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Lesart / Archiv | Beitrag vom 22.04.2020

Basma Abdel Aziz: "Das Tor"Ägyptische Dystopie

Von Marten Hahn

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Basma Abdel Aziz: „Das Tor“, Cover mit Hintergrund (Heyne Verlag / Deutschlandradio)
Buchcover Basma Abdel Aziz: „Das Tor“ (Heyne Verlag / Deutschlandradio)

Basma Abdel Aziz entwirft in "Das Tor" das Bild eines Regimes, das die Bürger mit einer menschenverachtenden Bürokratie und surrealen Gesetzen zermürbt. Unverkennbares reales Vorbild: das Militärregime des Autokraten Abdel Fattah al-Sisi.

Seit Tagen schleppt sich Yahya mit einer blutenden Wunde durch die Stadt. Der Mann trägt eine "staatliche Kugel im Körper". Angeschossen wurde Yahya bei Zusammenstößen von Sicherheitskräften und Demonstranten. Nun ruht das Projektil über der linken Hüfte im Bauchraum.

Yahya ist damit gleichzeitig Kronzeuge und Beweisstück der sogenannten "Schändlichen Ereignisse". Denn laut Regierung fanden die brutalen Übergriffe nie statt.

Menschenverachtende Bürokratie

"Das Tor" von Basma Abdel Aziz interessiert sich jedoch kaum für diese physische Gewalt. Die ägyptische Autorin entwirft in ihrem dystopischen Debütroman vielmehr das Bild eines Regimes, das die Bürger mit einer menschenverachtenden Bürokratie und surrealen Gesetzen zermürbt.

Mit vielen anderen Menschen reiht sich Yahya in die Schlange vor dem "Tor" ein – einer gesichtslosen Super-Behörde ohne erkennbare Funktion. Das Tor erlässt Dekrete, verkündet Gesetze und erstellt Bescheinigungen – zumindest theoretisch. Yahya erhofft sich vom Tor eine "Genehmigung zur Extraktion einer Kugel". Ohne die darf kein Arzt operieren. Ohne die droht Yahya zu verbluten.

Zeitung namens "Wahrheit"

Schon nach wenigen Seiten erinnert Yahyas Geschichte an "Die Klärung eines Sachverhalts". Der Kurzfilm aus dem Jahr 2008 zeigt in einem Stasiverhör die Perfidität des Unrechtsstaats DDR. Aber auch andere bürokratische Albträume schwingen mit, von Franz Kafkas "Der Prozess" bis hin zum "Passierschein A38" in "Asterix erobert Rom".

In Yahyas namenloser Heimat hat sich die Politik "in die Köpfe der Menschen gefressen." Der Bäcker verweigert denen, die ‚falsch gewählt‘ haben, das Brot. Die Presse besteht nur noch aus einer Zeitung namens "Die Wahrheit", die vor allem Propaganda verbreitet. Und "Spaziergänger und Käufer mussten sogar dafür bezahlen, wenn sie auf dem Bürgersteig stehen blieben, um die Schaufenster zu betrachten."

Leider hat sich die Bürokratie auch in Abdel Aziz‘ Prosa gefressen. Substantiv-Ketten werfen sich dem Leser in den Weg wie Bremsklötzer: "Erst wenn sie ihre Papiere vollständig beisammen hatten, konnten sie einen Antrag auf Erteilung einer Genehmigung zur Durchführung der Operation stellen."

Bürokratensprache ermüdet

Stellenweise mag das Stilmittel sein. Doch auf Dauer ermüdet die Bürokraten-Sprache und man wünscht sich, Übersetzerin Larissa Bender hätte hier und da rettend eingegriffen. Stattdessen scheint die Übersetzung ihrerseits Spuren hinterlassen zu haben. Dieser Leser stolperte unter anderem über schiefe Bilder wie "die Tat des jeweils anderen unter der Decke zu halten."

Dennoch ist es erfreulich, dass Heyne den Titel nach vielen Jahren - das Original erschien bereits 2013 - nun ins Deutsche übersetzt hat. Zum einen, weil spekulative Literatur aus der arabischen Welt bis heute selten ist.

Und weil die in Kairo lebende Basma Abdel Aziz mehr als nur eine Schriftstellerin ist. Die Psychaterin hat sich als Menschenrechtsaktivistin einen Namen gemacht und auf die Behandlung von Folteropfern spezialisiert. Eine Erfahrung, die für die stärksten Passagen des Buchs verantwortlich sein dürfte.

Mit wenig Mühe erkennt man hinter Abdel Aziz‘ fiktivem Staat das Militärregime des sehr realen Autokraten Abdel Fattah al-Sisi. Auch deswegen ist "Das Tor" eine eindrucksvolle Erzählung über einen Unterdrückungsapparat, in dem Sprache, Gesetze und Wartezeiten so tödlich sind wie Gewehrsalven.

Basma Abdel Aziz: "Das Tor"
Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Heyne, 2020
288 Seiten, 14,99 Euro

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