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Zeitfragen | Beitrag vom 03.04.2020

Begegnungen mit Hilary Mantel Die Zukunft ist merkwürdig leer

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Porträt von Hilary Mantel. (Getty Images / David Levenson)
Mit "Spiegel und Licht" ist gerade der finale Teil von Hilary Mantels Trilogie um den Staatsmann Thomas Cromwell erschienen. (Getty Images / David Levenson)

Mit ihren historischen Romanen über das England der Tudors wurde die Schriftstellerin Hilary Mantel weltberühmt. Mit "Spiegel und Licht" hat sie die Trilogie über den Aufstieg von Thomas Cromwell am Hof Heinrichs VIII. vollendet.

"Als ich mit "Wölfe" begann, sagt Hilary Mantel, "war mir nicht klar, dass es sich um eine Trilogie handeln würde. Ich stellte mir ein einziges umfangreiches Buch vor."

"Wölfe" ist der erste Band der Tudortrilogie um Aufstieg und Fall von Thomas Cromwell. Der Roman erschien 2009 zum 500. Thronjubiläum von Heinrich VIII. und wurde wie der Nachfolgeband "Falken" mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet. Mitte Januar, etwa zwei Monate vor dem weltweiten Erscheinen des dritten und letzten Teils "Spiegel und Licht" erzählte Hilary Mantel in ihrer Wohnung in der Ortschaft Budleigh Salterton an der Küste von Devon von dem Tag, an dem sie ihr ambitioniertes Romanprojekt vollendet hatte.

"Ein Buch hat viele falsche Enden, aber dann kommt der Tag, an dem man es wirklich zu Ende geschrieben hat. Ich fühlte mich lange wie betäubt und konnte nicht glauben, dass ich es geschafft hatte. Als dann mein Mann kam, um mich in der Wohnung abzuholen, in der sich mein Arbeitszimmer befindet, sagte ich zu ihm "Ich bin fertig". Und wir haben beide gelacht – vor Freude, aber auch voller Unglauben."

Wie Mantel stammte Thomas Cromwell, der Außenseiter am königlichen Hof, aus einfachen Verhältnissen. Wie sie, die 2014 in den Adelsstand erhoben wurde und heute als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen ihrer Generation gefeiert wird, hatte sich Cromwell Einfluss, Ruhm und Geltung erarbeitet, was ihn zu ihrem idealen literarischen Wegbegleiter werden ließ.

Eine Dichtung über Geschichte

Diarmaid MacCulloch, Historiker und Professor für Kirchengeschichte an der Universität von Oxford, ist eigentlich kein großer Fan von historischen Romanen. Bis er "Wölfe" und danach noch mehrere Bücher von Mantel las. "Wir haben uns angefreundet, nachdem ich ihr einen Fanbrief geschrieben hatte."

Mac Cullochs 2018 erschienene Biografie über Thomas Cromwell ist gewissermaßen der Gegenentwurf zu Mantels romanhafter Lebensdarstellung des Mannes, der Heinrich VIII. bei seinem Vorhaben, sich von seiner ersten Frau zu trennen, um Anne Boleyn zu heiraten, unterstützte. Als Schatzkanzler und königlicher Sekretär erdachte er die Gesetzesgrundlage, die die Trennung von Rom ermöglichte und den König zum Oberhaupt einer englischen Staatskirche machte.

Er schrieb Hilary Mantel einen Brief, sagt MacCulloch. Dass es ein großer Roman sei, wisse sie ja, schließlich wurde er mit dem Booker Prize ausgezeichnet. "Aber ich möchte Ihnen sagen, dass mir angesichts der Details, die Sie kennen, die Luft wegblieb."

Ihre Romane über das England der Tudors spielten zwar im 16. Jahrhundert, seien aber eher ein Kommentar, "eine Dichtung über Geschichte".

Seelenzustände aus einer anderen Zeit

In den detailreichen, im Präsens erzählten Romanen wird man beim Lesen Zeitzeuge einer vergangenen Epoche, die aber wie aus der Erfahrung eines Moments heraus erzählt zu sein scheint. Ben Miles ist Schauspieler und Darsteller des Thomas Cromwell in der Inszenierung von "Wölfe" und "Falken" der Royal Shakespeare Company. In einer Szene kehrt Cromwell aus Yorkshire zurück – ein zweitägiger Ritt. Er schrieb Hilary Mantel, um sie zu fragen, was Cromwell während dieses Ritts wohl durch den Kopf gegangen sei. Ihre Antwort umfasste ganze drei Seiten und gab ihm einen tiefen Einblick in Cromwells Seelenzustand zu dieser Zeit.

Es kam zu einem Mailwechsel, manchmal sogar in der Pause eines der Stücke, wenn Ben Miles ihr erzählte, womit er sich während einer bestimmten Szene gedanklich befasst hatte.

"Ich fand diese Art von Zusammenarbeit sehr inspirierend", sagt Mantel, und einiges, das auf diese Weise entstanden ist, ist in den dritten Roman eingeflossen."

Darin wollte sie "ein System aus Spiegeln und Reflexionen errichten", so dass man bei der Lektüre gelegentlich in frühere Phasen von Cromwells Leben zurückkehrt.

Eine kleine erledigte Insel

Was die Zukunft von Großbritannien nach dem Brexit angeht, so ist Mantel pessimistisch:

"Ich mag damit falsch liegen, aber ich glaube, die Union wird zerbrechen. Ich glaube, Schottland wird als unabhängige Nation nach Europa zurückkehren, und vielleicht werde ich es sogar noch erleben, dass Irland sich wiedervereinigt, was ich niemals für möglich gehalten habe."

England und Wales wäre dann "eine kleine erledigte, küstennahe Insel, die zu der Entmachtung zurückkehrt, die ihr in der Frühzeit von Heinrichs Regentschaft zu eigen war, als niemand England in die Kalkulation einbezog, wenn es um die Machtbalance in Europa ging."

SprecherInnen: Cathlen Gawlich, Tonio Arango und Joachim Schönfeld
Regie: Klaus-Michael Klingsporn
Ton: Thomas Monnerjahn
Redaktion: Dorothea Westphal

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