Behindertensport

    "Superhumans" mit Handicap und Hightech-Rollstuhl

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    Der im Rollstuhl sitzende japanische Bocciaspieler Takayuki Hirose wirft einen Ball bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro.
    Auch beim Boccia für Menschen mit Handicap kommen spezielle Rollstühle zum Einsatz. © imago / AFLOSPORT
    29.08.2021
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    Die Paralympischen Spiele könnten als Vehikel für erweiterte gesellschaftliche Teilhabe behinderter Menschen dienen. Wenn der Fokus jedoch auf die Inszenierung von Heldengeschichten gelegt wird, unterläuft das die hilfreichen Modelle von Inklusion.
    Bei den Paralympics in Tokio ist Deutschland erstmals auch im Boccia vertreten. Mit dem Saarländer Boris Nicolai, der mit einer Muskeldystrophie lebt und in seinen Bewegungen stark eingeschränkt ist. Mit guten Leistungen könnte er das Interesse für Boccia steigern. Auch und gerade bei Menschen mit Behinderungen.

    Viele Breitensportvereine haben kein Interesse

    Denn laut dem Teilhabebericht der Bundesregierung sind mehr als die Hälfte der Menschen mit Behinderung sportlich gar nicht aktiv. Viele Sportstätten sind nicht barrierefrei und vielen Trainern, Lehrern und Physiotherapeuten fehlt die inklusive Ausbildung. Viele Breitensportvereine haben zudem kein Interesse, Menschen mit einer schweren Behinderung aufzunehmen und bieten keine barrierefreien Zugänge.
    Die wären aber bitter nötig, denn sage und schreibe 31 Sportarten versammeln sich etwa im Deutschen Rollstuhlsportverband, vom Rollstuhlbasketball, über Rollstuhlrugby, Rollstuhlmarathon bis zum Rollstuhltennis. Und die meisten Sportlerinnen und Sportler mit Handicap haben rollende Hightech-Stühle.
    Die Sportrollstühle haben wenig gemein mit den Mobilitätshilfen aus dem Krankenhaus. Und es gibt kein universelles Modell, denn jede Sportart hat andere Erfordernisse. Eins haben die High-Tech-Geräte natürlich gemeinsam: Sie sind wendiger, breiter, leichter und dennoch stabiler als der Alltagsrollstuhl und können mehrere Tausend Euro kosten.

    Kritik an der Heldenerzählung

    Wegen seiner Spezifika könnte eine Sportart wie Boccia zur gesellschaftlichen Teilhabe beitragen. Denn Boccia erfordert keine Schnelligkeit, Explosivität oder Kraft, sondern Technik, Konzentration und Genauigkeit. Deswegen orientiert sich Boccia nicht so sehr an der üblichen Heldenerzählung, die auch in die Paralympics Einzug gehalten hat, da diese sich mit ihren medialen Bildern an die Olympischen Spiele angenähert haben. Im britischen Sender Channel 4 etwa werden manche Parasportler als "Superhumans" inszeniert.
    Inklusionsaktivisten betrachten diese Entwicklung nicht ohne Sorge, denn wo Körper und Leistungen miteinander verglichen werden, entsteht eine Debatte, die dem "Sozialmodell von Behinderung, also dass Menschen mit Behinderungen durch Barrieren behindert werden, konträr gegenübersteht", sagt Anne Gersdorff vom Verein "Sozialhelden".

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