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Studio 9 | Beitrag vom 25.09.2015

Beat Club wird 50Miniröcke und Live-Musik

Von Laf Überland

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Das SW-Foto aus den 1960er Jahren zeigt die britische Supergruppe "The Cream" während einer Aufzeichnung der legendären Beat-Club-Sendung von Radio Bremen. (dpa/picture alliance/Radio Bremen)
Das SW-Foto aus den 1960er Jahren zeigt die britische Supergruppe "The Cream" während einer Aufzeichnung der legendären Beat-Club-Sendung von Radio Bremen. (dpa/picture alliance/Radio Bremen)

Die legendäre Musikshow von Radio Bremen feiert ihr 50-jähriges Jubiläum. Die Sendung holte von 1965 bis 1972 unter anderem Stars wie Tina Turner, Jimi Hendrix oder Johnny Cash nach Bremen - und schockte die ältere Generation mit Miniröcken und wilden Mähnen.

Wilhelm Wieben: "Guten Tag, liebe Beat-Freunde! Nun ist es endlich soweit. In wenigen Sekunden beginnt die erste Show im Deutschen Fernsehen, die nur für Euch gemacht ist. Sie aber, meine Damen und Herren, die sie Beat-Musik vielleicht nicht mögen, bitten wir um Ihr Verständnis."

Musik: The Mood Mosaic – A Touch Of Velvet – A Sting Of Brass

Zunächst war der Beat Club ganz einfach gestrickt: Live-Verrenkungen des Publikums zu Playbackmusik, und es sah aus wie in der Schulaula beim Mittelball vom Tanzkursus. Der Regisseur Mike Leckebusch war grad mal 28, und er würde wohl die jungen Leute verstehen, für die man jetzt erstmals eine Sendung wagte, hoffte der Sender.

Die Moderatorin war Uschi Nerke, eigentlich Architekturstudentin - die sich die Miniröcke und auffälligen Outfits aus Honorargründen selber nähte - mit wechselnden Ko-Moderatoren, die englische Lockerheit in die Sendung brachten - ganz allerliebst:

"Bis dahin alles Gute, schöne Feiertage, und lasst euch viele Beatplatten schenken."

Das Logo der Sendung war der Londoner U-Bahn entlehnt - aah!, Swinging London! Und in den ersten Jahren traten noch saubere gepflegte Menschen mit Rüschenhemden und Fönwelle auf. Doch je lauter der Aufruhr der Popmusik in England und Amerika und das Geschrei der Studenten auf den bundesdeutsche Straßen wurde, desto geradezu schockierender gebärdete sich diese Sendung, indem sie die musikalische Revolution in die ordentlichen bundesdeutschen Wohnzimmer transportierte - wo die jungen Leute mit Mikrofon vorm Lautsprecher hockten und auf das Tonbandgerät aufnahmen. Und man gierte wie in Suchtstarre auf den nächsten neuen Namen, mit dem Uschi Nerke einen bekannt machte:

"Progressive Pop, Blues und Informationen in den nächsten 60 Minuten für alle, die anderswo nicht bedient werden."

Musik: Champion Jack Dupree – School Days

In jenen Jahren an der Schwelle zu den Siebzigern, als ein Teil der Popmusik gesellschaftliches Bewusstsein entfaltete (natürlich links), als die Haare zu langen Mähnen und auch die Musikstücke immer länger wurden, da war der Beat Club lange Zeit die einzige Sendung, in der die jugendlichen Verweigerer die Verweigerung gegenüber dem bürgerlichen Apparat vergaßen - in diesem Fall dem bürgerlichen Fernsehapparat. Aber diese Sendung nahm das bürgerliche Establishment ja auch nett auf die Schippe:

Aktion Sex ist mies

"Um die Bundesrepublik und Westberlin vor sittlichem Verfall zu schützen, hat sich die Aktion Sex ist mies gebildet. Sex ist mies kämpft gegen den Sex. Besonders gefährlich ist der Sex, wenn er in Verbindung mit Beatmusik auftritt."

Musik: Blind Faith – Well All Right

Die Erschütterung, die durch die Jugendbewegung und ihre Musik ausgelöst wurde, wirkte zurück auf die Musik des Beat Club – und auf seine neue, völlig eigene Fernsehästhetik: Die GoGo-Girls, die anfangs in Miniröcken getanzt hatten, drehten sich jetzt mit rhythmisch wehendem Hippie-Wallawalla in von Mike Leckebusch grafisch verfremdeten Wolken aus Licht und Bewegung - mit visuellen Rückkoppelungen und wehenden Lichtechofahnen, übereinandergeschichteten Negativbildern und grafischen Einblendungen, die Schnitte im Rhythmus der Musik ... Manchmal ergab das abenteuerlichen Bildersalat und manchmal Fernsehen wie auf Drogen, ab Winter 1970 auch in Farbe!

Zur Unterstreichung der politischen Aussage warf der Regisseur auch schon mal Filmbilder auf die Künstler - Vietnam, Kennedy, Martin Luther King – und streute durchgeknallte Experimentalfilme ein oder Laborberichte von psychedelischen Lightshowerfindern, aber auch mal eine halbstündige Dokumentation der amerikanischen Bürgerrechts- und Protestbewegung. Und die zum kritischen Inhalt passende Musik.

Nerke: "Wir werden unsere Aktion Sauberer Bildschirm – Sauberes Volk nachher noch fortsetzen. Dazwischen aber noch etwas musikalische Volksverhetzung mit folgenden Gruppen ..."

Musik: King Crimson – Lark's Tongues In Aspic

Der als Tanzparty im Fernsehen gestartete Beat Club war psychedelisch und subversiv geworden - zwischen high sein, frei sein und Rocken-für-die-Weltrevolution! "Progressive Pop Underground" nannten sie das jetzt, und die nicht-politisierten oder Bewusstseinserweiterung affinen Jugendlichen protestierten zunächst - und wanderten dann ab zum ZDF in Ilja Richters Disco!

Am 9. Dezember 1972 war deshalb dann, nach 83 Folgen, Schluss mit dem Beat Club. Mike Leckebusch machte dann, wieder mit Uschi Nerke, den viel harmloseren und rein mit Musik befassten Musikladen. Aber da hatte sich der allgemeine Aufbruch der Jugend auch bereits in selbstgefällige Anpassung gewandelt, und der Underground gehörte den Konzernen.

"Deshalb: meidet den Beat! Bleibt den Beatschuppen fern! Denn Beat ist mies, und Sex ist mies."

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