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Studio 9 | Beitrag vom 12.06.2019

Beliebte OstseeDas Kreuz mit den Kreuzfahrern

Von Carsten Schmiester

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Das Kreuzfahrtschiff "Norwegian Getaway" in Warnemünde, im Vordergrund sind Strandkörbe zu sehen, aufgenommen 2017  (picture alliance / Bernd Wüstneck)
Kreuzfahrer schlafen und schlemmen an Bord – und lassen nur wenig Geld an Land. (picture alliance / Bernd Wüstneck)

Seit das östliche Mittelmeer kriegsbedingt keine katalogtypische Kreuzfahrerromantik mehr aufkommen lässt, weichen die Reedereien aus. Die Ostsee ist dabei im Sommer eines der Boomgebiete. Schlecht fürs Klima - aber von "Kreuzfahrtscham" keine Spur.

Schweden feiern und trinken gerne und machen das am liebsten auf dem Wasser. Damit werden sie gelockt. Unter anderem vom Kurzkreuzfahrtanbieter Viking Line. Die Bässe wummern, verkleidete Leute tanzen, Cocoloco heißt der neue Spaß: Party pur!

Die "Cinderella" ist dabei nur eines der mittelgroßen Schiffe, die durch den Schärengarten bis zu den nahen Åland-Inseln fahren oder weiter nach Finnland und dann zurück. Das Konzept: Billige Tickets, weil die Gäste viel Geld fürs Feiern ausgeben und dann für den zollfreien Einkauf.

Dabei schieben sich die kleineren Kreuzfahrer zu Spitzenzeiten dicht gedrängt fast Heck an Bug durchs schmale Fahrwasser. Hinzu kommen dann noch die AIDAs, Costas, Norwegians, Vikings oder Meine Schiffe dieser Welt, also die "richtigen" großen Kreuzfahrer mit mehreren Tausend Passagieren an Bord.

So viel Kohlendioxid wie 700 Lastwagen

Seit das östliche Mittelmeer kriegsbedingt keine katalogtypische Kreuzfahrerromantik mehr aufkommen lässt, weichen die Reedereien aus. Die Ostsee ist dabei im Sommer eines der Boomgebiete mit den "Big Five", den fünf Hauptzielen: St. Petersburg, Helsinki, Tallinn, Kopenhagen und Stockholm.

Oft liegen hier gleich mehrere Pötte gleichzeitig an den Kais und dampfen munter weiter, besser, sie qualmen. Denn ihren Strom erzeugen neun von zehn dieser Schiffe selbst mit großen Dieselaggregaten an Bord. Dabei produziert eines dieser Schiffe so viel Kohlendioxid wie 700 Lastwagen. Was für Hamburg oder Rostock gilt, ist auch hier im Norden ein Teil des Kreuzes mit den Kreuzfahrern, sagt Lars Barregård, Mediziner an der Universität in Göteborg:

"Die Luftverschmutzung beeinträchtigt die Menschen in den Städten natürlich deutlich mehr als weit draußen auf dem Meer. Das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall, Lungenkrebs oder Asthma erhöht sich dadurch."

Jonas Allerup ist Klimaanalytiker bei Naturvårdsverket, der staatlichen Behörde für Umweltschutz, und er kennt die Gefährder ganz genau:

"Es geht um Treibhausgase, also CO2 oder Methangas, aber eben auch um bedeutende Mengen Schwefel, da die meisten Schiffe Schweröl tanken. Im Ostseeraum hat man allerdings schärfere Gesetze eingeführt, was den Schwefelgehalt im Treibstoff angeht."

Strom generieren bei laufendem Motor am Kai

Auch in den Häfen verbrennen sie zwar saubereren Diesel. Aber das ist höchstens ein kleiner Lösungsansatz, sagt Allerup. Besser wäre es, die Stromerzeuger würden ganz abgestellt:

"Man versucht, Einfluss darauf zu nehmen, damit die Schiffe im Hafen die bereitgestellte Stromversorgung auch nutzen statt mit laufendem Motor am Kai zu stehen, um Strom selbst zu generieren. Aber das ist wohl bisher noch nicht obligatorisch."

Verkehrte Welt. Gerade erst haben Wissenschaftler herausgefunden, dass alleine der große und kleine Fährverkehr an Schwedens Küsten mehr CO2 produziert als der gesamte inländische Flugverkehr. Und trotzdem redet das Land und auch Europa wesentlich mehr und häufiger über "Klima-Greta" Thunbergs Kritik an der Zuviel-Fliegerei.

"Schiffsreisen haben sich im Vergleich zu Flugreisen bisher gut verstecken können. Es ist schwierig, die Emissionen exakt zu messen, weil sie vom Schiffstyp und der Anzahl der Passagiere abhängen. Man kann sich da nicht so einfach ein klares Bild verschaffen. Bei Flügen ist das anders. Die meisten Flugzeuge ähneln sich und da ist es leichter, den Einfluss auf das Klima zu berechnen."

Die Kreuzfahrer-Branche hat ein Imageproblem

Dagegen lässt sich der wirtschaftliche Einfluss der Kreuzfahrer besser in Zahlen ausdrücken. Beispiel Stockholm: Hier haben im vergangenen Jahr 268 Mal Kreuzfahrer festgemacht, mehr als 600.000 Passagiere ließen nach Informationen der Hafenverwaltung umgerechnet knapp 50 Millionen Euro in der Stadt und in der Umgebung, das macht etwa 80 Euro pro Passagier. Eher wenig, wenn man das mit Urlaubern vergleicht, die in der Stadt auch Hotelzimmer buchen und in Restaurants essen gehen.

Kreuzfahrer dagegen schlafen und schlemmen an Bord und fallen an Land dann eher unangenehm auf, weil sie stoßweise über Touristenattraktionen herfallen und alles blockieren, auch Toiletten, das kommt besonders schlecht an. Die Branche hat ein Imageproblem, eine negative ökologische und für Gasthäfen bestenfalls bescheidene ökonomische Bilanz.

Aber sie hat eine große Fangemeinde, die das Leben an Bord schätzt und die in den Stockholmer Schären besonders spektakulären Landschaftseindrücke beim Rein- und Rausfahren. Noch scheint das den Leuten wichtiger zu sein, meint Jonas Allerup. "Flygskam", also der bewusste Verzicht aufs Fliegen wegen dessen klimaschädlicher Wirkung, dürfte nach seiner Einschätzung vorerst ein begrenztes Phänomen bleiben und so schnell nicht zur "Kryssningskam" werden.

"Es ist wohl noch ein bisschen früh um von Kreuzfahrtscham zu sprechen", sagt er, "die Zahlen liegen aktuell noch ungefähr auf dem gleichen Niveau wie bisher." Oder sogar etwas höher. In Stockholm werden in diesem Jahr 287 Mal Schiffe erwartet, 19 mehr als 2018 – ein neuer Rekord!

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