Seit 20:03 Uhr Konzert

Donnerstag, 01.10.2020
 
Seit 20:03 Uhr Konzert

Fazit | Beitrag vom 13.08.2020

Belarus: Kulturschaffende im WiderstandMit Herz, Faust und Victory-Zeichen

Olga Shparaga im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

Beitrag hören Podcast abonnieren
Teilnehmerin einer Demonstration in Minsk mit einem Plakat, das die drei Symbole der Bewegung darstellt: Eine Faust, ein Herz und ein Victory-Zeichen. (Nataliya Fedosenko / Itar-Tass / imago-images)
Demonstrantin in Minsk mit einem Plakat, das die drei Symbole des Widerstands darstellt. (Nataliya Fedosenko / Itar-Tass / imago-images)

Die Kunst- und Kulturszene spielt bei den Protesten in Belarus eine wichtige Rolle. Die Kulturschaffenden versorgen die Bewegung mit Symbolen des Widerstands und sind zudem gut vernetzt.

Die Regierung in Belarus ist offenbar von den landesweiten Protesten beeindruckt - seit Donnerstagabend lässt sie Demonstranten frei, die in den vergangenen Tagen festgenommen worden waren. Der Machtapparat unter dem autoritären Präsidenten Alexander Lukaschenko lenkt erstmals ein - möglicherweise auch, um Sanktionen der Europäischen Union zu verhindern.

Heute beraten die Außenminister der EU-Staaten über Reaktionen auf die von Fälschungsvorwürfen begleitete Präsidentenwahl in Belarus. In den letzten Tagen war die Polizei mit großer Härte gegen Demonstranten vorgegangen. Die Menschen, die im Gefängnis waren, berichten unterdessen von teils schweren Misshandlungen.

Frauen sind bei den Protesten vorn dabei

Die Bewegung für Demokratie in Belarus wird auch von Kulturschaffenden getragen. Regierungskritische Künstler seien bereits seit Monaten sehr aktiv, sagt Olga Shparaga, Philosophin am European College of Liberal Arts in Belarus. Aus ihren Reihen kämen viele Symbole, die von den Protestierenden momentan genutzt würden.

Dazu gehört unter anderem auch das Gemälde "Eva" des Malers Chaim Soutine. Das Bild gehört zur Sammlung des Oppositionellen Viktor Babariko, der derzeit im Gefängnis sitzt. Seine Sammlung wurde konfisziert. Dem ursprünglichen Frauenporträt wurde von Künstlern nun ein Stinkefinger hinzugefügt, bevor es auf T-Shirts gedruckt wurde: "Dieses Bild zeigt, welch große Rolle die Frauen bei den Protesten spielen, es ist zuerst von Künstlerinnen und Schriftstellerinnen während der Proteste benutzt worden", sagt Shparaga.

Drei oppositionelle Politikerinnen in Belarus: Weronika Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja und Maria Kolesnikowa (l-r). (imago / TASS / Natalia Fedosenko)Frauen im Widerstand: Veronika Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja und Maria Kolesnikowa. (imago / TASS / Natalia Fedosenko)

Ein weiteres wichtiges Symbol bestehe aus den drei Zeichen für Herz, Faust und "Victory", das auch die Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja gezeigt hat. Eine Künstlerin habe diese Gesten dann gezeichnet - und nun seien sie überall bei den Protesten zu sehen.

Eine seit langer Zeit vernetzte Künstlerszene

Das Internet spiele bei der Organisation der Proteste eine wichtige Rolle, berichtet Shparaga. Doch es ging auch ohne: In den ersten drei Tagen nach der Wahl, als das Regime das Netz blockiert hatte, habe man miteinander telefoniert und Kurznachrichten verschickt, berichtet die Philosophin.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Die Kulturschaffenden in Belarus seien gut vernetzt: "Wir kennen einander, erreichen einander und kümmern uns umeinander." Auf Facebook gibt es inzwischen eine Bewegung, die "Kulturprotest" heißt und für noch mehr Kontakt untereinander sorgen soll.

"Ich weiß nicht, was morgen kommt. Es entstehen neue Formen als Reaktion auf die Gewalt und ich denke, dass es weitergeht, weil die Gesellschaft jetzt richtig aktiv ist. Und das nicht nur in Minsk, sondern überall in Belarus, auch in kleinen Dörfern. Die Menschen wollen für ihre Zukunft kämpfen", sagt Shparaga.

(rja/ahe)

Mehr zum Thema

Proteste gegen Wahlfälschung in Belarus - Aufrufe zur Beendigung der Gewalt
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 13.08.2020)

Präsidentschaftswahl in Belarus - Frauenpower für einen politischen Wandel
(Deutschlandfunk Kultur, Weltzeit, 04.08.2020)

Konfiszierte Kunst in Weißrussland - Die Politik der leeren Rahmen
(Deutschlandfunk Kultur, Fazit, 22.06.2020)

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsBrahms und der Blues
Eine Büste des Komponisten Johannes Brahms steht im Garten des Museums der Stadt Bad Ischl. (imago images / Rudolf Gigler)

Im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" wird der US-amerikanische Jazzpianist Brad Mehldau zu allem und jedem gefragt. Das führt zu einigen ungewöhnlichen Erkenntnissen: unter anderem, dass Johannes Brahms in Wirklichkeit den Blues hatte.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur