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Lesart / Archiv | Beitrag vom 17.04.2019

Berlin-RomaneWarum Fontane ein Autor für die Gegenwart ist

Von Helmut Böttiger

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Eine Spielzeugfigur in der Kulturkirche Neuruppin stellt den Schriftsteller Theodor Fontane dar. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)
Theodor Fontane macht selbst als Playmobil-Männchen eine gute Figur. Er war unabhängig von den Denk- und Medienmoden seiner Zeit, findet Helmut Böttiger. (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)

Sind "Irrungen, Wirrungen" oder "Der Stechlin" etwa Romane von vorgestern? Von wegen! Helmut Böttiger findet, dass Theodor Fontanes scharfsinnige Gesellschaftsanalysen anschlussfähig an den heutigen Kulturdiskurs sind.

Theodor Fontane ist keineswegs verstaubt. Seine Berliner Romane, die er ungefähr zwischen 1875 und 1898 geschrieben hat, sind in ihrem gesellschaftspolitischen Scharfblick die ersten Zeugnisse einer belletristischen Prosa in Deutschland, die mit der damaligen europäischen Moderne vergleichbar sind. Und nicht nur das: Diese Romane sind nicht einfach an ihre Entstehungszeit gebunden. Sie bringen soziale Erscheinungsformen so auf den Punkt, dass sie von heute sein könnten.

Ging es damals um die "Gründerzeit" nach der Ausrufung eines Deutschen Kaiserreichs 1871, so kann man auch im gegenwärtigen Berlin Züge einer neuen Gründerzeit ausmachen. Sie begann 1989 und brachte mit der Wahl Berlins zur neuen Bundeshauptstadt soziokulturelle Strukturen mit sich, die denen ähneln, die Fontane damals mit sarkastischen, ironischen und zeitkritischen Beschreibungen charakterisierte. 

Aufstieg einer Berliner Ladengöre

"Frau Jenny Treibel" zum Beispiel ist durchaus anschlussfähig an einen heutigen Kulturdiskurs. "Jenny" sollte man übrigens englisch aussprechen: Im Haus des Kommerzienrats Treibel ist man nämlich äußerst stolz darauf, den älteren Sohn mit einer höheren Hamburger Kaufmannstochter verheiratet zu haben, in deren Familie man das Englische und Beziehungen nach England als sozialen Distinktionsgewinn verbucht. Frau Jenny Treibel ist als eine Berliner Ladengöre in unteren sozialen Schichten aufgewachsen und durch die Heirat mit dem erfolgreichen Fabrikanten Treibel auf ungeheure Weise aufgestiegen.

Widerspruch zwischen Besitz- und Bildungsbürgertum

Sie ist eine klassische Neureiche, ein Parvenü, mit allen dazugehörigen Ausprägungen. Der Sinn für das "Höhere", vor allem für die "Poesie" gehört unabdingbar dazu. Allerdings ist ihr Literaturverständnis demjenigen des vergleichsweise karg lebenden Gymnasialprofessors Willibald Schmidt genau entgegengesetzt: Er durchschaut ihr Literaturverständnis als bloße Sentimentalität, ihre Formen von Konversation und kulturellem Habitus als aufgesetzt und lügnerisch. Der Widerspruch zwischen Besitz- und Bildungsbürgertum ist hier auf exemplarische Weise gestaltet. Man kann lange darüber streiten, ob der Schluss resignativ ist oder doch eben nicht – wenn Corinna Schmidt, die ebenfalls aufsteigen will, letztlich einen armen Bildungsbürger heiratet.

Klassenschranken sind stärker als die Liebe

In "Irrungen, Wirrungen", einem frühen Fontane-Entwurf, stoßen ein Baron und eine kleine Arbeiterin aufeinander. Sie können aber nicht zusammenkommen, obwohl sie sich tatsächlich glaubhaft lieben. Die Klassenschranken, die gesellschaftlichen Zwänge sind viel stärker. Interessant ist die Perspektive des Autors Fontane auf diese Unmöglichkeit der Liebe: Er arbeitet mit Andeutungen, mit doppelten Böden, mit kunstvollen Spiegelungen und stellt so die Klassenschranken subversiv in Frage.

Fotografie des deutschen Schriftstellers Theodor Fontane. (picture-alliance / dpa)Fontane wurde am 30. Dezember 1819 in Neuruppin geboren und ist am 20. September 1898 in Berlin gestorben. (picture-alliance / dpa)

"Der Stechlin" hingegen wirkt wie ein weises Alterswerk und wie ein Musterbeispiel liberaler Gelassenheit. Wie es Fontane hier gelingt, in einem märkischen Landadeligen, einem preußischen Junker so etwas wie die Möglichkeit eines freisinnigen Demokraten hervorlugen zu lassen, ist wirklich meisterhaft.

Fontanes Romane sind ohne seine jahrzehntelange Tätigkeit als Journalist nicht denkbar. Seine Dialoge, seine Figurenskizzen sind äußerst differenziert und vielschichtig. Er deckt dabei bürgerliche Muster auf, die heute keineswegs ausgestorben sind: Karrierismus, Opportunismus, Zynismus, intrigante Praktiken, verdeckte Konversationsstrategien, Standesdünkel. Fontane zeigt sich erstaunlich unabhängig von den Denk- und Medienmoden seiner Zeit – und kann damit gerade heute als Vorbild dienen.

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