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Lesart / Archiv | Beitrag vom 01.03.2017

Benjamin Lebert"Der Herzschlag eines Kindes in Nepal zählt nicht viel"

Benjamin Lebert im Gespräch mit Joachim Scholl

Der Autor Benjamin Lebert (picture alliance/dpa/Arno Burgi)
Der Autor Benjamin Lebert wurde 1999 mit seinem Debütroman "Crazy" berühmt. Das Buch wurde in 33 Sprachen übersetzt. (picture alliance/dpa/Arno Burgi)

Zwangsarbeit und Zwangsprostitution: Dieses Schicksal teilen in Nepal 1,6 Millionen Kinder, die von ihren Eltern verkauft wurden. Benjamin Lebert hat einige von ihnen kennengelernt und über sie ein Buch geschrieben: "Die Dunkelheit zwischen den Sternen".

Einen Roman wollte Benjamin Lebert ("Crazy") ursprünglich gar nicht schreiben - vielmehr endlich eine Freiwilligenzeit absolvieren. Dafür ging er drei Monate nach Nepal. Dort, so erzählt er, habe er in einem so genannten "Recovery Home" gearbeitet, einem Refugium für Kinder, die ihrer Versklavung entkommen sind. Die Eltern, so Lebert, hätten sie teils willentlich verkauft: "Sie wissen, was mit ihren Kindern geschehen wird, sie haben eine weite Reise vor sich, sie kommen in die Zwangsarbeit, in die Zwangsprostitution." Einige könnten sich selbst befreien, andere würden von Entwicklungshilfern befreit. Dann sei das Ziel, die Kinder zurückzubringen:   

"Aber auch das ist leider von Dunkelheit berührt, weil die Eltern sie nicht wieder zurückhaben wollen in den meisten Fällen. (...) Der Herzschlag eines Kindes zählt nicht so sonderlich viel in diesen vor allem ländlichen Gefilden." 

Den Eltern erklären, dass Kinder nicht verkauft werden sollen

Auch er selbst sei auf Dörfer mitgefahren - "um mit den Eltern zu reden und ihnen zu erklären, dass Kinder nicht verkauft werden sollen, (…) dass man sie wertschätzt, dass sie kein Mittel zum Zweck sind, um Geld herbeizubringen". In seinem Roman lässt er drei Kinder zu Wort kommen - und schreibt bewusst nicht aus der Perspektive eines Europäers:

"Ich habe (...) das Gefühl, dass wir in unserem westlichen Denken vielleicht auch zu sehr verankert sind und gerade das manchmal das Problem ist: dass wir nicht wirklich in Fühlung gehen mit etwas anderem. Ich wollte das umdrehen - dass die Kinder erzählen - und wir, der Europäer, der dort hinkommt, um zu helfen, und dann wieder nach drei Monaten verschwindet und die Kinder in ihrem Schicksal zurücklässt - wir sind die Projektionsfläche."

Auch nach seiner Rückkehr, erzählt Lebert, halte er Kontakt nach Nepal. Das "Recovery Home" sei bei dem schweren Erdbeben 2015 zerstört worden, die Kinder hätten aber alle überlebt:

"Manche von ihnen sind auch wieder zurückgekommen zu ihren Eltern, es scheint sich für ein paar von ihnen gut auszunehmen. Ich möchte aber so gerne sie wieder besuchen."

Benjamin Lebert: "Die Dunkelheit zwischen den Sternen", Verlag S. Fischer, 303 Seiten, 20 Euro

 

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