ich wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn ich das Publikum abhalten würde, ins Kino zu gehen. Das ist eine Marketing-Veranstaltung für das Kino und nicht für eine Armbanduhr."

Entspannt in den Ruhestand

Ende Mai geht Dieter Kosslick in Rente. Und was macht er dann?

"Ich weiß es nicht, ich habe jetzt keinen Job im Auge. Ich bin dann 71, die Lebenserwartung ist im Moment bei 80. Ich habe jetzt also noch neun Jahre, wenn ich statistisch sterbe. Vielleicht sollte ich mal gucken, was mein Garten so macht, mein Kochbuch, mein Aquarell-Farbkasten, meine in der Zwischenzeit neue-alte Vintage-Gitarre, die ich habe. Es gibt da viel zu tun."

Das klingt nach beschaulichem Ruhestand. Von seinem 14-jährigen Sohn will Dieter Kosslick sich zeigen lassen, wie man das macht, entspannen und abhängen: "Ich glaube, das wird mir ganz gut tun, dass ich mal ein bisschen chille und nicht dran denken muss, dass mich in den nächsten drei Minuten ein Star anruft und sagt: 'Dieter, sorry, family issues, ich kann leider nicht zur Berlinale kommen'."

Dieter Kosslicks Fazit nach 18 Jahren an der Spitze der Berlinale: "Ich gehe wirklich glücklich. Ich gehe nicht frustriert vom Teppich."

(pag)

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