Berlinale-Bilanz 2026
İlker Çatak hat „Gelbe Briefe“ gedreht - und dafür die höchste Auszeichnung der Berlinale 2026 bekommen. © picture alliance / dpa / Annette Riedl
Preis für Film über Repression – und ein schwacher Wettbewerb

Die Preise der Berlinale sind vergeben: Der Film „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak wurde mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet, Schauspielerin Sandra Hüller gewinnt den Silbernen Bären. Das Filmfestival wurde auch von Debatten über den Gaza-Krieg geprägt.
Die Berlinale 2026 ist mit der Verleihung der Goldenen und Silbernen Bären zu Ende gegangen. Knapp zwei Dutzend Filme konkurrierten um die Preise des Berliner Festivals.
Großen Raum nahmen aber auch erneut politische Debatten ein, besonders über den Gaza-Krieg.
Der Goldene Bär
Der Hauptpreis der diesjährigen Berlinale, der Goldene Bär für den Besten Film, ging an den Film „Gelbe Briefe“ des deutschen Regisseurs İlker Çatak. In dem Film geht es um politische Repressionen und Berufsverbote in der Türkei. Am Beispiel einer Kleinfamilie beschäftigt sich der Film mit der Frage: Gibt man dem politischen Druck nach oder bleibt man seiner Haltung treu?
Die im Film verhandelten Probleme „werden auch unsere Probleme werden in den nächsten Jahren, wenn wir es nicht schaffen, unsere Demokratie zu schützen, unsere Judikative zu schützen, unsere Pressefreiheit zu schützen, unsere Wissenschaft zu schützen”, sagte İlker Çatak.
Der Regisseur will zeigen, dass das Thema universell ist - und dem Film gelingt es auch, das zu vermitteln. Als Zuschauer beginnt man sich zu fragen: Wie würde ich handeln? Auch wenn das Drehbuch Schwächen hat, da die moralischen Konflikte oft oberflächlich und vorhersehbar sind, ist der Film großartig gespielt und den Darstellern gelingt es, den Figuren eine große Tiefe und Wahrhaftigkeit zu geben.
Die Silbernen Bären
Den Silbernen Bären Großer Preis der Jury erhielt der Film „Kurtuluş“ des türkischen Regisseurs Emin Alper. Hier geht es um eine Clan-Fehde in einem abgelegenen Dorf, religiöse Überzeugungen und Machtkämpfe.
Weitere Preise:
- Silberner Bär Preis der Jury: „Queen at Sea” von Lance Hammer
- Silberner Bär für die Beste Regie: Grant Gee für „Everybody Digs Bill Evans“
- Silberner Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle: Sandra Hüller in „Rose“
- Silberner Bär für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle: Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay in „Queen at Sea“
- Silberner Bär für das Beste Drehbuch: Geneviève Dulude-de Celles für „Nina Roza“
- Silberner Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung: „Yo (Love is a Rebellious Bird)“ von Anna Fitch und Banker White
Bereits zum Auftakt des Festivals am 12. Februar 2026 war der Ehrenbär für das Lebenswerk an die malaysische Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Michelle Yeoh verliehen worden.
Wettbewerb als „Kessel Buntes“
Die Preise wurden im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz vergeben. Die siebenköpfige Internationale Jury leitete in diesem Jahr der deutsche Regisseur Wim Wenders („Paris, Texas“, „Perfect Days“). Insgesamt 22 Filme konkurrierten um den Goldenen Bären für den besten Film.
Die Bewertung des Festivals durch unsere Kritikerinnen und Kritiker fällt eher verhalten aus: ein „Kessel Buntes“ sei der diesjährige Wettbewerb gewesen, hieß es. Einige sahen nicht viel wirklich Überzeugendes. Und so manchem fehlte eine kuratorische Handschrift.
Auf dem Filmfestival waren insgesamt 276 Filme zu sehen. Die Berlinale ist das wichtigste Filmfestival in Deutschland und eines der bedeutendsten weltweit. 2026 fand die 76. Ausgabe statt. 2025 hatte der Film "Oslo-Stories: Träume" ("Droemmer") des norwegischen Filmemachers Dag Johan Haugerud den Goldenen Bären gewonnen.
Favoriten unserer Kritiker
Die Favoriten unserer Kritikerinnen und Kritiker gehörten teilweise nicht zu den Filmen, die eine Berlinale-Auszeichnung bekamen. Besonders überzeugt hat sie beispielsweise „Etwas ganz Besonderes“ von Eva Trobisch. Der Film dreht sich um eine junge Frau, eine Casting-Show und die Suche nach dem Ich.
Auch „The Loneliest Man in Town” von Tizza Covi und Rainer Frimmel kam gut an. Der Film erzählt sehr berührend von einem alten Blues-Musiker, von Verlust und radikalem Neuanfang.
Politische Debatten jenseits der Filme
Die mehr als 270 Filme hatten es nicht leicht, sich gegen politische Statements und eine Debatte um die Positionierung des Festivals zum Krieg in Gaza durchzusetzen. Auch auf der Preisgala war das Thema präsent.
Zuvor hatten rund 80 Filmschaffende der Berlinale in einem offenen Brief eine mangelnde Positionierung zum Gaza-Krieg vorgeworfen. Zu den Unterzeichnenden gehörten unter anderen die Schauspielerin Tilda Swinton, der Schauspieler Javier Bardem und die Fotokünstlerin Nan Goldin.
Im Brief heißt es, man sei entsetzt über das „institutionelle Schweigen der Berlinale zum Völkermord an den Palästinensern“. Das Schreiben wurde vom Branchenblatt ”Variety” veröffentlicht.
Eklats auch schon in früheren Jahren
Jurypräsident Wim Wenders hatte zuvor bei einer Pressekonferenz betont, Filmschaffende seien ein Gegenwicht zur Politik und sollten sich aus dieser heraushalten. Auch diese Aussage zog heftige Kritik auf sich. Unter anderem sagte die indische Schriftstellerin Arundhati Roy daraufhin ihre Teilnahme ab. Bereits bei der Berlinale 2024 war es zu einem Eklat gekommen. Damals waren bei der Eröffnung antiisraelische Äußerungen zu hören.
Der Schweizer Filmjournalist Luca Bruno betrachtet den politischen Streit als „alljährlichen Sturm im Wasserglas“, der aller Voraussicht nach keine größeren Konsequenzen haben werde. Scott Roxborough vom „Hollywood Reporter“ meint hingegen, die Debatten schadeten der Berlinale. Sie seien von den Filmen abgekoppelt und die Filmschaffenden überlegten sich, ob sie überhaupt kommen sollten, wenn die Gefahr bestehe, für Aussagen online gedemütigt zu werden.
Schleichender Bedeutungsverlust
Internationale Branchenmedien, Verleiher und Filmkritiker attestieren der Berlinale seit einigen Jahren einen schleichenden Bedeutungsverlust. Man kann diese Entwicklung aber auch anders lesen. In einer Zeit, in der Festivals immer stärker zu verlängerten Armen von Marketingabteilungen und Kampagnenstrategien werden, bewahrt sich die Berlinale eine gewisse Sperrigkeit. Sie bleibt ein Ort, an dem Filme als gesellschaftliche Kommentare verstanden werden.
Als Publikumsfestival besitzt Berlin eine Sichtbarkeit in der Stadt, die Cannes und Venedig in dieser Form nicht erreichen. Und als politisches Festival ist die Berlinale weiterhin ein Resonanzraum für Debatten, die jenseits roter Teppiche stattfinden.
Onlinetext: Annette Bräunlein























